Lokales

Schaurig-schöne Mischung aus Komik und Tragik, Ironie und Mordlust

KIRCHHEIM ". . . und was kommt dann?" singt Birgit Nolte-Michel, die mit ihrer unglaublich klaren und sinnlichen Stimme das Publikum in der Kirchheimer Stadtbücherei sofort in ihren Bann zieht. Mit

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MARTINA BAISCH

verschmitztem Blick fügt sie hinzu: "Das was kommen muss!" Ganz beiläufig kommt ein Beil in ihrer Hand zum Vorschein und der Traum vom Glück scheint zu Ende, als der Zuschauer den vom Körper abgetrennten Kopf in einem runden Goldfischglas erblickt. Etwas Mörderisches blitzt in ihren Augen auf, und doch, der Abend scheint lustig zu werden. Die gebürtige Hamburgerin Birgit Nolte-Michel, die ihre Ausbildung in Gesang und Schauspiel an einer privaten Theaterschule absolviert hat und danach an verschiedenen Kleinkunstprojekten, Liederabenden und im Kindertheaterbereich mitwirkte, entführte die Zuhörer mit viel Witz und Charme in die Welt der Liebe mit all ihren Facetten von der Leidenschaft bis zum Mord.

Birgit Nolte-Michel verkörpert beide, femme fatale und femme fragile. Die Zuschauer wurden von Regisseur Oliver Nolte mit der Frage begrüßt, ob jemand unter den Zuschauern ist, der kein Blut sehen kann und die Zuschauer waren auf alles gefasst! Dann schreitet Birgit Nolte-Michel durch den Zuschauerraum auf die Bühne und singt und erzählt auf raffiniert elegante Weise von den Frauen, die lebend und berechnend sind und ihrer leidenschaftlichen Liebe zu Ehemännern, Liebhabern und anderen Objekten der Begierde. Doch wehe, wenn diese Liebe nicht erwidert wird und die Frau enttäuscht und verletzt zurückbleibt. Dann mutiert sie von der liebenden Frau zur gnadenlosen Rächerin. So kann es schon vorkommen, dass der eine oder andere männliche Begleiter aus dem Weg geräumt wird. Schließlich geben die Frauen wirklich alles, gefragt und ungefragt und opfern ihre besten Jahre.

Ob das nun Agamemnon ist, der von seiner Gattin Klytaimestra im Bad ertränkt wird, weil diese nicht länger den auslaufenden Schiffen hinterher schauen und ganz allein zurückbleiben will. Oder vielleicht soll der Geliebte doch besser mit einer Portion Gift ins Reich der Träume verabschiedet werden? Birgit Nolte-Michel erzählt mit einer großen Portion Schalk in den Augen, denn "welche Frau kann von sich behaupten, sie habe noch nie an Mord gedacht oder davon geträumt?" Mit verschmitztem Blick schenkt sie erst einmal Tee ein und kippt aus einem Fläschchen eine grüne Flüssigkeit dazu, um die Tasse dann einem männlichen Objekt im Zuschauerraum anzubieten. "Schön austrinken", flötet sie.

In der Pause kamen die Zuhörer selbst in den Genuss von einer saftigen Portion Gift, es wurde "Poison" gereicht, das sich beim ersten Schluck dann aber doch als giftgrüne Mischung aus Pfefferminzsirup, Grapefruitsaft und Ginger Ale entpuppt hat. Ganz klar, bei "Mord und Taktschlag" spielen eindeutig die Männer die Hauptrolle, denn sie bekommen mit einem Lächeln im Gesicht von Birgit Nolte-Michel immer wieder Tee gereicht, die dann schadenfroh zu warten scheint, bis das Gift seine Wirkung zeigt. Man soll ja schließlich "nicht jemanden glücklich nennen, bis er gestorben ist".

