Lokales

"Sand im Getriebe bleiben"

"Ich erwarte von meiner Kirche, dass sie nicht das sagt, was alle sagen, sondern dass sie die Skepsis gegen den Ökonomismus hochhält und sich von der biblischen Botschaft inspirieren lässt", sagte Betriebsseelsorger Pfarrer Hartmut Zweigle bei der Veranstaltung der Offenen Kirche im Bezirk Kirchheim-Nürtingen.

NÜRTINGEN Hartmut Zweigle referierte unter dem Thema "Umbrüche in der Arbeitswelt Von der Ohnmacht der Beschäftigten" im Nürtinger Lutherhof. Er skizzierte den "schwer zu fassenden Umbruch im globalen Wettbewerb" als "mehr für weniger". Als Zeichen dafür sieht er, dass ständig mehr Leistung für weniger Geld, längere Arbeitszeit zu geringerem Lohn für immer weniger Menschen und um eine ständig zu erhöhende Rendite für eine kleine Zahl von Gewinnern die öffentliche Diskussion bestimme.

Anzeige

"Was mich als Betriebsseelsorger bewegt, sind die Menschen, die in diesem Umbruch unter die Räder kommen, wobei die offizielle Rhetorik unserer Eliten die Erfahrungen und Ängste dieser Menschen nicht mehr aufgreift", stellte Zweigle fest. Vielmehr werde ihnen ständig eingehämmert: "Ihr seid zu teuer. Zu langsam, zu schlecht, zu träge."

Dabei brächen Arbeitsplätze, die bisher als sicher galten, plötzlich weg, was entgegen der offiziellen Rhetorik bei der exportorientierten Wirtschaft des Landes mehr an den Wechselkursschwankungen als an den Löhnen liege. Lähmende Angst, die von manchen Unternehmen zudem gezielt geschürt werde, sei bei den Menschen in den Betrieben die Folge.

Hartmut Zweigle kritisierte die "völlige Ökonomisierung des Denkens" in Politik und Wirtschaft. "Da werden Beschäftigte nur noch als Kostenfaktoren wahrgenommen. Wo die Devise ,Arbeit um jeden Preis sich durchsetzt, verschwindet die Frage nach der Humanität der Arbeit", betonte der Böblinger Betriebsseelsorger. Dabei sei diese Frage aus der Sicht einer christlichen Sozialethik unaufgebbar.

Das Standardargument der politischen, ökonomischen und wirtschaftlichen Eliten bestehe in dem Satz: "Es gibt keine Alternative". Dieser Satz sei nicht nur eine Bankrotterklärung der Politik, sondern auch ein zutiefst gottloser Satz. "Er setzt eine marktgöttliche Ordnung voraus mit Unternehmern als himmlischen Heerscharen, die diese Ordnung verkörpern", sagte Zweigle. Dabei habe Politik immer mit Alternativen zu tun.

"Müssten wir als Kirche angesichts einer solchen Entwicklung nicht viel lauter aufschreien? Verschlafen wir wie im 19. Jahrhundert die soziale Frage?" fragte Zweigle selbstkritisch. Nach dem Sozialwort der beiden Kirchen von 1997 müsse sich alles Handeln der Politik daran messen lassen, ob es den Armen und Schwachen in der Gesellschaft nütze und Ausgrenzungen aufhebe.

"Ich sage nicht, dass die Bibel uns die Lösungen serviert, aber möglicherweise hilft sie uns, die wichtigen und richtigen Fragen zu stellen", stellt Zweigle fest. Er ist davon überzeugt, "dass auch viele Nicht-Insider von der Kirche erwarten, dass sie sich nicht einfach den derzeitigen Entwicklungen anpasst und sie gar rechtfertigt, sondern dass sie Sand im Getriebe bleibt."

pm