Lokales

Rustikales Baustellen-Flair wird erste Fachmesse begleiten

ROLAND KURZ

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LEINF.-ECHTERDINGEN "Halt, halt! Hier darf jetzt keiner rein!" Der Security-Mann schießt aufgeregt und Arme kreuzend auf die Besucher zu. Selbst Christian Witt, dem als Pressesprecher der Projektgesellschaft Neue Messe sonst alle Türen offen stehen, hat keine Chance. Die große Eingangshalle, durch die ab 12. Juni die Messebesucher strömen sollen, ist heute tabu der Betonboden wird versiegelt.

"Das wird auch im Juni an manchen Stellen noch nach Baustelle aussehen", meint Witt, aber die "Blechexpo" als erste Messe vertrage eine etwas rustikale Umgebung. Für die ersten Fachmessen werden zum Glück nicht alle Hallen benötigt. Am 19. Oktober, zur großen Einweihungsfeier, müssen aber alle sieben Standardhallen sowie die Hochhalle und das Kongresszentrum picobello aussehen.

Da haben wir ja noch 'ne Weile Zeit, mögen sich die beiden Fliesenleger denken, die sich in der Hochhalle aus Baumaterial ein Tischchen und zwei Hocker gebastelt haben und Brotzeit machen. Sie sitzen in der größten stützenfreien Halle Süddeutschlands der 216 Meter lange Fernsehturm passt, diagonal gelegt, haarscharf hinein. Dass diese Halle noch nicht fertig ist, hängt auch mit dem Unfall zusammen, bei dem im Februar 2006 ein Kran samt Stahlträger kippte und der Kranführer ums Leben kam. Erst nach aufwändiger Materialprüfung konnte weiter gebaut werden. Jetzt führt ein begehbarer Steg mitten durch den riesigen, verzweigten Stahlträger.

Über die Feuerleiter geht's direkt unter das Glasdach. Hier hängen unzählige Motoren, mit denen die Fenster bedient werden. Lüftung sei für eine Messehalle wichtiger als Wärme, erklärt Witt. Durch eine Luke steigt er auf das Dach der 24 Meter hohen Halle. Der Wind pfeift hier gewaltig über die Filderebene. Weiter unten, auf den Dächern der übrigen Hallen, wird auch gepustet. Männer verlegen Rohre, um ein Granulat aufs Dach zu blasen, auf dem kein Kraut, sondern anspruchslose Gräser und Flechten wachsen sollen. 50 Prozent der Dächer werden begrünt, sagt Witt: "Wir sind die grünste Messe Europas."

Grün soll auch die Achse zwischen den beiden Hallenreihen werden. Von jeder Halle aus soll der Besucher in den Park gelangen, um sich zu entspannen. Der Rollrasen wird gerade verlegt, etliche Bäume sind gepflanzt, aber die Kiefer hat sich schon dem scharfen Wind gebeugt. Am Ende des Parks gelangt man in eines der Restaurants. Noch duftet es nicht nach Pommes, sondern nach Fliesenkleber und Fenstersilikon. Und in der Großküche rührt noch kein Koch, sondern der Elektriker wurstelt an den Kabeln unter der Decke.

In der Standardhalle 3 kann man sich gut vorstellen, dass in vier Wochen die erste Messe stattfindet. Die Glaser setzen gerade Türen ein, sonst sind nur noch Kleinigkeiten zu machen. Die großen Schilder hängen schon an der Decke, damit die Besucher zu Klo und Restaurant finden. Das Piktogramm für das belegte Brötchen ist sehr abstrakt geraten, aber insgesamt ist die Orientierung dank Farbsystem und klarer Anordnung der Hallen einfacher als auf dem kleineren Killesberg.

Am 1. Juni wird die Projektgesellschaft die fast fertigen Hallen vorübergehend an die Betreiberin SMK übergeben. Bis dahin wird nicht nur geschraubt, verlegt und geputzt, sondern viel kontrolliert. 1000 Abnahmen schätzt Witt: Türen, Treppen, Stützen, Verkleidungen . . . Auch der TÜV ist zugange. 33 Aufzüge hat Franz Klass zu prüfen, einen halben Tag braucht er für jeden. Um den Estrich in der Kongresshalle zu bewerten, braucht man kein Experte zu sein. Pfusch. Risse wie nach einem Erdbeben. Eine fahrbare Hebebühne zeigt gerade wie's geht: Unter den Rädern knirscht der Estrich wie Butterkeks.

Im Kongresszentrum ist also bis Oktober noch viel zu tun. Hauptversammlungen möchte die Messegesellschaft in dieses übergroße Fernsehstudio locken, am besten verbunden mit einer Hausmesse in der benachbarten kleinen Messehalle. Fünf Mobillifte haben hier ihre Teleskope ausgefahren, um unter der Decke Leitungen, Lichter und Lautsprecher zu montieren. Standen zu Rohbauzeiten mehr als 70 Krane auf dem Messeareal, sind beim Innenausbau diese Hebebühnen das wichtigste Hilfsmittel.

Heute ist auf der Messe "Familientag". Als kleine Anerkennung lädt die Projektgesellschaft samstags die Arbeiter und ihre Familien zum Essen ein. Denn in den letzten vier Wochen vor dem Start gibt es für viele der 800 Bauarbeiter kein Wochenende mehr.