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"Saufen bis zum Umfallen"oder: Wenn es ohne Alkohol nicht mehr geht

KIRCHHEIM "Zu viel Alkohol macht dumm, fett, unattraktiv und impotent. Und wenn das noch nicht ausreicht: Alkohol hat schädliche Nebenwirkungen für dein Gehirn, deine Gesundheit, dein ganzes Leben. Es geht hier nicht um ein, zwei Gläser es geht um mehr: Es geht um dich!"

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Echt starke Worte. Wo die stehen? In einer Broschüre, die die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung gedruckt hat. Was es mit dem

JÖRG BÄCHLE

Alkoholmissbrauch auf sich hat, wollte das Jugendmagazin des Teckboten genauer wissen und hat der Jugend- und Drogenberatung in Kirchheim einen Besuch abgestattet, denn Fasching steht vor der Tür, man verkleidet sich, viele trinken, manche zu viel. Kann dir da geholfen werden, wenn du oder deine Freunde ein Problem damit haben?

Der Eingang der Beratungsstelle fällt unbewusst nicht ins Auge. Zu finden ist sie aber ganz einfach: Zentral gelegen in der Fußgängerzone, schräg gegenüber vom Drogeriemarkt Müller in der Marktstraße 48. Ein Anruf genügte und schon hatten wir einen Termin. Die Treppen hoch, dann empfängt uns Christiane Heinze. Sie ist Jugend- und Drogenberaterin in Kirchheim und führt uns in ein großes Beratungszimmer, das hell und freundlich gestaltet ist. Von ihr wollen wir Antworten zum Thema Alkohol und Jugend hören.

Frau Heinze, warum trinken eigentlich Erwachsene Alkohol?

Christiane Heinze: Oh, da gibt es ganz viele Antworten: Alkohol enthemmt, macht locker, er entspannt. Manche benützen ihn zum Runterkommen am Abend oder trinken ein Gläschen Rotwein wegen des Geschmacks. Viele sagen auch, das schmeckt gut. Viele trinken aber aus Gewohnheit oder sie sind abhängig.

Das sind ja eigentlich Argumente pro Alkohol ?

Heinze: Natürlich hat Alkohol eine positive Wirkung. Wenn man sich vom ersten Glas Alkohol gleich übergeben müsste, würde ihn natürlich keiner trinken. Bei jedem Straßenfest wird Alkohol angeboten. Es kommt immer darauf an, wie viel und wie oft man trinkt und welche Funktion der Alkohol übernimmt beziehungsweise übernehmen soll.

Warum sollten Jugendliche es mit dem Alkohol nicht übertreiben?

Heinze: Weil die Gefahr, abhängig zu werden, bei Jugendlichen viel viel größer ist. Jugendliche sind in ihrer Individualität noch nicht so weit entwickelt wie Erwachsene. Jemand, der weiß, wo es lang geht, der einen Beruf hat, der mitten im Leben steht, ist zwar auch gefährdet, aber nicht so wie Jugendliche. Jeder Mensch ist gefährdet, Alkoholiker zu werden, aber bei Jugendlichen geht diese Entwicklung eben viel schneller. Und dann gibt es im Kopf etwas, das nennt man Suchtgedächtnis. Das heißt, wenn ich so etwas gewohnheitsmäßig immer wieder mache, wiederhole ich die Erfahrung, dass ich nur mit Alkohol locker werde, und diese Verbindung speichert sich in meinem Kopf ab. Und in einem jugendlichen Gehirn geht das viel schneller mit dem abspeichern und koppeln. Dadurch ist die Gefahr einer Sucht natürlich viel größer.

Wie kann man diese Sucht erkennen?

Heinze: Sucht entwickelt sich schleichend. Es fängt vielleicht damit an, dass der Alkohol zu meinem Leben dazugehört. Party feiern am Wochenende ist dann ohne Alkohol nicht mehr denkbar. Manche verlieren die Kontrolle über die Menge, trinken mehr als sie vertragen, mehr als sie eigentlich trinken wollten. Der Konsum wird regelmäßiger nicht nur am Wochenende, sondern auch unter der Woche. Sucht heißt dann, dass man nicht mehr verzichten kann, das Leben ohne Alkohol unvorstellbar wird.

