Lokales

Schauspielern für Jung und Alt

Schüler der Karl-Erhard-Scheufelen-Realschule und Senioren erarbeiten Generationentheater

Das ganze Schuljahr über gastiert in Lenningen das Projekt „Dialogo – Das Generationentheater“. Zwölf Siebtklässler der Lenninger Realschule und eine kleine Gruppe von Senioren des Altersheims „Haus im Lenninger Tal“ treffen sich jeden Mittwoch, um Theater zu spielen. Die Zusammenkunft dient aber nicht nur zur Probe für die Aufführung im Juli, sondern auch zum Dialog zwischen den Generationen.

Marisa Schneider

Lenningen. „Ich bin Klaus Maier, 50 Jahre alt und Hausmeister.“ Ein paar Teenager lachen, manche murmeln noch. Der Hausmeister, der eigentlich die siebte Klasse der Oberlenninger Realschule besucht, lässt sich nicht beirren und stellt den Rest seiner Familie vor. In die Mitte des Stuhlkreises, die als Bühne fungiert, treten immer mehr Familienmitglieder. Da gibt es beispielsweise Eleonore und ihren Mann Johannes Maier, gespielt von zwei Senioren, die sich an ihrer Rolle sichtlich erfreuen. Vorsichtig helfen ihnen die Teenager zu den Stühlen, die auf der Bühne stehen. Familie Maier feiert heute die Konfirmation ihrer beiden Jüngsten, den Zwillingen, die sich allerdings immer streiten müssen. Streit herrscht auch mit der Nachbarsfamilie Häberle, die ebenfalls etwas zu feiern hat, den 80. Geburtstag von Tante Doris – diese geht in ihrer Rolle voll und ganz auf und beginnt mit jedem Mitglied ihrer Familie ein spontanes Pläuschchen zu halten. Die Teilnehmer sind begeistert von der Einlage.

Sowohl die Senioren als auch die Realschüler haben offenkundig Spaß an dem Generationentheater, das Ingrid Gunzenhauser als „Modellprojekt mit einer beispielhaften Zusammenarbeit“ bezeichnet. Die studierte Sozialpädagogin hat das Konzept für das Projekt entwickelt und ist gleichzeitig auch dessen Leiterin. Im Hintergrund von „Dialogo“ stehen vor allem die geplanten Ganztagsschulen und die Frage, wie Senioren in deren Betreuungs- und Förderungsangebot miteinbezogen werden können – oder auch einfach: Die Kommunikation zwischen Jung und Alt soll angeregt werden. Unterstützt wird die Aktion von der „Stiftung Kinderland Baden-Württemberg“ sowie dem Bruderhaus Diakonie.

Die Lenninger zeigten auf Gunzenhausers Anfrage hin sofort „große Bereitschaft“. In der Oberlenninger Realschule gibt es ohnehin für alle Siebtklässler die Regelung, dass sich die Schüler für insgesamt 20 Stunden sozial engagieren müssen. Zwölf von ihnen erklärten sich bereit, beim Generationentheater mitzuwirken – eine weitaus zeitaufwendigere Aufgabe. Die Teenager stört dies allerdings nicht groß, schließlich mache das Generationentheater richtig Spaß. Auch das Altersheim „Haus im Lenninger Tal“ war schnell mit von der Partie. Tatkräftige Unterstützung erhält das Projekt zudem vom Lenninger Netz, sowie von der evangelischen und katholischen Kirche.

Seit September letzten Jahres kommen die zwölf Teenager jeden Mittwochnachmittag ins Altersheim. Unter der Leitung von Birgit Hein, freischaffende Theaterpädagogin und Regisseurin, lernten sich die Schüler und Senioren erst einmal mittels Spielen und Schauspiel­übungen kennen. „Wir wollten erst Grundlagen und eine entspannte Atmosphäre schaffen, bevor wir mit dem Theater starten“, erzählt Birgit Hein. Die 42-Jährige hat zwar schon durch ihre frühere Tätigkeit als Leiterin des Kindertheaters Esslingen Erfahrung in der Arbeit mit Jugendlichen, dennoch ist das Lenninger Projekt auch für sie Neuland.

Ein Theaterstück zusammen mit Jugendlichen und Senioren auf die Beine zu stellen, bezeichnet sie als regelrechte Herausforderung. Vor allem die Arbeit mit den Senioren erfordere eine hohe Flexibilität. Durchschnittlich nehmen zwischen sechs

Improvisationen führen zu witzigen Situationen

und zehn Rentner an den Nachmittagen teil – je nach Lust und Laune. Die Theaterpädagogin ist dankbar, dass sie von Tina Blum, Helferin im Altersheim, Unterstützung erhält, denn „man braucht schon jemanden, der sich mit den Älteren auskennt“.

Die beiden Frauen verstehen sich sichtlich gut und auch sonst herrscht eine entspannte Stimmung in der Gruppe. Das Ziel des Projekts – Neugier, Lust und Freude an der Begegnung mit der anderen Generation entstehen zu lassen – haben die Teilnehmer ohne Frage erreicht. Dadurch, dass das Theaterstück nur als Grundgerüst besteht, haben Jung und Alt genug Platz zu improvisieren, was des Öfteren zu witzigen Situationen führt. So sorgt zum Beispiel die Wortwahl der Jugendlichen bei den Senioren manchmal für Verwirrung. Als ein Schüler erklärt, dass er gerne mit Freunden „chillen“ würde, verstehen die Rentner „schielen“. Die zwölf- bis vierzehnjährigen Schüler brechen darauf in schallendes Gelächter aus und erklären erst einmal, dass Chillen das Entspannen von heute ist. Die Senioren berichten den Teenagern dafür über die früheren Anstandsregeln beim Kennenlernen.

Die Freiheiten, die sie bei dem Theaterstück haben, nutzen die Schauspieler, vor allem die Senioren, auch voll und ganz. So tauschten Eleonore Maier und Doris Häberle bei einem eigentlich kurz geplanten Telefongespräch spontan minutenlang Kuchenrezepte aus. Birgit Hein findet zwar diese Szenen gerade interessant, trotzdem kann sie nicht alles dem Zufall überlassen. Die Teenager tragen das Theater und müssen die Senioren in eine bestimmte Richtung führen, dafür müssen sie das richtige Timing lernen. „Die Schauspieler brauchen auf der Bühne die größtmögliche Sicherheit“, erklärt die Regisseurin und die will sie den Jugendlichen weitestgehend durch die Proben geben. Ein bisschen Zeit haben sie ja noch, schließlich wird das Stück, an dem alle zusammen mitarbeiten, erst am 10. Juli in der Unterlenninger Festhalle aufgeführt. Auf den Tag sind jetzt schon alle gespannt, denn „Dialogo – Das Generationentheater“ ist einfach nicht kalkulierbar, sondern hält jedes Mal eine neue Überraschung bereit.

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