Lokales

Rust am Reußenstein?

In Weilheim und Neidlingen regt sich Widerstand gegen Baumwipfelpfad

Jetzt regt sich auch in Neidlingen und Weilheim Widerstand gegen den geplanten Baumwipfelpfad am Reußenstein. In einem ersten Stimmungsbarometer haben Bürger am Montagabend Unterschriften an die Bürgermeister Rolf Kammerlander und Johannes Züfle mit dem Appell übergeben, die Planung kritisch zu verfolgen.

Unterschriftenübergabe vor dem Neidlinger Rathaus: Bürgermeister Rolf Kammerlander (5.¿v.¿r.) und sein Weilheimer Kollege Johann
Unterschriftenübergabe vor dem Neidlinger Rathaus: Bürgermeister Rolf Kammerlander (5.¿v.¿r.) und sein Weilheimer Kollege Johannes Züfle (8.¿v.¿r.) mit Renate Rothfuß (Mitte) und weiteren Kritikern des Baumwipfelpfads.Foto: Deniz Calagan

Richard Umstadt

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Neidlingen. Der im Wiesensteiger Gewann Bronnen/Feldkopf in der Nähe des Reußensteins geplante Baumwipfelpfad ließ jetzt auch über 900 Bürger aus Neidlingen, Hepsisau, Weilheim und anderen Teilen des Kreises Esslingen sowie aus Nachbarkreisen aktiv werden. Sie machten ihrem Unmut über das ihrer Meinung nach unsinnige Tourismusprojekt Luft und bekundeten dies in einer Unterschriftenliste, die Renate Rothfuß vom Reußensteinhof dem Neidlinger Bürgermeister Rolf Kammerlander und dessen Weilheimer Kollege Johannes Züfle übergab.

Die Wiesensteiger Stadträtin und Wipfelpfad-Kritikerin der ersten Stunde berichtete den beiden Verwaltungschefs den aktuellen Stand des „Leuchtturmprojekts“ und machte auf das Verkehrsgutachten aufmerksam, das der Landkreis Göppingen in Auftrag gab. Dessen Ziel ist es, Autofahrer und Busse zum Baumwipfelpfad möglichst aus dem beengten Helfensteiner-Städtchen herauszuhalten.

„Wer aber bekommt den meisten Verkehr ab, wenn Busse aus Wiesensteig herausgehalten werden sollen?“, fragte Renate Rothfuß die Bürgermeister. „Die ebenfalls sehr engen Zufahrten über Hepsisau und Neidlingen sind für diese Massen ebenso wenig geeignet.“

Alle Berechnungen des Investors, der Erlebnisakademie Bad Kötzting, gehen für Verkehrs- und Parklösungen von einer Besucherzahl von 250 000 im Jahr aus, angelehnt an die Erfahrungen aus dem Baumwipfelpfad in Neuschönau im Bayrischen Wald. Rothfuß machte jedoch darauf aufmerksam, dass der Wipfelpfad in Neuschönau bereits 400 000 Besucher jährlich verzeichnet, bei einem Einzugsgebiet von gerade mal rund 250 000 Einwohnern im Umkreis von 100 Kilometern. „Im gleichen Umkreis hier haben wir 4,5 Millionen Einwohner“, so die Baumwipfelpfad-Gegnerin vom Reußensteinhof, für die es auf der Hand liegt, dass hier Zahlen schöngerechnet wurden.

Ein weiterer Punkt, der die Baumwipfelpfad-Kritiker beschäftigt, ist das Thema Parken auf der Reußen­stein-Albhochfläche. Der Investor müsse einen Parkplatz für 650 Fahrzeuge plus 25 Busparkplätze bauen und habe dafür noch kein Grundstück. Sollte der hölzerne Weg über die Wipfel kommen, so wären diese Parkplätze nicht mehr kostenfrei. „Auch der Reußensteinparkplatz würde die Naherholungssuchenden etwas kosten, egal ob sie den Baumwipfelpfad benutzen oder nicht“, sagte Renate Rothfuß.

