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Rund ein Drittel der Belegschaft verliert den Arbeitsplatz

Die wochenlangen Verhandlungen und etliche Angebote der Arbeitsnehmerseite blieben erfolglos: Der neue Eigentümer der Kirchheimer Firma Rico, die Niedax-Gruppe, verlagert die Fertigung zum Jahresende in das Werk Sankt Katha-rinen bei Linz. In Kirchheim wird die Belegschaft dadurch von derzeit 207 auf 129 Mitarbeiter reduziert.

FRANK HOFFMANN

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KIRCHHEIM "Die Entscheidung war vermutlich längst gefallen", berichtet Andreas Streitberger, Gewerkschaftssekretär der IG Metall Esslingen von den schwierigen Gesprächen mit den Vertretern der Niedax-Gruppe. Das Unternehmen mit Sitz im rheinischen Linz produziert wie Rico Kabelkanäle aus Stahlblech und hatte die Kirchheimer Firma im Dezember vergangenen Jahres von der niederländischen Van-Geel-Groep übernommen. Zunächst weckte der Kauf bei der Rico-Belegschaft Hoffnung auf eine positive Fortentwicklung. Seit einigen Jahren bereits hatte das Unternehmen unter der allgemein flauen Konjunkturlage, der Krise der Baubranche und zudem einem veralteten Maschinenpark zu leiden. Doch der neue Eigentümer dachte offenkundig zu keinem Zeitpunkt daran, in größerem Stile in Ötlingen zu investieren: Bereits wenige Wochen nach der Übernahme folgte die Ankündigung, die Fertigung in Kirchheim zu schließen.

Zudem ließen die Vorgänge um das Lüdenscheider Traditionsunternehmen Kleinhuis bei den Rico-Mitarbeiter sämtliche Alarmglocken schrillen: Zum 1. Januar 2000 hatte Niedax die Kleinhuis-Gruppe mit knapp 200 Mitarbeitern übernommen und sofort 88 Arbeitsplätze abgebaut. Bereits drei Jahre später folgte das endgültige Aus: Mitte 2003 wurde der Betrieb eingestellt und auch die in Lüdenscheid verbliebene Produktion nach Sankt Katharinen verlagert.

Vor diesem Hintergrund gingen Betriebsrat und IG Metall mit großen Sorgen in die Verhandlungen. Und in der Tat gab es in puncto Fertigung beim neuen Eigentümer keine Bereitschaft, von dem Verlagerungsbeschluss abzurücken, sagen Gewerkschaftssekretär Streitberger und Betriebsratsvorsitzender Werner Mehl. Auch das Angebot, für einen begrenzten Zeitraum für weniger Geld mehr zu arbeiten, konnte die Niedax-Strategen nicht erweichen. "Der Maschinenpark in Kirchheim ist total veraltet", begründet der neue Rico-Geschäftsführer Bruno Reufels die Haltung, "wir hätten enorm investieren müssen." Angesichts der schlechten Auftragslage und der Krise der Baubranche sei dies nicht in Betracht gekommen. "Ohne diesen Einschnitt", sagt Bruno Reufels, "wäre das Unternehmen auf Dauer nicht überlebensfähig gewesen."

Die Rico-Produkte werden somit ab dem kommenden Jahr im Niedax-Werk Sankt Katharinen gefertigt. Erhalten bleiben soll in jedem Fall der Firmen- und Produktname Rico. "Der Standort Kirchheim ist ebenfalls langfristig gesichert", versucht Bruno Reufels die Sorgen vieler Mitarbeiter, mit der Produktionsverlagerung könnte ein Abschied auf Raten eingeläutet werden, zu zerstreuen. In Ötlingen bleiben Verwaltung, Vertrieb und das Lager.

Mit dem Wegfall der Fertigung verliert rund ein Drittel der Belegschaft den Job. Derzeit beschäftigt Rico 207 Mitarbeiter. 65 wurde auf Jahresende gekündigt. Zudem werden einige in Vorruhestand gehen, sodass ab dem kommenden Jahr noch 129 Frauen und Männer bei dem Kabeltragsystem-Hersteller arbeiten. "Für die von der Kündigung Betroffenen wurde ein Sozialplan mit recht ordentlichen Konditionen verabschiedet", sagt der Betriebsratsvorsitzende Werner Mehl und auch IG-Metall-Vertreter Andreas Streitberger spricht von einem den Umständen entsprechenden "relativ guten Ergebnis". Ohne den schmerzlichen Einschnitt der Produktionsverlagerung so sei in den Verhandlungen mit den Niedax-Vertretern immer wieder deutlich gemacht worden stehe der gesamte Standort auf dem Spiel.

In dieser Woche wurde die Rico-Belegschaft im Rahmen einer Betriebsversammlung über die Details der Vereinbarung unterrichtet. Während einige wenige jüngere Mitarbeiter aus der Fertigung bereits einen neuen Job gefunden oder in Aussicht haben, wird es für die älteren meist um die 50-Jährigen sicher nicht leicht, wieder eine Arbeit zu finden. In sieben Fällen, berichtet Werner Mehl, wurden auch außerordentliche Kündigungen ausgesprochen, gegen die teilweise bereits Klagen laufen. Es handelt sich dabei um Beschäftigte, die auf Grund ihres Alters und ihrer langen Betriebszugehörigkeit besonderen Kündigungsschutz genießen.

Im Niedax-Werk Sankt Katharinen werden nach Auskunft des Rico-Geschäftsführers Reufels durch die Verlagerung neue Arbeitsplätze entstehen, die genaue Zahl stehe im Moment allerdings noch nicht fest. Die bisherige Produktionshalle in Ötlingen wird künftig als Lager genutzt. Auch ein Auslieferungslager für Niedax-Produkte ist vorgesehen.

RICODie Firma Rieth & Co. wurde 1948 als Tochterunternehmen der Berliner Firma Rieth und Sohn in Kirchheim gegründet. Vor allem die in den 50er-Jahren entwickelten Kabeltragsystemen brachten das Unternehmen auf Erfolgskurs. Zeitweise beschäftigte die Firma in Kirchheim über 500 Mitarbeiter. 1979 folgte die vollständige Trennung von der Berliner Muttergesellschaft, die kurze Zeit später Konkurs anmelden musste, und 1981 schließlich der Verkauf an die britische SIEBE-Gruppe. In der Folgezeit hatte die Firma immer wieder mit großen wirtschaftlichen Schwierigkeiten zu kämpfen und musste mehrmals Personal abbauen. 1999 stieg die holländische Van-Geel-Groep bei dem Ötlinger Unternehmen ein. Im Dezember 2004 verkauften die Niederländer ihre Anteile an die Niedax-Gruppe.