Bewährt hat sich wohl auch die hauseigene Sonnencrememischung aus WC-Reiniger, Vaseline und Parfüm, um dem Liebsten einen brennenden Denkzettel zu verpassen, wenn er sich, wohl wissend, eine Sonnenallergie zu haben, dick am ganzen Körper eincremt. Zwischen den schaurig schönen Geschichten erzählt Birgit Nolte-Michel aber auch von der Frau mit ihren Emotionen und Sehnsüchten: "Meine ganze Liebe geb ich Dir. Sage mir, warum ging die Liebe fort von Dir?" Sie singt von der leidenschaftlichen Liebe der Frau, ihren Träumen und der Suche nach dem Märchenprinz. Es sind ganz einfache Wünsche, die Birgit Nolte-Michel mit melancholischer Stimme offenbart. Mit dem Liebsten ins Café gehen, den Rücken küssen, Gedichte schreiben. Sie träumt von nackter Haut, goldenem Haar und dem idealen Mann. Und trotzdem, es "muss etwas geschehen", wenn das Objekt der Begierde verkündet: "Natürlich liebe ich Dich. Du weißt doch, dass ich alle Frauen liebe."

Während des gesamten Abends wurde Birgit Nolte-Michel von Ulrich Schlumberger, der mehr als nur eine musikalische Nebenrolle übernommen hat, mit seinem Konzertakkordeon begleitet. Er verstand es, mit seinen Akkordeonklängen eine spritzige oder schwermütige Stimmung zu zaubern, die beim Zuschauer Sehnsucht nach Liebe weckt oder Erleichterung aufkommt, wenn sie vorüber ist. Mit seinem Akkordeon hat Ulrich Schlumberger einen besonderen Zugang zur Konzertbühne durch die Interpretation Neuer Musik und durch Übertragungen Alter Musik gefunden, die sich mit dem Stimmtalent von Birgit Nolte-Michel vermischen.

Durch den Abend zieht sich zudem ein Briefwechsel zweier Schwestern, wohingegen die eine der anderen den einen oder anderen nützlichen Tipp zur Männerabgewöhnung gibt. Die Schwester solle doch Fotos von Männern aus Zeitschriften an der Wand anbringen, Wurfpfeile in die Bilder jagen, während sie sich Schimpfwörter überlegt und diese bei jedem Wurf steigert. Das Spiel soll jeden Tag eine halbe Stunde in Anspruch nehmen. Die Absurdität des ganzen Vorhabens hat Ulrich Schlumberger mit sehr schrägen und experimentellen Akkordeonklängen untermalt.

Die Idee, wenn Birgit Nolte-Michel mit ihrer unglaublichen Mimik dem Publikum einen Brief von Sir William an seine Frau Mary vorliest, offenbart den Zuschauern eine "monströse, abstoßende Angelegenheit". Wie gerufen kommt es Mary, als ihr Ehegatte beschließt, nach seinem Ableben Gehirn und Auge aus dem Schädel zu lösen und als unabhängige Einheit am Leben zu lassen. Ein Gehirn, das an eine große, eingelegte Walnuss erinnert ist Frau doch viel lieber, denn es erspart ihr Auseinandersetzungen, Missbilligung und Enttäuschung. Und wenn sich Birgit Nolte-Michels verführerischer Blick in Richtung männlicher Wesen im Zuschauerraum wendet und sie singt "I was to blind to see", dann hat auch der letzte Zuhörer verschmitzt gelächelt und war von so viel Mord und Taktschlag angetan. Nach einem gelungenen Abend mit Beil, Weib und Gesang und humorvoll-ironischen Texten verabschiedet sich eine singende Birgit-Nolte-Michel, während sie an die Herren Kekse verteilt. Nach getaner Arbeit genehmigt sie sich ein Tässchen Tee, in das in einem von ihr unbemerkten Augenblick ein Schuss Gift vom Akkordeonspieler gekippt wurde, und sackt in ihrem Sessel zusammen.

Das Publikum war begeistert von der Mischung aus Komik und Tragik, Ironie, Witz und Mordlust und klatscht das Theaterteam aus Strümpfelbach zur Zugabe. Ja ja, so ist sie, die Liebe, die Leiden schafft.