„Rust am Reußenstein“ befürchten die Kritiker gar, wenn die Infrastruktur für einen Massentourismus steht und die Besucher auch kulinarisch auf ihre Kosten kommen wollen. Ein Gastronomiebetrieb mit je 250 Sitzplätzen im Innen- und Außenbereich soll‘s richten. „Wird dann auch die Ruine Reußenstein verrummelt?“, lautet die bange Frage der Neidlinger Baumwipfelpfad-Gegner.

„Mich stört das Projekt von meinem Naturverständnis her“, machte Sabine Maurer aus Hepsisau ihrem Ärger Luft. Sie mutmaßte, der Landkreis Göppingen setze das Projekt bewusst an die Kreisgrenze, in der Hoffnung, der Verkehr fahre von der Autobahn A 8 ab über Wege im Kreis Esslingen zum Wipfelpfad. Vor allem durch Neidlingen würden die Blechlawinen rollen, fürchtet Dietmar Brendel aus der Reußensteingemeinde, „weil hier der Verkehr rasch abfließen kann“. Außerdem sieht er sonntags und bei Veranstaltungen wie der „Kirche im Grünen“ ein gewaltiges Parkproblem auf Naherholungssuchende und die Gemeinde zukommen.

Neidlingens Bürgermeister Rolf Kammerlander kennt das umstrittene Thema aus der Bürgerinformation vom 7. März im Wiesensteiger Schloss, aus der Presse und einer Anfrage in der vorletzten Gemeinderatssitzung. Für ihn wie für seinen Weilheimer Kollegen ist klar: „Wir müssen über den Verkehr sprechen.“ Kammerlander will aber zuerst die Zahlen des Göppinger Verkehrsgutachtens abwarten, bevor er sich eine Meinung bildet. „Wir sollten Fakten haben.“ Außerdem gebe es bislang noch kein offizielles Verwaltungsverfahren. Deshalb sei es zu früh, Stellung zu beziehen. „Unser Gemeinderat ist sensibilisiert. Wir werden uns die Entscheidung nicht leicht machen.“

Ähnlich äußerte sich auch Johannes Züfle. „Ich sehe das Ganze relativ gelassen, denn wenn sich die Wiesensteiger Bürger in einem Bürgerentscheid dagegen aussprechen, ist das Thema eh vom Tisch.“ Der Weilheimer Bürgermeister will aber, sollte das Projekt in Angriff genommen werden, gemeinsam mit dem Neidlinger Nachbar „genau d‘rauf schau‘n, wie‘s mit dem Verkehr läuft“. Beide, Johannes Züfle und Rolf Kammerlander, werden am 24. Mai von ihrem Wiesensteiger Kollegen Gebhard Tritschler über den aktuellen Stand der Dinge informiert.

Baumwipfelpfad

Bekanntlich will die Erlebnisakademie Bad Kötzting, deren Geschäftsführer Bayerköhler ist, unterstützt vom Landkreis Göppingen und der Stadt Wiesensteig in der Nähe des Reußensteins etwa drei Kilometer von der Esslinger Kreisgrenze entfernt einen Baumwipfelpfad bauen. Die Erlebnisakademie betreibt bereits einen Baumwipfelpfad in Neuschönau im Nationalpark Bayrischer Wald und projektiert ähnliche Vorhaben auf Rügen und in Tschechien. Der Weg zu und über den Wipfeln soll insgesamt 1 250 Meter lang sein, wobei 500 Meter auf den spiralförmig angelegten Aufgang zu einem 40 Meter hohen Aussichtsturm und 750 Meter auf den bis zu 20 Meter hohen Steg entfallen. Die motorisierten Besucher des Baumwipfelpfades werden aus drei Hauptrichtungen anfahren: aus Richtung Wiesensteig, Richtung Neidlingen und Richtung Schopfloch, wobei hier auch das Lenninger Tal tangiert wäre. Über die Rechtmäßigkeit eines Bürgerentscheids in Wiesensteig wird der Gemeinderat des Helfensteiner-Städtchens in seiner Sitzung am kommenden Montag, 21. Mai, entscheiden. In einem vorgeschalteten Bürgerbegehren hatten Gegner des Baumwipfelpfads knapp 700 Unterschriften von Wiesensteiger Bürger gesammelt, die sich für einen Bürgerentscheid aussprachen. 156 Unterschriften wären für das Bürgerbegehren notwendig gewesen.