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Schillernde Schönheit wurde im Brennholzstapel im Keller entdeckt

LENNINGEN Seinen Bewunderern macht es der Alpenbock nicht leicht: Wer einen der schönsten einheimischen Käfer mit eigenen Augen sehen will, der braucht entweder unglaubliches Glück oder aber er muss

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IRIS HÄFNER
mit den wenigen Käferspezialisten im Lenninger Forst unterwegs sein, die wissen, wo er zu finden ist. Gutes Schuhwerk, Trittsicherheit sie kann immerhin durch einen Stock maßgeblich verbessert werden und eine gute Kondition erleichtern die Suche in den vielen Steilhängen des ökologischen Lehrreviers in Lenningen nach dem äußerst seltenen Bockkäfer. Auch zeitlich hat der Insektenfreund nur ein enges Zeitfenster zur Verfügung. "Rosalia alpina" ist lediglich von Ende Juni bis August zu sehen, und das auch nur an sonnigen Tagen ab einer Temperatur von etwa 25 Grad Celcius.


Dr. Wulf Gatter, Leiter des Lehrreviers, ist es zu verdanken, dass der schöne Käfer überhaupt im Lenninger Tal in einer beachtlichen Population heimisch wurde. "Ich bin über 30 Jahre hier tätig. Erst seit maximal 20 Jahren gibt es den Alpenbock in meinem Revier", freut sich der Förster über die gelungene Ansiedlung. Der Alpenbock kommt wie der Name schon vermuten lässt hauptsächlich in den Alpen vor. Aber auch in Baden-Württemberg fühlt sich der Käfer stellenweise wohl, bekannte Habitate sind das Obere Donautal bei Beuron und das Uracher Tal. Von der Existenz des Alpenbocks im Lenninger Tal erfuhr Wulf Gatter von einem pensionierten Postboten. "Dieser kam zu mir und erzählte, er habe einen ganz komischen Käfer in seinem Brennholz im Keller gefunden", erinnert sich der Revierleiter. Ein Blick genügte, und dem begeisterten Naturforscher war klar, dass es sich hier um den seltenen Alpenbock handelt.


Dass der Käfer ausgerechnet in einem Brennholzstoß zu Tage trat, liegt in der Natur der Sache begründet und macht deutlich, weshalb der Alpenbock auf der Roten Liste der bedrohten Tierarten steht: Für seine Fortpflanzung ist er auf Totholz angewiesen, und das ist in bewirtschafteten Wäldern kaum oder gar nicht vorhanden. Die längste Zeit seines Lebens verbringt der Alpenbock in tiefer Dunkelheit. Das Weibchen legt seine Eier in kleine Ritzen oder Löcher von abgestorbenen Bäumen oder gestapeltem Holz ab. Als Larve frisst sich der Nachwuchs drei bis vier Jahre durch morsches Holz. Haben die Tierchen ihr Erwachsenenalter erreicht, bohren sie sich nach außen durch. Zu sehen ist dann eine ovale Öffnung, die immer hochkant am Stamm erscheint. Sogleich verstopft das Insekt die Öffnung mit dem entstandenen Bohrmehl wieder, damit es nach außen hin dicht ist, um nicht von einem Specht gefressen zu werden. Mit dem Kopf nach außen zieht sich das Tier wieder zurück und verpuppt sich dann zu dem Käfer. "Eine innere Uhr zeigt ihnen an, wenn es Zeit ist zu schlüpfen", erklärt Wulf Gatter. Stimmt die Außentemperatur, und scheint dazu noch die Sonne, kommt nun der wunderschöne Käfer zum ersten Mal mit Tageslicht in Berührung. Lange zeigt sich das Insekt jedoch nicht in seiner ganzen Pracht. Gerade mal drei bis vier Wochen schwirrt er in günstigen Jahren durch die Lüfte, Gewitterstürme können dem Alpenbock jedoch schon nach wenigen Tagen den Garaus machen. Dazu kommen noch zahlreiche natürliche Feinde. "Die wenigsten Alpenböcke sterben eines natürlichen Todes", weiß der Förster.


Möglicherweise ist dafür auch ihr Flugstil verantwortlich. "Sie fliegen in etwa wie ein Fieseler Storch und entsprechend schnell sind sie auch", beschreibt Wulf Gatter. Dazu kommt noch die auffällige Färbung der Käfer. "Jeder lässt sich individuell unterscheiden", beobachtete der Forscher. Der Grundton der Alpenböcke reicht von nahezu grau bis zu einem kräftigen türkisblau. Auf jedem Flügel finden sich drei dunkle Flecken, wobei die beiden mittleren oftmals einen Streifen bilden. Form und Größe der schwarzen Flächen bilden den "Fingerabdruck". Die intensive Farbe führt sich an Beinen und Fühlern als Streifenmuster fort, die Fühler des Männchens können eine Spannweite von bis zu 13 Zentimetern haben das zwei- bis zweieinhalbfache ihrer Körpergröße. Die Tiere selbst werden zwischen 1,5 und 4 Zentimetern groß, und wegen ihrer Größe und Färbung ist Rosalina alpina einer der attraktivsten Bockkäfer.