Ab welchem Alter geht das los?

Heinze: 13, 14.

Wo findet das Trinken statt?

Heinze: Manchmal auf irgendwelchen Plätzen, auf denen man sich eben trifft und trinkt oder auch in Discos. Okay, die Jungen kommen da noch nicht rein. Bedenklich sind aber Geschichten, wenn Discos auch in unmittelbarer Nähe mit "Alkohol-Flatrates" werben, wo man für zehn Euro so viel saufen kann wie man will. Saufen bis zum Umfallen oder bis der Arzt kommt das gab es leider alles schon. Es gibt zwar auch Partys, Veranstaltungen oder beispielsweise Sonnwendfeiern, bei denen kontrolliert wird, dass Jugendliche unter 16 nicht trinken, aber die packen den Alkohol ein und bringen ihn einfach im Rucksack mit und konsumieren ihn in irgendeiner Ecke.

Was passiert, wenn man zu viel trinkt?

Heinze: Im schlimmsten Fall eine Alkoholvergiftung, an der man sterben kann. Manche rasten auch aus, schlägern herum, beschädigen Dinge, kommen auf "dumme Ideen". Andere finden den Weg nicht nach Hause, sind auf Begleitung angewiesen. Mädchen berichten immer wieder von sexuellen Übergriffen, sie sind schutzlos, können sich nicht wehren und ihr Zustand wird von Männern schamlos ausgenutzt.

Aus England kommt die Mode des sogenannten "Binge Drinking". Also Trinken unter dem Vorsatz betrunken zu werden. Gefährlich?

Heinze: Die Gefahr ist, dass manche nicht nur ein Bierchen trinken, sondern sich so weit voll laufen lassen bis nichts mehr geht, oder sogar kotzen und dann weiter saufen. Da werden unendlich große Mengen an Alkoholika konsumiert, bis man komplett weg ist. Das "Binge Drinking" stellt eine absolute Vergiftung des Körpers dar und kann zu körperlichen Schäden führen ganz klar, Leber und andere Organe sind betroffen, manchmal irreparabel. Magenschmerzen, Bauchspeicheldrüsenentzündungen und anderes können die Folge sein, auch Gehirnzellen freuen sich nicht gerade über Alkohol.

Aber wie konnten und können sich solche Entwicklungen etablieren?

Heinze: Die Frage ist doch: Was suchen die Jugendlichen eigentlich und was brauchen sie eigentlich? Jugendliche suchen Freunde und Freundschaften, sie wollen mit dazu gehören, sie wollen "gemocht werden". Sie suchen Anerkennung und Bestätigung und natürlich auch das Risiko. Sie wollen Fun und Abenteuer keinen Gleichklang und Langeweile. Gleichzeitig kann ja so viel schief laufen: Da macht die Freundin Schluss, man kriegt einen Fünfer in Mathe und zu Hause gibt's auch nur Streit. Da bietet der Alkohol auch das schnelle Vergessen und sich "Wegbeamen" an.

Aber warum so extrem?

Heinze: Wohin geht die Gesellschaft? Ins Extreme, alles ist so schnelllebig, nicht mehr intensiv und dann braucht es vielleicht andere intensive Sachen.Renate Frey betritt den Raum. Sie arbeitet bei der Suchtberatung in Kirchheim und gesellt sich zwischen zwei Terminen zu uns.

Was kann ich dagegen tun, wenn meine Freunde oder Kumpels trinken und ich da nicht mitspielen möchte beziehungsweise Freunde davon abbringen möchte?

Renate Frey: Das ist schwer. Wenn eine Clique miteinander ein Konsumverhalten entwickelt, ist es ganz schwer für den Einzelnen auszuscheren oder auszusteigen. Und da ist es egal, ob es um Alkohol geht oder ums Kiffen.

Was kann ich tun? Wie verhalte ich mich denn, wenn ich zum ersten Mal ernsthaft mit Alkohol in Kontakt komme?

