Lokales

Sämtliche Hürden der Hauptstadt gemeistert

KIRCHHEIM Mit von der Partie bei der viertägigen Reise waren außerdem 34 Personen von der Nachbarschaftshilfe Wernau, vom Mensa-Verein Nürtingen sowie Gemeinderäte aus Neckartenzlingen.

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Bei der Anreise mit dem Zug konnte die Gruppe die ersten Erfahrungen machen, wie es ist, wenn Rollstuhlfahrer mitreisen. Es gab zahlreiche Hürden zu überwinden schon im Zug und in Berlin erst recht. "Wir haben uns gewundert und viel gelernt und letztlich jede Hürde gemeinsam gemeistert", sind sich die Teilnehmer einig.

Für viele war die Führung und das Informationsgespräch im Deutschland Radio als erster offizieller Programmteil schon ein Höhepunkt. Der verantwortliche Redakteur der Sendung "Deutschlandrundfahrt" berichtete begeisternd von seinen Sendungen und die Informationen über die Funktion von "Störsendern" aus der ehemaligen DDR setzten die Teilnehmer in Erstaunen. Nach einer Stadtrundfahrt unter politischen Gesichtspunkten waren eine Filmdemonstration und eine Besichtigung der Ausstellung im Dokumentationszentrum des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR eine erschütternde Erfahrung. Wer den Film "Das Leben der Anderen" gesehen hatte, wurde hier an konkreten Beispielen mit der banalen Realität der dauernden Bespitzelung und Kontrolle der damaligen Zeit konfrontiert. Am Abend führte eine Spreeschifffahrt mit Abendessen eine andere Seite Berlins vor Augen zum einen die alte Museumspracht und zum anderen die neuen Regierungsgebäude von ihrer rückwärtigen Seite. Am zweiten Tag stand ein Informationsgespräch im Auswärtigen Amt auf dem Programm. Nach einem strengen Sicherheits-Check erfuhren wir einerseits etwas von der Vielfalt der Aufgaben der Botschaften im Ausland und andererseits, wie wichtig die Kontinuität der deutschen Außenpolitik auch bei einem Regierungswechsel ist. Etwas ganz Besonderes war der Besuch des Reichstagsgebäudes: Die Kuppel und der Panoramablick auf Berlin sind einmalig. Im Plenarsaal bekamen die Reisenden aus Kirchheim in einem lebendigen Vortrag die Aufgaben des Bundestages dargestellt und durften zahlreiche Informationsschriften mitnehmen. Während das Gebäude und vor allem die Kuppel einen überwältigenden Eindruck hinterlassen, wirkt der Plenarsaal kleiner, als er in Wirklichkeit ist.

Für viele war der Besuch des Jüdischen Museums am Nachmittag ein beklemmender Höhepunkt, sowohl was das Gebäude betrifft als auch in der Darstellung der verschiedenen Aspekte der Ausstellung. Zum Abendessen ins Restaurant Liebermanns im Jüdischen Museum kam Uschi Eid zu einer kurzen Stippvisite vorbei. Sie sprach der Arbeit im Ehrenamt ihren Respekt aus und würdigte die Aktivitäten der einzelnen Gruppen für die Gesellschaft. Ein intensiverer politischer Gedankenaustausch war zeitbedingt leider nicht möglich.

Markus Schmidt, Rollstuhlfahrer aus der Lebenshilfe-Nachbarschafts-Gruppe, bedankte sich bei Uschi Eid im Namen aller Teilnehmer für die Einladung und überreichte ihr einen Blumengruß. Am letzten Tag besuchte die Gruppe das Dokumentationszentrum Berliner Mauer in der Bernauerstraße. Markus Grötzinger, ebenfalls aus der Lebenshilfe-Nachbarschafts-Gruppe, stellte fest, dass er 1961 im Jahr des Mauerbaus geboren wurde und war fasziniert von der Darstellungen zu den Erfahrungen der Trennung, die durch die Mauer für viele bis 1989 prägend wurde.

Aus vier Gruppen war eine gemeinsame Gruppe politisch interessierter Personen geworden, die auch durch Erfahrungen mit den Rollstuhlfahrern, Markus Schmidt und Artur Neidisch, die Welt mit anderen Augen sehen gelernt haben. Beide waren bei allem dabei und die gegenseitige Achtsamkeit und Hilfe öffnete letztlich alle Türen und machte vor keiner Treppe Halt.

Bei einem Nachtreffen in Kirchheim auf Einladung von Gerhard Thrun im Namen der Lebenshilfe und ergänzt durch eine Stadtführung vor Ort durch Willi Kamphausen sollen nun die Berlin-Impressionen in Bildern noch einmal lebendig und die entstandenen Kontakte untereinander vertieft werden. Das Fazit der Teilnehmer: "Wir stellten fest, was uns verbindet ist, für andere da zu sein. Die Reise hat uns viel gebracht Berlin war in besonderer Weise eine Reise wert."

pm