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Rotstift bedroht Planung für Lauterbrücke

Per Drahtesel fernab vom Verkehr aus der Innenstadt quer durchs sanierte Gerberviertel bis zum neu belebten Kolb-und-Schüle-Gelände diese Möglichkeit soll in Kirchheim seit langem geschaffen werden. Doch der Sparzwang wächst, die Voraussetzungen haben sich geändert: Um Haaresbreite wäre jetzt die beim Schlachthof geplante Lauterbrücke dem Rotstift zum Opfer gefallen.

IRENE STRIFLER

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KIRCHHEIM "Das Konzept Schlachthof ist so abgespeckt, dass sich die Frage stellt, ob dort eine Brücke notwendig ist", eröffnete SPD-Stadtrat Peter Bodo Schöllkopf die Diskussion im Technischen Ausschuss und kokettierte sogleich mit dem Antrag, die Brücke gar nicht erst zu bauen: "Der Schlachthof hat ohnehin nicht mehr viel Außenfunktion." Christoph Tangl, Fraktionsvorsitzender der Grünen Alternativen, ergänzte: "Was wir ursprünglich wollten, wurde Schritt für Schritt abmontiert." Vom Kino über die Markthalle bis zum Kulturtempel reichten einst die Überlegungen zur Zukunft des historischen Gebäudes. Jetzt geht es im Wesentlichen um Wohnungen, Stellplätze und ein wenig Gewerbefläche.

Die Brücke geistert seit den 80er-Jahren durch die Köpfe der Planer und ist deshalb längst im Bebauungsplan verankert. Ihre Realisierung ist zwar erst mit entsprechendem Fortschritt der Bauarbeiten am Schlachthof vorgesehen, doch jetzt legte die Verwaltung erstmals eine konkrete Planung vor. Annähernd 100 000 Euro wird die Überquerung demnach kosten. Mit einer möglichen "überplanmäßigen Einsparung" liebäugelte angesichts dieser Summe Ulrich Kübler (Freie Wähler). Der CDU-Fraktionsvorsitzende Helmut Kapp gab zudem zu bedenken, dass die Brücke Unruhe in die dortige Wohnanlage bringen werde.

Eine Wendung nahm die vom Sparwillen beseelte Diskussion, als sich Hagen Zweifel einschaltete, Fraktionsvorsitzender der Freien Wähler. Ihm fiel angesichts der erhofften Entwicklung im Gesamtareal der Verzicht auf die Brücke schwer. Wenn eines Tages die untere Max-Eyth-Straße verkehrsberuhigt werde, nähme der Verkehr in der Schülestraße zu, argumentierte er. Dann sei sehr wohl eine Radlerbrücke sinnvoll. Bürgermeister Günter Riemer sah die geplante Maßnahme ebenfalls im übergeordnetem Zusammenhang, eine autofreie Fuß- und Radwegverbindung durch das Siedlungsgebiet zu schaffen. Ein flammendes Plädoyer für diesen Gedanken hielt Planungsamtsleiter Dr. Hermann-Lambert Oediger: "Die Lauter soll in der Süd-Nord-Achse erlebbar gemacht werden", erinnerte er an die zuletzt 2004 im Ratsrund abgesegneten Überlegungen. Viel Grün, Bänke und Spielgeräte sind vorgesehen. Bei der Brücke handle es sich um weit mehr als eine gebietsinterne Verbindung: Langfristig hofft man auf eine umfassende Wegverbindung auf der ehemaligen Bahntrasse durch das landeseigene Gelände des Pädagogischen Fachseminars.

Bezug nehmend auf die ursprünglichen Pläne für den Schlachthof machte Oediger klar, dass beispielsweise Ideen wie die einer Außengastronomie immer noch möglich seien: "Wir schaffen durch die Infrastruktur ein Angebot", beschrieb er den städtischen Beitrag zum Gelingen dieses Vorhabens. Im Rahmen des Sanierungsprogramms bekäme die Stadt außerdem 60 Prozent der Herstellungskosten für die Brücke erstattet.

Angesichts der überzeugenden Darstellung der Brücke als wichtiges Element im Gesamtkonzept gewann die urprüngliche Planung immer mehr Anhänger zurück. "Wenn stadtnahes Wohnen in Kirchheim grundsätzlich gefördert werden soll, brauchen auch Fußgänger eine Brücke", betonte Birgit Müller von der Frauenliste. CDU-Stadtrat Mathias Waggershauser richtete den Blick auf das noch im Dornröschenschlaf schlummernde Kolb-und-Schüle-Gelände und warnte: "Unter Umständen verschlafen wir eine Entwicklung, wenn sich dort was tut!"

"Wir stehen nicht unter Zeitdruck", fand Bürgermeister Riemer schließlich in aller Diplomatie einen Vorschlag, der rundum überzeugte: Die Verwaltung wird die Notwendigkeit der Wegeverbindung durchs Gerberviertel erneut ausführlich darstellen. Einhellige Zustimmung signalisierten die Stadträte schon mal vorab für die favorisierte Stahlkonstruktion.