Heinze: Am einfachsten ist es, wenn man es von Anfang an schafft und nicht mitmacht.Frey: Wobei man diese, die da nicht mitmachen, meist auch nicht in solchen Gruppen trifft. Das sind Personen, die wenn alle Latzhosen tragen sagen: Ist doch mir egal, ich trage was anderes. Eher Selbstbewusste haben normalerweise keine Probleme mit Alkohol.Heinze: Für die Prävention heißt das ja auch: Wir fangen im Kindergarten damit an, zu vermitteln, dass es darum geht, das Selbstbewusstsein zu stärken: Ich kann mein eigenes Ding machen, ich bin selbstbewusst genug, ich muss nicht alles mitmachen.Frey: Viel wird auch davon abhängen, was ich sonst im Leben habe: Wenn ich gern Fußball spiele und mir meinen Kick hole, dann bin ich vielleicht auf den Kick, den ich Freitagabends beim Saufen habe, nicht so angewiesen. Man sollte sich also fragen: Was macht mir sonst noch Spaß, wo ich mich beweisen kann und wo man weiß, ich bin was und ich kann was.

In meiner Clique läuft was schief. Meine Kumpels oder eine Freundin trinken zu viel. Was kann ich tun?

Frey: In einer Gruppe ist es am schwierigsten. In aller Regel hat man eine breite Front gegen sich. Am einfachsten ist es, wenn man sagt: Ich will da nicht mehr mitmachen. Eine andere Möglichkeit wäre, wenn man sich einen Gleichgesinnten sucht. Alleine ist es ganz schwer.Heinze: Man kann mit den Eltern reden, man kann Hilfe hier in der Beratungsstelle holen, mit dem Trainer oder mit dem Lehrer reden.Frey: Man kann aber niemanden retten, wenn er nicht gerettet werden will. Über das Problem Alkoholismus wird nicht offen geredet, nur hintenrum. Das ist auch ein Problem. Bundesweit sind die Zahlen gestiegen.

Ich möchte meinen Geburtstag feiern. Das Fest soll aber nicht in einem Exzess enden. Was tun?

Heinze: Dann würde ich das Fest mit einem Erwachsenen zusammen organisieren, am besten mit einem Elternteil. Die Erwachsenen können ja im Hintergrund agieren. Am besten ist es, vorher gemeinsam zu überlegen, wie das Fest gestaltet werden soll und wie man mit Leuten umgeht, die Alk mitbringen oder bereits stark alkoholisiert kommen. Orientierung gibt das Jugendschutzgesetz: Unter 16 Jahren gibt es keinen Alkohol über 16 Jahren Bier und Wein, aber keine Spirituosen, Alkopops und so weiter. Eltern sind verantwortlich und dürfen ihre Kinder hier nicht alleine lassen die sind nämlich oft überfordert. Sie wollen eine nette Party machen und dann kommen ungebetene, manchmal auch völlig fremde Jugendliche und machen viel kaputt.Frey: Ich würde auch vorher überlegen: Was will ich denn eigentlich, was für Freunde suche ich mir aus? Personen die mir wohl gesonnen sind. Wen lade ich da ein? Die Eltern haben die Verantwortung.Heinze: Eine Gefahr sind die Partys, bei denen man übernachtet, kein Erwachsener in der Nähe ist und es keine Kontrolle gibt. Mit 14 beispielsweise braucht man noch eine Kontrolle, da ist man noch nicht erwachsen, man braucht Eltern, die einfach Stopp sagen. Jugendliche suchen eine Grenze, als Erwachsener muss ich ihnen auch eine Grenze geben. Ein Beispiel, das ich in einem Seminar erlebt habe: Ein 14-jähriges Mädchen hat für das Wochenende von ihrer Mutter eine Schachtel Zigaretten bekommen. Sie hat dann stolz erzählt, sie hätte eine coole Mutter. Die Mutter wisse ja, dass sie rauche und habe ihr die Zigaretten geschenkt, damit sie drei schöne Tage habe. Und dann hat sie gedacht, sie bekomme jetzt von den anderen Jugendlichen ganz positive Rückmeldungen, wie toll ihre Mutter sei. Doch die anderen haben gesagt, sie finden es blöd. Warum? Weil, wenn sie ihrer Mutter wichtig wäre, würde diese so etwas nicht tun. Das ist für mich so ein Signal gewesen. Jugendliche brauchen die Grenze auch, weil die Eltern damit signalisieren: Du bist uns wichtig und wir schauen nicht bei allem tatenlos zu. Irgendwann bist du erwachsen, dann kannst du alleine entscheiden.

