Lokales

Schlagzeilen, die Geschichten machen

KIRCHHEIM Auf dem Schreibtisch steht ein Computer, darum verteilt Notizen und Manuskripte. An der Wand hängen Ausschnitte

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ALEXANDRA BOGER

aus Zeitungen und Bilder im Großformat, die sich als Titel auf den Büchern wiederfinden, die im Regal daneben stehen. Auf den Einbänden der Bücher steht der gleiche Name wie auf der Türklingel des Hauses in der Nähe des Kirchheimer Bahnhofes.

Karl Christian Mahle ist Elektriker, Erfinder und Autor. Früher arbeitete er als Betriebsleiter in der Kirchheimer Schuhfabrik Müller. Als er 59 Jahre alt war, schloss die Firma und er begann, Geschichten zu schreiben. Von 1983 bis 1990 sammelte er sie zu seinem ersten Buch: "Ein Jahr im Leben". Seit sechs Jahren sind seine Geschichten Teil der Teckboten-Weihnachtsausgabe. Am 25. Dezember wird der "Allround-Rentner", der bis dato zehn Bücher geschrieben hat, 81 Jahre alt. Struktur, Thematik und selbst die Impulse für seine Erzählungen haben sich in all den Jahren nicht verändert. "Ich lese jeden Tag die Zeitung und oftmals regt mich etwas auf, oder es gefällt mir etwas." Das ist für Karl Mahle genug, um sich an den Computer zu setzen.

Unvermittelt führt der Anfang jeder Geschichte ins Geschehen, und der Leser ist sofort Teil davon. Was der Autor bei seinen Erzählungen zwischen die Zeilen schreibt, bleibt selten unkommentiert. Und so sind gesellschaftskritische Äußerungen und die Moral fester Bestandteil der "Mahle'schen" Literatur: "So ein Seitenhieb ist immer drin in meinen Geschichten", gibt der 80-Jährige mit schelmisch hochgezogenen Mundwinkeln zu. Er will die Menschen für die großen Probleme der Welt sensibilisieren, indem er sie in einen verständlichen Rahmen packt und auf einzelne Schicksale transportiert. "Zum einen schreibe ich zur Unterhaltung, aber vor allem für Menschen, denen es nicht so gut geht." Doch steht hinter den Zeilen von Karl Mahle nicht das "Es-wird-schon-alles-wieder-gut", sondern eher das "Mach-die-Augen-auf-und-beweg-etwas". Er thematisiert Problematiken und lässt den Leser an seinen Überlegungen und Lösungsvorschlägen teilhaben. Er wendet sich damit an zentrale Stellen des Staates und der Gesetzgebung.

In der Geschichte "Nach dem Dunkel kommt das Licht" formuliert er seine Gedanken zum Thema "Behinderung". Diese schickte er an den Bundespräsidenten Horst Köhler und das Bundeskanzleramt. Damit wollte er seinen Teil dazu beitragen, das Strafgesetzbuch dahingehend zu ändern, dass ein Gesetz abgeschafft wurde, das den Missbrauch widerstandsunfähiger Personen weniger schwer bestrafte, als den aller anderen. Vor allem deshalb ist diese Geschichte in seinen Augen die wertvollste: "Weil ich Menschen helfen konnte, die sich nicht selbst helfen können", meint der Kirchheimer.

AlltagsheldenUnd so sind auch die Protagonisten seiner Geschichten die Menschen auf der Straße, die Probleme haben, die jeder teilen kann, und denen er ein Buch widmete: "Alltagshelden sind Menschen aus dem Alltag, die mit wenigen Mitteln durch das Leben gehen müssen oder benachteiligt sind. Da sind keine ,Ackermanns' drin." Die "Alltagshelden" sind fiktiv, doch, so betont Karl Mahle: "Es könnte sie geben."

Auf einen dieser Helden dürfen sich die Teckboten-Leser am 23. Dezember freuen, auf "Johannes' gesegnetes Leben". Darin fasst Karl Mahle in ironisch-naiver Weise ein heißes Eisen an, das sich in den Debatten um Gesundheits- und Rentenreformen auch im Bundestag wiederfindet: "Zuerst wollen alle, dass der Mensch gesund bleibt und alt wird, und dann können sie ihn nicht mehr aushalten", so formuliert es der 80-Jährige.

Manche aus dem Leben und zwar aus dem des Autors gegriffene Aspekte sind nicht von der Hand zu weisen. Oft sind die Stimmungen bestimmt von Melancholie und unbeantworteten Fragen. Der Autor sieht das so: "Wenn man über 80 ist, ist man eben nachdenklich, und dementsprechend sind auch die Geschichten."

Noch keine PlänePläne für ein neues Buch macht er nicht. Zurückblickend auf 80 Jahre resümiert er: "Ich habe viele Patente angemeldet, aber was vergänglich ist, ist keine Leistung. Wenn man davon ausgeht, was man erreichen kann, hab ich wenig erreicht, aber ich habe einigen Menschen geholfen, das genügt mir." Der Kirchheimer Geschichtenschreiber wird weiterhin Geschichten schreiben. Das ist das Eigentliche, was er hinterlassen will: "Meine Enkelkinder lesen die Bücher und denken an mich. Ich wünsche mir auch, dass meine Erzählungen immer aktuell bleiben." So sind die Geschichten von Mahle noch längst nicht abgeschrieben und längst nicht zu Ende geschrieben.