Lokales

"Rote Karte" für gentechnisch verändertes Essen

Pflanzen, die sich mit Giftstoffen gegen Schädlinge wehren, fremde Aromen und Bakterien in Brot und Käse ist gesund und unbedenklich, was die so genannte grüne Gentechnologie hervorbringt? Fragen, denen in einer Podiumsdiskussion des Evangelischen Bauernwerks Württemberg und des Evangelischen Bildungswerks Esslingen im Gemeindezentrum der Nürtinger Lutherkirche nachgegangen wurde.

NÜRTINGEN Sachliche Informationen, so das erklärte Ziel der Veranstalter, sollte die Veranstaltung zu dem so komplexen wie hart diskutierten Thema Genfood bieten. Mit Verbraucherschützerin Nora Mannhardt (BUND), der Fachhochschulprofessorin Barbara Elers, dem Leiter der Forschung und Entwicklung der Firma Ritter-Sport Schokoladen, Dr. Hartmut Rohse und dem Geschäftsführer des Evangelischen Bauernwerks, Dr. Clemens Dirscherl, hatten dazu Experten aus verschiedenen Disziplinen auf dem Podium Platz genommen, um die rund 60 Zuhörer über die grüne Gentechnologie aufzuklären. Bislang herrscht vor allem eines: große Verunsicherung. Auch wenn in Deutschland bisher nur auf Versuchsflächen gentechnisch veränderte Pflanzen angebaut werden, haben viele Verbraucher Angst vor dem, was über den Umweg Tierfutter oder Import aus dem Ausland auf deutschen Tellern landen könnte. Immerhin sind mittlerweile fast 60 Prozent des Sojaanbaus in den USA gentechnisch verändert.

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Auch die Landwirte schauen besorgt in die Zukunft. Neben Haftungsfragen steht hier das große Versprechen der in der grünen Gentechnik engagierten Firma im Raum, billigere Anbaumöglichkeiten zu gewinnen. Die Vorteile dürften nach jetzigem Stand des Wissens allerdings nur von kurzfristiger Natur sein, so die Auffassung von Professorin Barbara Elers, Fachfrau für ökologischen Landbau. Nur anfangs könnten bislang die Pflanzen aus dem Genlabor die vollmundigen Versprechen der Hersteller erfüllen, im Ackerbau ohne Pflanzenschutzmittel und Unkrautvernichter auszukommen. "Schon nach wenigen Jahren sind Schädlinge und Unkraut resistent und nur noch mit teuren Spezialmitteln zu bekämpfen", warnt sie. Eine Koexistenz zwischen konventioneller und ökologischer Landwirtschaft sei unmöglich: "Fremdeinkreuzungen sind jederzeit möglich", erklärte sie. Reine Propaganda sei, wie die Anbieter der grünen Gentechnologie derzeit Werbung für ihr Metier machten. Von nährstoffreichen Lebensmitteln, in der Wüste gedeihenden Pflanzen und Ähnlichem sei man derzeit noch meilenweit entfernt. Derzeit sei man lediglich so weit, einen Schalter umzulegen, um eine Pflanze resistent gegen Herbizide zu machen: "Für eine Pflanze, die in der Wüste gedeihen soll, müssten 37 Schalter umgelegt werden", so Dirscherl.

Was die Veränderungen im Gen-material für den Endverbraucher bedeuten, vermochte keiner der Experten derzeit zu sagen. Erste Untersuchungen zeigten aber, dass der BT-Mais, der dank fremden Erbguts mit selbst produziertem Gift Schädlinge vergiftet, bei der Verfütterung an Kühe offenbar Leistungseinbußen bei den Tieren zur Folge hat. Versuche mit Mäusen legten zudem die Vermutung nahe, dass der neue Giftstoff im Mais dem Immunsystem nicht zuträglich ist. Versteckte fremde Eiweiße, durch grüne Gentechnologie beispielsweise in die Sojabohne eingebaut, könnten bei Allergikern Unverträglichkeiten auslösen. Denn Sojalecithin ist vom Fertiggericht bis zum Schokoriegel in vielen Lebensmitteln enthalten.

Derzeit erscheint es Barbara Elers jedenfalls wie ein Roulettespiel, was in den grünen Genlabors entworfen wird. Immer wieder gebe es Ergebnisse, mit denen die Forscher nicht gerechnet hatten. Schier unkalkulierbar ist somit für die Expertin das Risiko. Ob allergische Reaktion oder Fremdeinkreuzung: Es gebe zurzeit keine wissenschaftliche Methode, das Risiko für die Menschen abzuschätzen. "Wenn man feststellt, welche Wirkungen die gentechnisch veränderten Pflanzen haben, ist der Zug abgefahren", warnte Barbara Elers. Darum mahnen sie und Nora Mannhardt die Verbraucher dringend, von ihrer Macht Gebrauch zu machen und gentechnisch veränderten Lebensmitteln die Rote Karte zu zeigen. "Profiteure sind die Firmen wie Monsanto, DuPont/Pioneer, Bayer und BASF", machte auch die BUND-Vertreterin deutlich, dass das Risiko deutlich auf der Seite der Kunden und Landwirte liege. Immerhin sprechen sich laut Umfragen derzeit in Deutschland 70 Prozent der Verbraucher gegen Genfood aus. Ob das im Supermarkt jedoch auch noch gilt, wenn gentechnisch veränderte Lebensmittel günstiger sind, das mochten Sprecher aus dem Plenum bezweifeln: "Die Deutschen gaben schon immer wenig Geld für ihre Ernährung aus", so ein Argument.

Noch ist Ritter-Sport davon nicht betroffen. Das Familienunternehmen hat sich verpflichtet, auf jegliche Zutaten gentechnisch veränderter Herkunft zu verzichten. "Qualität steht im Zentrum unseres Handelns", erklärte Hartmut Rohse. Um dies zu gewährleisten, hat das Unternehmen eine umfassende Sicherungskette aufgebaut: So müssen die Zulieferer garantieren, dass kein gentechnisch veränderter Rohstoff eingesetzt wurde. Analysezertifikationen, Kontrollen und Audits sollen das "Reinheitsgebot für Schokolade" sicherstellen. Wie lange die gentechnikfreie Nascherei allerdings noch bezahlbar bleibt, weiß auch Rohse nicht. "Ganz klar: gentechnikfreies Sojalecithin wird teurer werden", ist er überzeugt. So lange die Kunden aber bereit seien, den höheren Preis dafür zu zahlen, werde Ritter-Sport die selbst gesetzten Qualitätsansprüche nicht infrage stellen.

Fürsprecher fand die grüne Gentechnologie weder auf dem Podium noch im Plenum. Wo der Zug jedoch hingeht, das vermochten die Experten nicht zu sagen. Ihr Appell an die Zuhörer: Lebensmittel bewusst einkaufen und auf die Deklarationspflicht für gentechnisch veränderte Zutaten achten. "Als aktive Verbraucher haben wir schon einiges erreicht", machte Barbara Elers Mut.

nz