Wie kann man dann eine Party sinnvoll gestalten?

Heinze: Da gab es von einem Radiosender ein Mal eine Aktion mit alkoholfreien Cocktails. Das könnte man auch machen: Leckere Sachen schaffen ohne Alkohol. Man sollte sich also etwas einfallen lassen. In dem Alter um die 14 sind Rollenspiele interessant, Spiele wie "Wahrheit oder Pflicht". Ich plädiere dafür, dass man sich etwas einfallen lässt. Auch auf anderen Festen, zu denen man eingeladen ist. Ideen statt Alkohol.

Was mache ich, wenn ich glaube, ein Alkohol-Problem zu haben?

Heinze: Wichtig wäre es zunächst, ehrlich zu sich selbst zu sein: Wie oft trinke ich? Man sollte sich einen Spiegel vorhalten, schauen und versuchen, ob man auch ohne kann. Man sollte sich Fragen stellen: Ein Wochenende ohne Alk, geht das überhaupt noch? In Berufsschulklassen fragen wir das: Wer hat am letzten Wochenende Alkohol konsumiert? Da meldet sich fast jeder! Dann frage ich: Wer war betrunken? Da melden sich auch immer welche. Dann frage ich: Wer könnte sich ein Wochenende ohne Alk vorstellen? Dann meldet sich die Hälfte der Klasse. Wann war das letzte Mal? Daran kann sich kaum einer mehr erinnern. Man verkleinert sie oft, die Menge die man trinkt. Da sollte man ehrlich zu sich selbst sein, das wäre super, aber das schaffen Jugendliche nur mit Unterstützung. Das ist das, was wir hier in der Beratungsstelle machen. Wie ist es denn wirklich? Der Ist-Zustand.

Kann jeder hierher kommen?

Heinze: Jeder kann herkommen. Es gilt die Schweigepflicht. Da geht nichts an die Eltern oder an die Schule. Wir haben hier einen Schutzraum, wo man sagen kann, wie es wirklich ist.

Wie kann man mir helfen?

Heinze: Die Gründe, warum man trinkt, sind individuell sehr unterschiedlich. Wir suchen nach dem Hintergrund. Ohne das Problem zu lösen, wird man es schwer haben, es mit dem Trinken zu lassen. Das heißt, was wir hier machen, ist daran zu arbeiten. Was steckt dahinter und wie kriegt man es anders hin? Das Gefühl, dass einen keiner mag oder dass man so einsam ist, können Gründe sein, weshalb man trinkt. Manche kommen aus Elternhäusern, wo es schlichtweg beschissen ist, wo viel getrunken wird. Die Frage ist: wo will man hin? Wir wissen, wohin der Weg mit Alkohol führt.

Zu welchen Themen bekomme ich Hilfe?

Heinze: Wir haben zwei Beratungsstellen, zum einen die Jugend- und Drogenberatung: Wir haben den Schwerpunkt illegale Drogen. Meine Kollegin Renate Frey aus der Suchtberatung ist Ansprechpartnerin, wenn es um Alkohol geht. Wir wissen aus Erfahrung: Wegen eines Alkproblems kommt hier kein 17-Jähriger zu uns. Er könnte aber. Die, die kommen, kommen weil sie eine Straftat in Zusammenhang mit Alkohol begangen haben, und deshalb die Auflage haben, hier zu erscheinen. Oder diejenigen, die in der Schule getrunken haben, bekommen die Auflage, zwei, drei Gespräche mit uns zu führen. Trotzdem: Jede oder jeder Jugendliche, der Fragen zu Alkohol oder Probleme mit Alkohol hat, kann bei uns völlig zwanglos einen Termin vereinbaren. Am besten anrufen unter der Telefonnummer 0 70 21/97 04 30. Wir beißen nicht, wir versuchen zu helfen.