Sein Lebensraum sind Buchenwälder in Kalkgebirgen in einer Höhe zwischen etwa 450 und 1500 Meter. Der Alpenbock liebt die Sonne und ist daher nur bei warmen Temperaturen bevorzugt an Südhängen anzutreffen. Hier setzte Wulf Gatter mit seinen Förderungen an. Zunächst versuchte er es mit Schichtholzstapeln, musste dann aber feststellen, dass das Holz zu früh vermoderte und die Larven darin nicht überlebten. Gut geeignet sind dagegen gut belüftete und besonnte Stammteile. Wulf Gatter und seine Forstmitarbeiter beobachteten schon nach zweieinhalb Jahren dort die ersten Ausflug-Löcher. Eine weitere Möglichkeit sind die "Alpenbock-Stubben". Dazu werden Buchen im Steilhang oberhalb der wirtschaftlich nicht verwertbaren Steinschlagzone der Stämme erst in einer Höhe von etwa einem Meter bis zu drei Metern abgesägt. "Das ist eine Herausforderung für die Waldarbeiter", sagt Forstwirtschaftsmeister Hans Lude. Er ist für die technische Betreuung des Forstreviers verantwortlich. Mittlerweile müssen er und Wulf Gatter ihre Arbeiter darauf hinweisen, in steilen Südhängen einen Teil des Stammes stehen zu lassen. "Das ist zwischenzeitlich selbstverständlich", freut er sich. Einer seiner Männer macht sich sogar einen Sport daraus, die Stämme in möglichst großer Höhe abzusägen bei einer Körpergröße von über 1,90 Meter hat er dafür die besten Voraussetzungen.


Zur Aufgabe von Hans Lude gehört auch, Karten zu erstellen und die entsprechenden Punkte auch in der Landschaft klar zu markieren. Die Lenninger Alpenböcke werden wissenschaftlich von Edwin Votteler und Hermann Haußmann betreut, um ihnen und ihrer Lebensweise auf die Schliche kommen zu können. Um zu erfahren, wie viele Alpenböcke beispielsweise auf einer bestimmten Fläche leben, ist es wichtig, dass Karte und Landschaft übereinstimmen. Dazu werden Bäume markiert. Die beiden Biologen betreiben Langzeitforschung und gehen verschiedenen Fragen nach: Wie entwickelt sich die Population der Alpenböcke? Welche Rolle spielt das Wetter? Wie reagieren die Käfer auf forstliche Maßnahmen? "Das Wissen der Biologen findet dann Eingang in die praktische Forstwirtschaft", erläutert Wulf Gatter Sinn und Zweck der Aktion. Die Aufgabe des Forsts ist es dann, Antworten zu finden, wie das Wissen umgesetzt werden kann. Schließlich sollen beide Seiten profitieren: zum einen soll die Wirtschaftlichkeit der Forstverwaltung nicht aus den Augen verloren werden, zum anderen auch die Natur nicht zu kurz kommen.


"Die Totholzmengen in den Wäldern der Alb sind so hoch wie lange nicht", weiß Wulf Gatter. Nicht nur der Alpenbock hat dadurch Vorteile, auch zahlreiche andere Arten aus Flora und Fauna sind auf morsches Holz angewiesen. Zur Dezimierung des Käfers trägt jedoch auch die Holzabfuhr bei. "Durch lange Holzlagerung im Wald geraten wahrscheinlich große Mengen Eier und Larven in die Schleifanlagen der Zellulosewerke", befürchtet Wulf Gatter. Nach Ansicht des Försters schadet vor allem aber der flächige Einsatz von langlebigen Pestiziden in den 50er- und 60er-Jahren gegen Maikäfer dem Alpenbock bis heute. Auch der Einfluss von chlorierten Kohlenwasserstoffen ist seiner Anischt nach nicht zu unterschätzen.


Nichtsdestotrotz blickt Wulf Gatter positiv in die Zukunft. Wird dem Käfer ein seiner Art entsprechender Lebensraum geboten, können sich die Bestände erholen. Die Stubben dürften neben den wipfeldürren Buchen wohl die langlebigste Variante sein. Bis zu 30 Jahre braucht so ein Stamm, ehe er so verrottet ist, dass er als Alpenbock-Kinderstube nicht mehr dienen kann. Obwohl im Lenninger Tal bis vor rund 20 Jahren kein Alpenbock gesichtet wurde, hat sich dank der gezielten Förderungen eine stattliche Population entwickelt. "Ich schätze, dass insgesamt pro Jahr über 1000 Käfer aus dem Holz schlüpfen", freut sich Wulf Gatter.


Die Forstdirektion Tübingen hat über den Alpenbock auch eine Informationsbroschüre herausgegeben.

Der seltene Alpenbock gilt als der schönste heimische Käfer.