Lokales

Schafe ersparen teure Mähgeräte

Das Pflegeprojekt in der Ötlinger Halde ist nun schon im zweiten Jahr der Umsetzung, das Pflegeprojekt in der Jesinger Halde läuft bereits im vierten Jahr. Auch 2007 wurden in beiden Halden wieder Pflegemaßnahmen umgesetzt. Der Schwerpunkt lag diesmal in der Ötlinger Halde. Auf einer Fläche von etwa einem Hektar wurden Gehölze gerodet und Obstbäume wieder freigestellt.

KIRCHHEIM Die Stadt Kirchheim und der Landkreis Esslingen bemühen sich in zwei regional einzigartigen Projekten um den Erhalt der beiden Obstwiesenhänge und um die Etablierung nachhaltiger Bewirtschaftungsformen. Im Rahmen der konventionellen Landwirtschaft lassen sich steile und kleinparzellierte Obstwiesen wie die Ötlinger Halde kaum noch rentabel bewirtschaften. Für viele Eigentümer ist die Offenhaltung ihrer steilen Grundstücke mittlerweile sehr mühevoll und mit hohen Kosten verbunden. Die Folge ist, wie andernorts auch, dass viele Parzellen brach liegen und von einem undurchdringlichen Dornengestrüpp bewachsen sind.

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Langsam, aber sicher breiten sich die Brombeerranken auch auf die umliegenden Grundstücke aus sehr zum Ärger vieler Nachbarn, die ihre Flächen jedes Jahr ordentlich pflegen. Mangels Pflege vergreisen viele Obstbäume, und abgängige Bäume werden nicht ersetzt. Eine Gehölzrodung alleine reicht aber für den dauerhaften Erhalt natürlich nicht aus. Auch die nachfolgende Wiesennutzung muss gesichert werden, damit die Flächen nicht gleich wieder zuwachsen.

Erfahrungen aus anderen Projekten zur Offenhaltung der Kulturlandschaft zeigen, dass hierfür eine Beweidung mit Schafen eine nachhaltige und kostengünstige Lösung darstellen kann. Einhergehend mit den Pflegemaßnahmen wurde daher gemeinsam mit örtlichen Schäfern nach neuen Weideflächen gesucht, Triebmöglichkeiten verbessert und junge Bäume vor einem Verbiss durch die Tiere geschützt. Dabei weiden die Schafe nicht nur auf den neu gerodeten Flächen, sondern auch auf Grundstücken, deren Besitzer nicht mehr selbst mähen können oder möchten. Seit Beginn des Projekts hat sich beispielsweise die beweidete Fläche in der Ötlinger Halde fast verdoppelt, und sie wird sich voraussichtlich noch weiter vergrößern.

Was die Schafe nicht wegfressen, wird im Abstand von mehreren Jahren maschinell nachgepflegt, eine Maßnahme, die 2008 vor allem für die Jesinger Halde vorgesehen ist. Auch die Rodungsmaßnahmen werden in den nächsten Jahren fortgeführt, denn nach wie vor melden sich Grundstücksbesitzer, die an dem Projekt teilnehmen möchten. Je mehr Eigentümer sich daran beteiligen, desto besser und einfacher kann die Beweidung koordiniert werden. Die Teilnahme ist für die Grundstückseigentümer kostenlos und natürlich freiwillig.

Eine Herausforderung ist aber nach wie vor die Kleinparzellierung der Obstwiesenhänge. Über 700 Parzellen mit einer Vielzahl von privaten Grundstückseignern liegen in den beiden Projektgebieten. Jeder dieser Eigentümer hat selbstverständlich eigene Vorstellungen, was auf seiner Fläche geschehen soll. Der von der Stadt beauftragte Koordinator des Projekts, Peter Beck, ist aber nach nunmehr fast fünf Jahren Projekterfahrung routiniert. Er versucht alle Wünsche zu berücksichtigen und koordiniert die verschiedenen Schäfer in den beiden Halden entsprechend. Mehrere der Schäfer haben ihre Tierbestände sogar an die stetig steigenden Anforderungen angepasst.

Dennoch ist die Bewirtschaftung immer auch vom Wetter abhängig, und natürlich können im Frühjahr nicht alle Flächen gleichzeitig beweidet werden. Außerdem naschen auch Schafe gerne von verbotenen Früchten. Viel Geduld und Nachsicht ist daher von allen Beteiligten gefordert. Doch der Erfolg zahlt sich mittlerweile aus. Ziel von Stadt und Landkreis war von Anfang an eine Win-Win-Strategie: Möglichst viele sollen von den Projekten profitieren. Die Bedingungen für die in der örtlichen Landwirtschaft tätigen Schäfer werden durch die Unterstützung verbessert, und Betriebe aus der Region übernehmen die Gehölzrodung. Die Grundstücksbesitzer sparen sich teure Investitionen in Mähgeräte und viel Zeit für die aufwendige und schweißtreibende Pflege.

Erste Erfolge für die Natur sind auch bereits da. So berichtet Klaus Lang von der Kirchheimer NABU-Gruppe von einer deutlichen Zunahme der für Streuobstwiesen besonders typischen Vogelarten wie Halsbandschnäpper, Wendehals oder Steinkauz in beiden Halden. Doch auch Eigentümer, die nicht am Projekt teilnehmen, profitieren davon, denn von den gerodeten Flächen wachsen nun keine Brombeeren mehr auf ihre Grundstücke.

Bereits im Jahr 2004 erkannte der Verband Region Stuttgart, dass Stadt und Landkreis ihrer Zeit voraus sind, und prämierte das Projekt in der Jesinger Halde im Wettbewerb Landschaftspark. Für die Anwohner der Ötlinger Halde ergab sich nun noch ein angenehmer Nebeneffekt: Als Folge des Projekts förderte der Verband Region Stuttgart im vergangenen Jahr auch die Verbesserung der Wegeführung im Projektgebiet. Bislang gab es in der Ötlinger Halde keine Verbindung zwischen dem oberen und dem unteren Hangbereich. Durch die Anlage eines Verbindungswegs wurden die Möglichkeiten für Erholungssuchende um ein Vielfaches verbessert. Zusammen mit den freigestellten Bereichen eröffnet sich den Besuchern nun wieder ein freier Blick in die Region bis hin zum Albtrauf.

pm