Lokales

Rückzugsraum und Gemeinschaft zugleich

KIRCHHEIM "Wie wohne ich im Alter?" Diese Frage hätte sich für die Generation der Groß- und Urgroßeltern wohl kaum gestellt. Man wuchs auf und alterte im Kreise der

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NICOLE MOHN

Familie. Mutter, Vater, Opa und Oma, Tanten und Onkel immer war jemand zur Stelle, um die Kinder zu betreuen oder sich um Pflegebedürftige zu kümmern.

Familienmodelle von heute sehen in vielen Fällen anders aus. Die Kinder sind weit weg, die Partnerschaft gescheitert, die Gesundheit angeschlagen Gründe gibt es viele, warum sich Menschen heute immer öfter für alternative Wohnformen entscheiden. Unter dem Titel "Anders wohnen als gewohnt" stellte die Sozialwissenschaftlerin Gabriele Gerngroß-Haas in der evangelischen Auferstehungskirche Kirchheim bei einer Veranstaltung verschiedene Modelle für neue Arten des Zusammenlebens vor.

Generationenübergreifendes Wohnen, Hausgemeinschaften, Seniorengenossenschaften, Beginenhöfe, Betreutes Wohnen seit einiger Zeit sind verschiedenste Modelle für das Wohnen entwickelt worden. Grund für den Bezirksarbeitskreis Frauen des Kirchenbezirkes Kirchheim und die Frauenliste Kirchheim, diesem Thema einen Abend zu widmen. Und damit hatten die Veranstalterinnen offenbar einen Nerv getroffen: Rund 60 Zuhörer waren in die Auferstehungskirche gekommen, um Näheres zu erfahren.

"Das Thema bewegt offenbar", stellte Stadträtin Dr. Silvia Oberhauser von der Frauenliste fest, die sich ebenfalls seit Längerem mit der Thematik auseinandersetzt. Mit Gabriele Gerngroß-Haas hatten die Veranstalterinnen eine Kennerin der Materie eingeladen. Die Sozialplanerin hat im Rahmen einer qualitativen Studie verschiedene Frauenwohnprojekte besucht und ihre Entstehung dokumentiert, die Erfahrungen der Bewohnerinnen gesammelt und Chancen, aber auch Konfliktpunkte eines solchen Zusammenlebens analysiert.

Für sie liegen die Gründe, warum gerade immer mehr Frauen sich dafür entscheiden, anders zu leben als gewohnt, klar: Neben der zunehmenden Vereinzelung der Gesellschaft, der Vereinsamung Alleinstehender und mangelnder Kontakte in der Nachbarschaft sind sie im Alter oft allein stehend. "Frauen haben eine höhere Lebenserwartung und wählen oft Partner, die älter sind als sie selbst", erklärt die Fachfrau. Viele entscheiden sich ihrer Erfahrung nach aber auch ganz bewusst, ohne Mann zu leben. Warum mehr Frauen sich für alternative Wohnformen entscheiden als Männer, begründet Gabriele Gerngroß-Haas so: "Frauen sind interessierter und fähiger, sich auf solche Formen des Wohnens einzulassen."

In den Interviews hat die Sozialwissenschaftlerin immer wiederkehrende Gründe für den Schritt in ein Wohnmodell abseits der Norm gehört: Der Wunsch nach Gemeinschaft, Unterstützung und Geborgenheit war es, der die Frauen in den Projekten zusammenführte. Ob nun die Rentnerin oder die alleinerziehende Mutter von drei Kindern die Beweggründe ähneln sich. Jedoch ist gerade bei der älteren Generation der Wunsch nach gemeinsamen Aktivitäten, Gesprächen und Miteinander oft ausgeprägter als bei jüngeren Bewohnern. Das birgt in Mehrgenerationen-Wohnmodellen Konfliktpotenzial, weil Erwartungen an das gemeinsame Wohnen unerfüllt bleiben, berichtet die Expertin.

Trotz des Wunsches nach Nähe die Möglichkeit zum Rückzug in die eigenen vier Wände ist ein Punkt, auf den fast alle Interviewten Wert legten, berichtet Gerngroß-Haas. Im Alter selbst bestimmt und nicht in institutionellen Einrichtungen leben zu wollen, war ein weiteres oft geäußertes Statement. Die Formen des Zusammenlebens sind so vielfältig wie die Menschen. Von dem Mix aus Eigentums- und Mietwohnungen über die Genossenschaft, Stiftungsgebundenen Wohnprojekte bis zum Mehrgenerationenhaus und modernen Beginenhof, in dem die Frauen selbstbestimmt zusammen leben und arbeiten, hat die Sozialwissenschaftlerin bei ihren Recherchen kennengelernt. Auf dem Weg zu einem Wohnprojekt gestaltet sich ihren Erfahrungen nach vor allem die finanzielle Gestaltung des Miteinanders oft schwierig. "Was passiert beispielsweise mit dem Eigentum, wenn einer der Bewohner stirbt", gibt Gabriele Gerngroß-Haas ein Beispiel.

Dass der Weg zu einem Wohnprojekt jenseits der Norm oft schwierig ist, ist eine Erfahrung, die auch Hannelore Kurz vom Wohnen in Kirchheim in Wahlverwandtschaft (WOKI) gemacht hat. Oft brauche man bis zur Umsetzung einen langen Atem, erklärte sie bei der Kurzvorstellung des Vorhabens. Einen Schritt weiter ist da schon Sibylle Mauz vom Kirchheimer Projekt "Gemeinsam statt einsam", einem Wohnprojekt für Demenzkranke. 2005 sind die Bewohner eingezogen.

Das Auditorium diskutierte im Anschluss an die Ausführungen interessiert mit der Referentin und befragte sie nach ihren Erfahrungen und Einschätzungen zu den alternativen Wohnformen. Im Gedankenaustausch wurde aber auch deutlich, dass diese neue Form des Lebens noch ziemlich am Anfang steht, es aber auch eine Chance gibt für mehr Miteinander in einer Gesellschaft, die immer mehr zur Vereinzelung neigt. "Ich kenne keinen, der es bereut hat", berichtet Hannelore Kurz von ihren Erfahrungen, "aber das muss viel mehr in die Köpfe rein."