Lokales

Rote Nelken für Michail und Raissa Gorbatschow

KIRCHHEIM Der Flieger, Globetrotter und Buchautor Hans Schneider, 65, flog mit einer kleinen Cessna 150, einem einmotorigen Schulflugzeug, um die Welt. Welche Abenteuer er dabei erlebte und welche Gefahren er zu bestehen hatte, darüber berichtet der Teckbote in einer lockeren Sommerserie aus Hans Schneiders Buch "Der Flug des Raben".

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RICHARD UMSTADT

"Corvus" taufte der Autor seinen kleinen Blechflieger, nach seinem schwarzgefiederten Freund, dem Kolkraben. Mit ihm startete der Weltenbummler und Abenteurer am 2. Mai 1990 in Riberac, Südfrankreich. "Meine Reisevorbereitungen beschränken sich auf Technisches und haben sich auf Langstrecken durch Sahara und Sahel in Afrika bewährt." Die Überwindung bürokratischer Hürden überlässt er dem Zufall. "Diese Methode erfordert allerdings genau das, was keiner hat: Zeit!" In seinem Reisegepäck befinden sich 20 Fliegerkarten und eine Fünf-Liter-Flasche Saint Emilion rose.

Über Montpellier, Bastia/Korsika, Elba, Pescara, Brindisi, Thessaloniki und Istanbul fliegt Hans Schneider nach Ankara. Zu gerne hätte er von dort aus die Sowjetunion besucht. Seine Anfragen bei der Sowjet-Botschaft nach einer Einfluggenehmigung nach Eriwan bleiben jedoch erfolglos. "Mausgraue Bürokratengesichter verstecken sich hinter dicken Brillen und drucksen sich um ein klares Ja oder Nein herum, wie alle Politiker oder Juristen dieser Welt . . ." Deshalb hebt der Vogel mit randvollem Tank von Ankara nach Trabzon am Schwarzen Meer ab. "Durch ihre Nähe zur UdSSR hat die Stadt viel Besuch von dort, es wird so ziemlich alles gehandelt."

Von Trabzon fährt der Globetrotter per Bus nach Erzurum, um sich ein Visum für die Einreise in den Iran zu besorgen. Da reift in ihm in der Abgeschiedenheit der nordöstlichen Türkei der wahnwitzige Plan eines politischen Fluges heran. Aus Hochachtung vor einem Mann, der durch seine Offenheit die politischen Blöcke lockerte und die Wiedervereinigung Deutschlands ermöglichte, will Hans Schneider dem Präsidenten der UdSSR, Michail Gorbatschow, und dessen Gemahlin Blumen bringen. "Die Abweisung durch die sowjetische Botschaft in Ankara hat mich nicht entmutigt."

Doch das Projekt stellt sich als nicht ganz einfache Aktion heraus. Denn zum einen will der Pilot ohne Erlaubnis in die russische Stadt Batumi, nahe der Grenze, fliegen, zum anderen muss die Wetterlage stimmen und das Kaukasus-Gebirge wolkenfrei sein, um den Weiterflug nach Täbriz nicht zu gefährden.

Der erste Versuch, rote Rosen nach Batumi zu fliegen, scheitert an den Stratokumuli am Gebirge. "Mein Freund Ahmed, der Blumenhändler, nimmt die müden Rosen netterweise zurück und rät mir zu robusteren Nelken." So wandern 59 rote und 51 weiße Nelken mit Vase und einem Brief an Michail und Raissa Gorbatschow nebst einem Umschlag mit 20 US-Dollar für den Aeroflot-Weitertransport nach Moskau und einer Erklärung an das georgische Transportministerium in die Cessna. "Der Kaukasus wird in zwei Stunden frei sein", teilt ein zuvor gestarteter Pilot einer türkischen Boeing 737 Schneider über Funk mit.

Die Stippvisite in die Sowjetunion verlangt Präzision und navigatorische Sorgfalt. Bis zur türkisch-sowjetischen Grenze berechnet der Flieger eine Stunde, vier Minuten, und von dort zum Flughafen Batumi nochmals acht Minuten.

