Lokales

Schleckig durften sie nicht sein

Die 16-jährige Jule Eisrich führt Kinder im Freilichtmuseum von Herd zu Herd

„Kinder und Kindheit“ ist in diesem Jahr ein Thema der Freilichtmuseen in Baden-Württemberg gewesen. Dazu hat das Museum des Landkreises in Beuren spezielle Führungen für Mädchen und Buben angeboten. Jule Eisrich aus Brucken hat den kleinen Besuchern gezeigt, wie vor 200 Jahren gekocht und gebacken worden ist.

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richard umstadt

Beuren. Schleckig durften die Kinder jener Zeit nicht sein. Jeden Morgen Schwarzer Brei im Teller. Kein Nutella, kein Müsli, kein Marmeladenbrot. Nur Musmehl, Schrot aus geröstetem Weizen und Dinkel. Getreu dem sattsam bekannten Motto „Gegessen wird, was auf den Tisch kommt“. Noch Anfang des 20. Jahrhunderts rührten die Mütter auf der Schwäbischen Alb Musmehl an. Meist gab‘s den Schwarzen Brei zum Frühstück. Davon kann die 16-jährige Jule Eisrich ein Lied singen. Nicht etwa, weil in ihrer Familie das traditionelle Morgenmahl die Zeiten überlebt hätte. Die Schlossgymnasiastin aus Brucken erzählt vielmehr Mädchen und Buben bei einem Rundgang durchs Freilichtmuseum Beuren, was in früheren Zeiten den Speiseplan bestimmte.

„Kinder führen Kinder“ heißt das Projekt, das 2007 seinen Anfang nahm. Auch in diesem Jahr, so sah es die Arbeitsgemeinschaft der sieben Freilichtmuseen in Baden-Württemberg vor, sollten sich die „7 im Süden“ mit dem Thema „Kinder und Kindheit“ beschäftigen. Jule Eisrich und der gleichaltrige Timo Seidl aus Rems­eck erklärten sich bereit, die Kinderschar im Museumsdorf des Landkreises von Haus zu Haus und von Herd zu Herd zu führen. „Uns ging‘s vor allem darum, die Unterschiede beim Kochen und Backen zwischen früher und heute zu erklären und zu zeigen.“ Deshalb informierten sich Jule und Timo über die Kochstellen in den einzelnen Häusern und wählten dann die Gebäude aus, die für die Führung besonders geeignet erschienen. „Unsere erste Station war das Weberhaus aus Laichingen, weil es zeitlich am weitesten zurückliegt.“

Das vormals eingeschossige Wohn-Stall-Haus in Fachwerkbauweise wurde 1790 zum Weberhaus mit zwei getrennten Wohneinheiten umgebaut. Zwei flach gedeckte Keller dienten als Webräume. In der nördlichen Haushälfte lebte und arbeitete bis zum Ende des Ersten Weltkrieges eine Weberfamilie. In der Flurküche stand ein Steinblock, auf dem das Holzfeuer brannte, wenn gekocht wurde. Der Kochtopf wurde entweder auf einem Eisendreifuß ins offene Feuer gestellt oder an einer Kette in den Kamin gehängt.

Mit den Kindern rund 200 Jahre in der Geschichte zurück ging Jule, als sich die Gruppe die Küche des Beurener Wohn-Stall-Hauses näher ansah. Das eingeschossige Gebäude wurde zwar im 16. Jahrhundert erbaut. Das Museum zeigt es aber im Zustand des 1800. Jahrhunderts. Wie Mutter Kittelberger, die mit ihrer Familie in dem Haus wohnte, rührte Jule Eisrich im Kupferkessel auf dem Eisenherd den Schwarzen Brei an. Doch zuvor musste sie im Herd Feuer machen. Was heute mit Streichhölzern oder einem Feuerzeug relativ einfach zu bewerkstelligen ist, stellte die Hausfrau damals oft auf eine Geduldsprobe. Sie musste nämlich mit Schlageisen, Zunder und Schwefelholz versuchen, das Feuer zu entfachen.

Beim Musmehl hatte jede Familie so ihre Rezepte. Jule Eisrich schmeckte den Schwarzen Brei süß ab, denn „mit Zwiebeln und Schmalz mag ihn ja eh‘ keiner.“ Doch die junge Museumsführerin ließ die Kinder nicht nur die Zubereitung des Breis miterleben, die Mädchen und Buben durften ihn auch kosten. Währenddessen erzählte die Gymnasiastin, wie früher die Gepflogenheiten bei Tisch waren. Zuerst erhielt der Vater sein Essen, dann der Knecht. Danach die Mutter, anschließend die Magd und die Großeltern und ganz zuletzt die Sprösslinge.

Eine weitere Station der Kinderführung war das Sulzgrieser Backhäusle. Dort konnten die jungen Museumsbesucher sehen, wie früher Brot gebacken wurde. Im Ohmdener Walzhaus mit Schreinerei gab‘s bereits einen Sparherd aus Metall, wie er 1920 üblich war. Und als letzte Station ihrer Führung hatten Jule Eisrich und Timo Seidl das Häslacher Rathaus mit der Lehrerwohnung auserkoren, wo neben dem Sparherd auch ein Herd mit elektrischer Kochplatte stand. Für die Kinder ein alter Hut, für die moderne Hausfrau der 50er-Jahre das Nonplusultra.

In der Küche der Lehrerwohnung endete die kurzweilige und inte­ressante Führung für die rund 20 Kinder. Für Jule Eisrich, die das Museumsdorf inzwischen wie ihre Westentasche kennt, war es sicher nicht der letzte Ausflug mit Buben und Mädchen durch die Geschichte. „Wir werden die Führung für Kinder auch in der nächsten Saison wieder anbieten“, sagt Museumsleiterin Steffi Cornelius. Dann wird sich die 16-jährige Gymnasiastin aus Brucken, die bereits als Kind am Ferienprogramm teilnahm, mit den kleinen Besuchern wieder unter dem großen alten Birnbaum treffen, um zu einer neuen Entdeckungstour durchs Museumsdorf aufzubrechen.