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Rohstoffsicherung gab vor 30 Jahren den Ausschlag

Die Graupner-Tochter EBAGEC (Elaboradora Balsera Germano-Ecuatoriana) baut auf 260 Hektar Plantagen-Balsaholz in Ecuador an und produziert in Guayaquil unter deutschem Management Bohlen, Brettchen, Leisten und Modellteile aus Balsaholz für den Flugmodellbau. In Kürze soll die Plantagenfläche erweitert werden.

KIRCHHEIM Balsaholz ist einzigartig unter den Hölzern: Es hat ein spezifisches Gewicht von durchschnittlich 0,15 (Eiche 0,67). Nach sechs Jahren ist der Baum 12 Meter hoch und erreicht einen Brusthöhendurchmesser von gut 35 Zentimeter. Verbreitet ist der Balsabaum, ein Laubholz, in weiten Gebieten Mittel- und Südamerikas in einem Gürtel um den Äquator herum. Besonders gut wächst er in Höhenlagen zwischen 100 und 600 Meter in regenreichem Gebiet.

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Ecuador deckt rund 85 Prozent des Weltbedarfes an Balsaholz. Die erste dokumentierte Nutzung des Balsabaumes war der Bau von Flößen. Bekannt ist die spektakuläre Fahrt des norwegischen Ethnologen Thor Heyerdahl mit seinem Balsafloß "Kon-Tiki" von der Pazifikküste Südamerikas in Richtung Polynesien, mit der er seine These früher transozeanischer Kontakte zu belegen versuchte.

Die Kirchheimer Modellbau-Firma Graupner allerdings hatte handfestere Motive nach Südamerika zu gehen: Anfangs der Siebzigerjahre beginnend nahmen Probleme aufgrund der Unzuverlässigkeit ihrer ecuadorianischen Lieferanten unerträgliche Ausmaße an. Immer wieder musste die Produktion unterbrochen werden, weil das Holz nicht beziehungsweise nicht rechtzeitig geliefert wurde. Auch bestand die Gefahr der Monopolisierung des Balsamarktes. So war der Gedanke für Graupner naheliegend, die Rohstoffsicherung selbst in die Hand zu nehmen, und zwar vor Ort. Allerdings war dies zu jener Zeit nicht ganz einfach: Ecuador war noch eine Militärdiktatur. Zur Zeit des Kalten Krieges war es höchst unklar, in welche Richtung das Land driften würde.

Die ersten Sondierungsreisen erfolgten 1973 und 1974. Von der Idee, sich an einem der Lieferanten zu beteiligen, kam das Kirchheimer Unternehmen sehr schnell ab, nachdem man sich den potenziellen Partner und sein Unternehmen genauer angesehen hatte. Im Juni 1975 bot sich die Gelegenheit, eine Kaufoption auf eine Ananaskonservenfabrik in Guayaquil mit einem Grundstück von drei Hektar zu erwerben. Das Anwesen eignete sich für Graupners Zwecke. Die Konservenfabrik konnte in eine Fabrik für Holzbearbeitung umgewandelt werden.

Die Option war auf neun Monate befristet. Es galt nun, innerhalb dieser Frist die erforderlichen Genehmigungen der ecuadorianischen Behörden zu bekommen, einen Manager zu finden und die Fabrikanlage technisch für die Balsaholzbearbeitung einzurichten. Hilfreiche "Türöffner" bei den Behörden waren die Modellfliegerfreunde vom "Club de Aeromodelismo Quito". Damals gab es noch keine Deutsch-Ecuadorianische Handelskammer, die bei Firmengründungen zu Diensten ist.

Im November 1975 wurde ein Generalunternehmer mit der Einrichtung der Anlage betraut. Am 3. Februar 1976 wurde die EBAGEC ins Handelsregister eingetragen. Einen Tag vor dem Ablauf der Option konnte gekauft werden. Die Maschinen kamen am 7. Juli in Guayaquil an. Unverzüglich wurde mit der Montage, der Ausbildung der ungelernten Arbeiter und der Produktion begonnen. Der Betrieb ist nach deutschen Fertigungs- und Sicherheitsstandards ausgestattet. Wesentlich beschleunigt wurde der Fertigungsbeginn durch die Mithilfe erfahrener Mitarbeiter aus Kirchheim. Ende Dezember 1976 wurden die ersten Container verschifft. Durch das frühzeitige Fußfassen in Ecuador kam Graupner fernöstlichen Investoren zuvor.

In einer ersten Stufe wurde ausschließlich für den Bedarf des Kirchheimer Modellbauers produziert. Aber schon 1978 wurden die ersten Drittkunden im Modellbausektor beliefert. 1992 erstmals pflanzte die EBAGEC Balsabäume in Plantagen an, um ihrerseits ihre Versorgungssituation zu verbessern; 1997 wurde mit dem Einschlag begonnen.

260 Hektar beträgt die Plantagenfläche; eine Vergrößerung erfolgt in Kürze. Die EBAGEC exportiert in zwölf Länder. Sie beschäftigt 60 Personen und etwa weitere 60 indirekt in vorgelagerten Betrieben. Im Unterschied zu anderen Balsaverarbeitern verbleibt aufgrund des höheren Vorfertigungsgrades ein relativ größerer Anteil an Wertschöpfung in Ecuador.

Die Verlagerung der Balsaholzaufbereitung nach Ecuador erfolgte sukzessive, ohne dass jemand entlassen werden musste. Derzeit werden durch ein längerfristiges Produktionsprogramm zusätzlich Hirnholzplatten und verleimte Blöcke für Sandwichbauweisen außerhalb der Modellbaubranche aufgenommen; voraussichtlich werden dazu weitere 15 Fertigungsmitarbeiter benötigt.

Das Unternehmen wurde ohne irgendwelche direkte Förderung von ecuadorianischer und von deutscher Seite errichtet. Die ecuadorianischen Behörden haben sich stets kooperativ gezeigt; es wurde und wird von ihnen anerkannt, dass das Unternehmen von allseitigem Nutzen für Land und Leute ist. 1986 erhielt die EBAGEC vom Wirtschaftsministerium eine "Auszeichnung für industrielle Verdienste".

Ecuador ist ein reiches Land mit einer armen Bevölkerung. Das wird eindrucksvoll deutlich, wenn man von einem Hügel aus Guayaquil überblickt: Die Kernstadt ist umgeben von riesigen Slums. Hans Graupner haben die Verhältnisse nicht unberührt gelassen. "Wenn man von den Ressourcen eines Landes lebt, sollte man auch wieder etwas zurückgeben", meint er. 1978 spendete die EBAGEC dem Hospital Luis Vernaza ein komplett ausgerüstetes Ambulanzfahrzeug. Anlässlich des zehnjährigen Jubiläums 1986 gründete Hans Graupner die Stiftung "Hilfe für Guasmo" (Guasmo ist der größte der Slums in Guayaquil) und konnte in Ursula Hauser eine tatkräftige Treuhänderin dafür gewinnen, die mit einem engagierten Mitarbeiterstab im Rahmen des 1994 gegründeten gemeinnützigen Vereins "Hilfe für Guasmo" umfangreiche Bildungs- und Ausbildungsarbeit für die Ärmsten der Armen leistet.

pm