Lokales

Rotstift-Politik geht Vereinen an die Substanz

Zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt und ohne Vorwarnung traf die Hiobsbotschaft bei der Volkshochschule und der Familien-Bildungsstätte in Kirchheim ein: Mitten im Haushaltsjahr kürzt die Landesregierung die Personalkosten-Zuschüsse um zehn Prozent. Wie sie die Einschnitte ausgleichen sollen, wissen die Einrichtungen noch nicht. Klar ist für sie jedoch: "Das geht an die Substanz."

BIANCA LÜTZ

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KIRCHHEIM "Wir sind zutiefst betroffen", schilderte Janine Eick, Vorsitzende des Vereins der FBS, die aktuelle Stimmung bei den Verantwortlichen der Kirchheimer Bildungsträger. Zunächst verhinderte eine Haushaltssperre der Landesregierung, dass die Zuschüsse zu den Personalkosten rechtzeitig fließen konnten. Kaum war die Sperre aufgehoben, folgte der nächste Tiefschlag: Noch im laufenden Haushaltsjahr werden die Zuschüsse des Landes für die Weiterbildungseinrichtungen um zehn Prozent gekürzt.

Was das in der Praxis bedeutet, machte Janine Eick bei einer gemeinsamen Pressekonferenz von vhs und FBS in Kirchheim klar: "Aus einem völlig abgeschlossenen Haushalt sind im laufenden Jahr einfach zehn Prozent herausgenommen worden." Auch Susanne Voigt, Leiterin der vhs, sieht angesichts der wegfallenden Mittel schwarz: "Wir haben keine Möglichkeit mehr zu reagieren", ärgerte sie sich. Das Programm der Volkshochschule für das kommende Semester ist bereits in Druck gegangen, das der Familien-Bildungsstätte liegt fix und fertig auf dem Tisch. Angesichts der wegbrechenden Finanzmittel beispielsweise Kurse zu streichen, kommt also nicht mehr in Frage.

Insgesamt 5500 Euro an Zuschüssen fallen durch die Kürzung bei der FBS weg, die vhs muss dieses Jahr auf rund 8000 Euro verzichten. Auch wenn das zunächst nach nicht allzuviel Geld klingt, für die Kirchheimer Vereine beide selbstständig und nicht wie andere Bildungsstätten in kommunaler Trägerschaft sind die Mittel unverzichtbar: "Wir sind stark auf Zuschüsse und Förderungen angewiesen", betonte Janine Eick. "Die Haushalte beider Einrichtungen sind sehr eng gerechnet."

Die jüngste Streichung ist außerdem nicht die erste. In den vergangenen Jahren wurden die Fördermittel insgesamt schon um die Hälfte gekürzt. "Der Zuschuss des Landes für die FBS ist seit 2001 von elf auf acht Prozent gesunken", nannte Christoph Tangl, Leiter der FBS, Zahlen. Schon jetzt finanziert sich die FBS Kirchheim zu 60 Prozent aus Teilnehmergebühren und lediglich zu 27 Prozent aus Zuschüssen von Stadt, Kreis, Land und Kirchen. Den Rest bringt der Verein durch Beiträge, Aktionen und Sponsoren auf.

Bei der vhs Kirchheim liegt der Anteil der selbst aufzubringenden Mittel noch höher: 80 Prozent der Kosten werden großteils durch Teilnehmerbeiträge finanziert. Die restlichen 20 Prozent decken Zuschüsse ab. Die Förderung des Landes für die vhs beträgt Susanne Voigt zufolge gerade noch 5,8 Prozent des Volumens.

Angesichts der Entwicklungen in den vergangenen Jahren mussten die beiden Kirchheimer Weiterbildungsstätten bereits zu drastischen Mitteln greifen. "Wir sparen an allen Ecken und Enden, haben unsere Öffnungszeiten eingeschränkt, Gebühren und Mitgliedsbeiträge erhöht", schilderte Christoph Tangl. "Auch unser Personal haben wir reduziert." Ein Stellenabbau war bei der vhs ebenfalls unumgänglich: "Wir mussten Anfang des Jahres eine betriebsbedingte Kündigung aussprechen", berichtete Susanne Voigt. Wie es weitergehen soll, wenn sich die Abwärtsspirale noch stärker nach unten dreht, wissen die Verantwortlichen nicht, klar ist jedoch allen: "Es geht um unsere Existenz."

Noch mehr als bislang auf Ehrenamtliche zurückzugreifen, kommt für keinen der Träger in Frage: "Weiterbildung ist eine hochprofessionelle Sache", so Susanne Voigt. "Wir können keine Sachkosten mehr einsparen. Das heißt, wir müssen weiter Personal und Häuser abbauen", blickte Voigt in die ungewisse Zukunft. "Das bringt natürlich auch eine Leistungsreduzierung mit sich." An der Gebührenschraube möchte sie auf keinen Fall mehr drehen: "Wenn wir die Gebühren erhöhen und weniger Teilnehmer kommen, haben wir am Ende noch mehr Defizit." Bei der FBS indes mussten die Mitarbeiter im vergangenen Jahr schon aufs Weihnachtsgeld verzichten. Zudem gibt es Bemühungen, verstärkt auf Sponsoren und Spenden zurückzugreifen. FBS-Vorstandsmitglied Christiane Bahlcke ist dennoch überzeugt, dass öffentlich zugeteilte Mittel unerlässlich sind: "Die Tragfähigkeit hängt von einer soliden Sockelfinanzierung ab." Dass die Stadt angesichts ihrer eigenen Finanzlage die Ausfälle nicht auffangen kann, dafür haben die Weiterbildungsträger Verständnis.

Umso mehr sind sie aber enttäuscht, dass die Landesregierung den Rotstift ansetzt: "Das Land nimmt seine Aufgaben, die ihm von der Verfassung her eingeschrieben sind, nicht mehr wahr", kritisierte Ludwig Kirchner, Vorsitzender des vhs-Vereins. "Wir haben einen öffentlichen Bildungsauftrag", betonte Christoph Tangl. Sein Appell an die Landesregierung: "Wir fordern, die zehnprozentige Kürzung zurückzunehmen." Aus seiner Sicht stehen die Kürzungen in Widerspruch zu der Koalitionsvereinbarung von CDU und FDP, in der sich die Landesregierung die Förderung von Bildung und Kinderbetreuung, die Integration von Zuwanderern und die Bewältigung des demografischen Wandels auf die Fahnen geschrieben hat Bereiche, in denen FBS und vhs aktiv sind.

Während die FBS vor allem Familien fördert und begleitet, sich aber auch Betreuungsaufgaben widmet, bietet die vhs berufliche Weiterbildung sowie Sprach- und Integrationskurse an.