Lokales

Sagenhafte Wildschweine spürten die "Sauglocke" auf

Zwei Führer des Köngener Geschichts- und Kulturvereins, Helmut Maier und Detlev Rothfuß, begleiteten eine stattliche Gruppe des Kirchheimer Schwäbischen Heimatbunds einen Tag lang durch Köngen und führten sie zu zahlreichen geschichtlich markanten Punkten.

KÖNGEN Die Führung begann an der 1602 unter Herzog Friedrich von seinem Baumeister Heinrich Schickardt erbauten Steinbrücke. Nachdem am 23. Februar 1599 wieder einmal ein verheerendes Hochwasser die hölzerne Vorgängerbrücke hinweggerissen hatte, entschieden Herzog und Baumeister schon am Tag danach, sie durch eine stabile steinerne Brücke mit drei Pfeilern zu ersetzen. Ein Obelisk seitlich in der Mitte trägt das Wappen Herzog Friedrichs und nennt Baumeister und Baujahr.

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Die Brücke, die sich sehr harmonisch in die Flusslandschaft einfügt, wurde von Schickhardt so hoch und stabil gebaut, dass ihr seither viele, auch schlimme Hochwasser nichts anhaben konnten. Den Namen "Ulrichsbrücke" bekam sie nach dem Erscheinen des Romans "Lichtenstein" von Wilhelm Hauff im Jahre 1826, in dem Hauff mit viel dichterischer Freiheit erzählt, wie Herzog Ulrich, von Feinden umringt, mit seinem Pferd von der Brücke in die Fluten des Neckars springt und entkommt.

Von der Ulrichsbrücke ging es neckarabwärts vorbei an der Alten Mühle über den Alten Friedhof, in dem noch einige wenige Grabmale zu sehen sind, hinauf zur Köngener Peter- und Paulskirche. Chor und Langhaus dieser Kirche wurden zwischen 1502 und 1515 erbaut. Da von einer weiter unten stehenden Vorgängerkirche der Turm noch intakt war, sah man von einem Glockenturm zunächst noch ab. Erst zu Beginn des 18. Jahrhunderts, als der Turm der "Unteren Kirche" baufällig geworden war, entschloss man sich, einen Glockenturm anzubauen.

Betritt man die Kirche durch das Hauptportal, so steigen rechts und links die Bänke zum Grund des Kirchenschiffs hinab. Im Schiff beeindruckt die im Stil der Renaissance bemalte Holzdecke. An der linken Seite des Chorbogens befindet sich ein Flügelaltar aus dem Jahre 1614. Die beiden Flügeltüren zeigen auf den Außenseiten die Kirchenpatrone Petrus und Paulus. Auf den Innenseiten ist links die Geburt Jesu und rechts die Flucht der heiligen Familie dargestellt. In der Altarmitte befindet sich die Anbetung der drei Weisen als bemalte Schnitzarbeit. Bereits im Chorraum befindet sich der Altar mit einer imposanten Kreuzigungsgruppe.

Über den Chorraum spannt sich in kühnem Bogen ein prächtiges Sternengewölbe. Es schließt in sich sechs sinnvoll geordnete Schlusssteine: Der Abt von Denkendorf und der Ritter Thumb von Neuburg als weltliche und geistliche Herren, Petrus und Paulus als Kirchenpatrone, Maria mit dem Jesuskind und Christus. Zwischen den Rippen des Gewölbes befindet sich eine mit zurückhaltender Farbgebung aufgemalte Blatt- und Blumenornamentik. Über den ganzen Kirchenraum ist eine große Anzahl von Epitaphien verteilt, einige gemalt, die meisten jedoch in Stein gearbeitet, die überwiegend für Angehörige der langjährigen Ortsadelsfamilie Thumb von Neuburg errichtet wurden.

Eine kleine Gruppe von Teilnehmern wagte sich noch über die steilen und engen Treppen des Turms hinauf zum Glockenstuhl, um die sagenumwobene "Sauglocke" zu sehen. Diese mit 32 Zentnern größte und schwerste der Köngener Glocken wurde 1430 von Meister Otto aus Esslingen gegossen. Die Sage berichtet, dass die Glocke von besorgten Bürgern während des Dreißigjährigen Krieges im Wald vergraben wurde. Nachdem endlich Frieden geschlossen wurde, waren diejenigen, die um das Versteck wussten, gestorben. Die Glocke blieb verschollen, bis Wildschweine, die angeblich den Geruch der Bronze witterten, sie wieder aus dem Boden scharrten.

Das älteste Köngener Gebäude ist das Schloss, das auf eine Vorläuferburg aus dem 11./12. Jahrhundert zurückgeht. Diese Burg wurde dann in verschiedenen Bauabschnitten zu einem Schloss umgebaut, das von einem drei Meter tiefen Wassergraben umgeben war. Im 17. Jahrhundert kam es bei der Ortsherrschaft, dem Geschlecht der Ritter Thumb von Neuburg, zu einer Erbteilung, bei der sowohl die herrschaftlichen Rechte in Köngen als auch das vierflügelige Schloss geteilt wurden. Der eine Erbe, Friedrich Albrecht von Thumb, verkaufte dann 1666 seinen Anteil an das Herzogtum Württemberg.

Von da ab redete man in Köngen von zwei Schlössern, dem Vorderen und dem Hinteren Schloss. 1739 wurde auch die zweite Hälfte Köngens und des Schlosses an das Herzogtum verkauft. Knapp 100 Jahre später ging das Schloss 1825 dann in Privatbesitz über und fünf Jahre danach wurde das Vordere Schloss abgerissen. Erst im Jahre 1992 konnte die Gemeinde Köngen das Hintere Schloss erwerben. Danach musste zunächst eine Bestandssicherung durchgeführt werden. Jetzt harren in den nächsten Jahren noch viele Innenräume einer Sanierung.

Um so erfreulicher ist es, dass der Rittersaal sich bereits in renoviertem Zustand präsentiert und auch schon für kulturelle Veranstaltungen genutzt wird. Der Rittersaal ist im Renaissancestil gehalten und gilt mit seiner bemalten hölzernen Wandvertäfelung, den reich verzierten Türelementen und den häufig unterteilten Fenstern aus mit dem Mund geblasenem Glas als einmalig im südwestdeutschen Raum. Die obere Reihe der Vertäfelung zeigt stattliche Brustbildnisse von römischen und deutschen Kaisern.

Man kann vermuten, dass das Köngener Rittergeschlecht mit diesen Kaiserbildern sein hohes Standesbewusstsein ausdrücken wollte, als freie Standesherren keinem Herzog, keinem Bischof und Abt, sondern nur dem Kaiser untertan zu sein. Mit der Besichtigung des Rittersaals fand der Tag in Köngen, der bei den Teilnehmern einen nachhaltigen Eindruck hinterließ, seinen abschließenden Höhepunkt.

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