In 150 Metern Höhe schnurrt die Cessna der Grenze entgegen. Langsam ziehen die Küstenstädtchen vorbei. Das Gewitter und die heftigen Regengüsse der vergangenen Nacht haben die Luft gereinigt und für eine Sicht von 30 Kilometern gesorgt. Hans Schneider beobachtet scharf die Schwarzmeerküste, die jetzt elegant in weitem Bogen nach Norden schwingt. Genau in dieser Rundung wird Batumi sichtbar. Deutlich kann der Pilot die russische Grenze mit Mittelstreifen und Drahtverhau erkennen.

Mit stark überhöhter Drehzahl drückt Schneider die 180 Kilometer schnelle Cessna dicht aufs Wasser hinunter zehn Meter Flughöhe passen. Jetzt bringt ein leichter Schwenk den "Raben" nach rechts zum Küstenstreifen. Bei der niedrigen Höhe hat der Pilot keine Übersicht, aber der Flugplatz ist nicht mehr zu verfehlen. Zwei Pisten sind zu sehen. Eine läuft parallel zur Küste und ist zugewachsen, also außer Betrieb. Der andere Runway zielt direkt aufs Meer "der ist der Richtige". Die Cessna 150 löst sich von der Küstenlinie und holt zu einem weiten Bogen aus, der über dem langen Vorfeld des Flughafens endet. Gas raus. "Corvus" verliert schnell an Fahrt, Flughöhe noch fünf Meter, Entfernung 300 Meter zur Piste. Bleibt das Vögelchen unentdeckt? Wird die Überraschung gelingen?

Mit 40 Grad Landeklappen setzt Hans Schneider sein kleines Flugzeug extrem früh auf, noch 50 Meter vor der Schwelle der Landebahn. Dann tritt er voll in die Bremsen, nach 80 Meter steht der Vogel still. Der Verehrer Gorbatschows ist in dessen Reich.

Die Luftschraube der Cessna dreht weiter, als Schneider eilig den rot-weißen Nelkenstrauß aus seiner Enge befreit. Rasch stellt er das Bukett und die Briefumschläge am Pistenrand ab. Nichts rührt sich. Oder doch? Zwei weiße Illjuschin-Jets braten in der prallen Sonne vor dem Flughafengebäude. Etwa 200 Meter entfernt stehen zwei Zivilisten, der eine hält sein Fahrrad fest. Jetzt schauen sie herüber. Ihre Aufmerksamkeit gilt "Corvus". Plötzlich kommt Bewegung in die Szene. Zu Zweit schwingen sie sich aufs Rad und nähern sich.

Noch ein schnelles Foto der einsamen Nelken, einsteigen, Vollgas. Erleichtert nimmt die Cessna Fahrt auf. Bald sind die Räder frei. Die Piste ist erst zu einem Viertel "verbraucht". Der erfahrene Pilot macht nah am Boden Fahrt. Die Maschine ist jetzt 140 Stundenkilometer schnell und noch immer über der Piste. Dann zwingt sie Hans Schneider in eine steile Linkskurve. In etwa drei Meter Höhe zischt er über die getarnten Raketenstellungen der Russen. Zwei Dutzend Soldaten geraten in Panik. Ein mit einer Terrine gedeckter Tisch kippt in der Aufregung um. Die Soldaten stürzen zu den Waffen.

Der Rabe bleibt extrem tief, um kein Ziel zu bieten, und peilt die türkischen Grenzhügel an. Beim Zurückschauen erkennt Schneider eine kleine zweimotorige Maschine, die abgehoben hat. Der Abstand beträgt etwa drei Kilometer. Die "Zweimot" ist über dem Horizont, die Cessna aber darunter und somit unsichtbar. Endlich taucht die türkische Grenze auf, dann ist der waghalsige Flieger "draußen". Geschafft . . .

INFODas Buch "Der Flug des Raben" von Hans Schneider ist zu beziehen beim Autor selbst und kann unter der Rufnummer 01 79/7 68 08 53 oder unter bestellung@der-flug-des-raben.de bestellt werden. Das reich bebilderte Werk kostet 42 Euro und wird vom Autor handsigniert geliefert. Es ist in Kirchheim aber auch in den Buchhandlungen Schieferle, Wellingstraße 24, Schöllkopf, Alleenstraße 3, und Zimmermann, Max-Eyth-Straße 3, sowie bei Schreibwaren Weixler in der Dettinger Straße 11 zu haben.