Lokales

Schattenboxen mit übermächtigem Gegner

Lenningen sagt Nein zur geplanten Mobilfunksendeanlage der Deutschen Bahn und kann doch nichts dagegen ausrichten

Ein wenig ohnmächtig mag sich da am Dienstagabend manch Lenninger Gemeinderat gefühlt haben: Da wird der Gemeinde eine rund 30 Meter hohe Sendeanlage für den digitalen Zugfunk in die Landschaft gebaut – doch eine Handhabe dagegen gibt es nicht.

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NICOLE MOHN

Lenningen. Schon seit zwei Jahren ist die geplante Station immer wieder Thema im Lenninger Gemeinderat. Den ersten Antrag auf die Errichtung des 30 Meter hohen Mastens plus Basisstation nahe dem Bruckener Bahnübergang an der B 465 lehnte das Gremium 2007 ab – weniger aus Gesundheitsfürsorge, sondern aus städtebaulicher Sicht. Eine Weile sei danach Ruhe eingekehrt, merkte Bürgermeister Michael Schlecht in seiner Rückschau an. Bis dann die Bahn erneut auf die Realisierung drängte. Eine Zeit lang diskutierte man zwei Alternativstandorte zu dem Standort am Bahnübergang, die aber aus technischen beziehungsweise Kostengründen verworfen wurden.

Noch zur Juni-Sitzung hatte Schlecht einen Vertreter der Bahn eingeladen, eine Stellungnahme zum geplanten Mobilfunksender abzugeben. Doch das habe die DB Netz abgelehnt. Als Nächstes erhielt Lenningens Bürgermeister die Nachricht, der Antrag auf Bau sei beim Eisenbahnbundesamt gestellt. Und die Behörde habe hier das alleinige Genehmigungsrecht, verwies der Schultes auf die geringen Möglichkeiten, die Lenningen nun noch bleiben: Das Grundstück sei im Bahnbesitz und zudem zur Bahnnutzung gewidmet, so Schlecht. Auch geltende Grenzwerte seien eingehalten. Formal gebe es somit keine Gründe, dem Bau die Zustimmung zu versagen.

Dass die Gemeinde überhaupt zur Angelegenheit gehört wird, hat Schlecht überrascht. „Es hieß, mit der Information der Gemeinde sei der Beteiligung Genüge getan worden“, berichtete er dem Gremium. Zudem stehe der Sendemast in Dettingen bereits – und der mache nur Sinn, wenn der in Brucken folge.

Allerdings kam die Aufforderung zur Stellungnahme nicht nur mitten in den Sommerferien, sondern platzte auch noch mitten in den Gemeinderatswechsel. Erst nachdem Schlecht protestierte, gab es eine Fristverlängerung bis 20. Oktober.

Die Gemeinde nutzte die Gelegenheit, sich ein Bild von der Situation zu machen. Sie beauftragte Diplomingenieur Norbert Honisch mit einer Emissionsprognose für den Bereich. Der Fachmann in Sachen Umweltstressanalytik gab am Dienstagabend in Sachen Belastung zunächst Entwarnung. In der Hauptstrahlrichtung erwartet der Experte eine Maximalbelastung von rund 1 100 Mikrowatt pro Quadratmeter – inklusive der Belastung, die durch die bestehenden Vodafone- und T-Mobil-Anlagen verursacht werden. Die Berechnung gehe dabei vom „Worst Case“ aus, also den denkbar schlechtesten Fall. So ist zwar die Topografie berücksichtigt, nicht aber Bewuchs oder Bebauung. „Gebäude schirmen zum Beispiel um Faktor zehn ab“, erläuterte der Ingenieur. Damit unterschreitet die Anlage die Grenzwerte der Bundesemissionsschutzverordnung nicht nur um 99,9 Prozent, sondern selbst den Schweizer Vorsorgewert von 42 000 Mikrowatt pro Quadratmeter deutlich. Selbst der Richtwert von 1 000 Mikrowatt pro Quadratmeter der BioInitiative Working Group aus den USA, in der namhafte Wissenschaftler zusammengeschlossen sind, wird nur gering oder gar nicht überschritten.

Der Gemeinderat konnte der Anlage dennoch wenig abgewinnen. Ratsmitglied Georg Zwingmann gab zu bedenken, dass es auch Menschen gebe, die schon bei geringster Belastung reagierten. Es gehöre zur Fürsorgepflicht des Gemeinderates, die Pläne der Bahn kritisch zu prüfen. Für ihn ist nach wie vor nicht schlüssig nachvollziehbar, warum die Bahn den digitalen Funk auf der wenig frequentierten Teckbahn-Strecke überhaupt braucht.

Auch trieb den Gemeinderat die Sorge um, der Mast könnte auch für kommerzielle Anbieter attraktiv sein. Das habe er zwar noch nicht erlebt, erklärte Honisch aus seiner reichen Erfahrung in Sachen Mobilfunk – ausschließen konnte es der Ingenieur freilich nicht völlig. Vertraglich lässt sich dies ebenso wenig regeln wie eine Festsetzung der Abstrahlwinkel oder Stärke. „Wären sie Vertragspartner beim Grundstück, sähe das ganz anders aus“, so Honisch. Die Notwendigkeit der Anlage hingegen sieht der Fachmann als gegeben: „Niemand nimmt sonst Geld in die Hand“, erklärte er mit Blick auf die Kosten. Die Einführung des digitalen Zugfunks sei zudem ein europäisches Projekt, erläuterte er. Vor allem aber war es die Vorgehensweise der Bahn als auch die Machtlosigkeit, die Lenningen in diesem Fall vor fast vollendete Tatsachen stellt. „Was die abziehen, ist unverschämt“, erboste sich nicht nur Ratsmitglied Karl Bossler. Und Wolfgang Tröscher konnte angesichts der Situation nur den Kopf schütteln: „Wir versuchen, einen attraktiveren Ortseingang in Brucken zu machen und die setzen uns das Ding dahin“, sagte er. Dem konnte Bürgermeister Schlecht nur zustimmen: Für ihn ist die Anlage ein „städtebauliches Monstrum“. „Es wird schrecklich aussehen“, weiß er schon heute.

Gemeinderat Kurt Hiller war sich bewusst, dass die Gemeinde einen Schaukampf gegen den Riesen Bahn führt. Er bemühte sich, das Positive zu sehen: „Wenn wir die Bahn nicht hätten, hätten wir 200 000 Tonnen mehr auf der Straße.“

Bei zwei Enthaltungen lehnte der Gemeinderat den Bau der Anlage schließlich grundsätzlich ab. Schlecht wird das Ergebnis dem Eisenbahnbundesamt nun mitteilen. Ob es Auswirkungen auf den Entscheid haben wird, bleib jedoch angesichts der Ausgangslage mehr als fraglich.