Lokales

"Schloss und Stadt in Frauenhand"

ANDREAS VOLZKIRCHHEIM Die Staatlichen Schlösser und Gärten Baden-Württemberg arbeiten eng mit der Abteilung Kulturprojekte des Staatsanzeiger-Verlags zusammen. Früchte dieser Kooperation sind beispielsweise die Silbergrauen Führer, die zu den größeren Schlössern im Land vorliegen. Für Fälle, in denen sich ein solcher Schlossführer eher weniger anbietet, gibt es die Möglichkeit, zu besonderen Anlässen ein Magazin der Reihe "Große Themen der Kulturgeschichte" herauszugeben. Solche Anlässe sind etwa die Aufnahme in die Weltkulturerbe-Liste der UNESCO, wie das bei der Insel Reichenau und beim Limes der Fall war, oder eben ein Jubiläum, so wie derzeit in Kirchheim das Gedenken an Herzogin Henriette zu ihrem 150. Todestag.

Anzeige

In diesem konkreten Fall haben die "Macher" des Magazins auch noch die Stadt Kirchheim in die Kooperation mit einbezogen allen voran Museumsleiter Rainer Laskowski, der sich ja auch wegen der Sonderausstellung "Ein bewegtes Leben" ausführlich mit Herzogin Henriette zu befassen hatte. Generell steckt die Absicht hinter der Reihe, lokale Autoren für ein Magazin zu gewinnen. "Dann wird es vor Ort auch richtig akzeptiert", sagt die Kulturredakteurin Anja Stangl. Weitere Autoren sind Mitarbeiter der Schlösserverwaltung und sonstige Fachleute für Kunst, Kultur oder Geschichte. Für Texte, die mit "Redaktion" gekennzeichnet sind, sowie für das gesamte Layout war Anja Stangl gemeinsam mit Dr. Frank Thomas Lang verantwortlich.

Inhaltlich gliedert sich das Magazin mit dem Titel "Schloss Kirchheim unter Teck. Landesfestung Witwensitz Schlossmuseum" und dem Untertitel "Schloss und Stadt in Frauenhand" in vier Teile. Der umfangreichste Teil ist Herzogin Henriette gewidmet. Herzstück dieses Teils sowie des gesamten Magazins sind die historischen "Raumporträts". Sie zeigen die öffentlich zugänglichen Räume des Kirchheimer Schlosses in dem Zustand, den sie zur Zeit Henriettes hatten.

Die Texte über Henriette befassen sich mit ihrem Leben zunächst als Offiziersgattin, dann als Witwe, Wohltäterin und Mutter, die sich mit der schwierigen Aufgabe befassen musste, ihre fünf Kinder standesgemäß zu verheiraten. Zumindest bei den vier Töchtern hatte Herzogin Henriette Erfolg. Der Sohn Alexander verheiratete sich aus Sicht der Württemberger allerdings unstandesgemäß, weshalb sich seine Nachkommen auch nicht "von Württemberg" nennen durften, sondern mit dem Namen "von Teck" vorlieb nehmen mussten. Und doch war es gerade Alexanders Enkelin Mary von Teck, die einen Enkel der Königin Victoria heiratete und nach dessen Thronbesteigung als König Georg V. im Jahr 1910 zur Königin des Vereinigten Königreichs von Großbritannien sowie zur Kaiserin von Indien wurde.

Queen Mary erlebte es noch im hohen Alter von 84 Jahren, dass ihre Enkelin Elisabeth 1952 die Nachfolge des verstorbenen Königs Georg VI. antrat. Die vielbeschworene Tatsache also, dass Herzogin Henriette die Urururgroßmutter der heutigen Königin Elisabeth II. ist, wäre ohne Henriettes Sohn Alexander so nicht zustandegekommen. Das Missfallen, das Alexanders Eheschließung innerhalb seines eigenen Hauses einst erregt hatte, hinderte seine Nachfahren folglich nicht daran, in die höchsten Adelskreise vorzustoßen. Wer die Ahnenreihen besser nachvollziehen möchte, findet in der neuen Broschüre zwei reichlich bebilderte Genealogietafeln zum Haus Württemberg und der weitverzweigten Verwandtschaft Henriettes.

Weitere "Henrietten-Themen" im Magazin sind zeitgenössische Erinnerungen an die Herzogin, die Beschreibung der Schlosseinrichtung, der herrschaftlichen Gärten, des Lebens im damaligen "Oberamtsstädtchen" sowie ein Rückblick auf die Berichterstattung des Teckboten über den Tod der Wohltäterin und die Trauerfeierlichkeiten für sie. Sechs Jahre lang hatte Henriette als Ehefrau Herzog Ludwigs in Kirchheim gelebt, 40 Jahre als Witwe.

16 Jahre wiederum währte der Aufenthalt Franziskas von Hohenheim in Kirchheim. Als Witwe des schillernden Herzogs Carl Eugen war sie 1795 ins Kirchheimer Schloss gekommen, wo sie bis zu ihrem Tod am 1. Januar 1811 ihren Wohnsitz hatte. Mit dieser "Vorbewohnerin" Henriettes befasst sich ein weiterer Teil des Magazins zum einen mit der Liebesbeziehung zwischen ihr und dem Herzog, die 1771 in Kirchheim ihren Anfang nahm, zum anderen mit Franziskas Witwendasein und mit ihrer Einrichtung im Schloss.

Eine ganze Reihe früherer Schlossbewohner, in den meisten Fällen Witwen von Herzögen, stellt im neuen Magazin gleich das erste Kapitel "Schloss und Stadt" vor. Einen Blick über den Tellerrand bietet der Text über "Witwen und ihre Schlösser", in dem auch andere württembergische Witwensitze wie Nürtingen, Böblingen, Leonberg, Stetten und Göppingen betrachtet werden. Außer den württembergischen Königswitwen erfahren dabei auch die preußischen Königinnen und ihre Witwensitze besondere Aufmerksamkeit.

Natürlich kommt auch die Stadt Kirchheim in diesem ersten Kapitel zu ihrem Recht: Der Festungsbau oder die Baugeschichte des Schlosses werden ebenso abgehandelt wie Kriege, Seuchen, Brände und die jeweilige Situation der Bevölkerung. So befasst sich ein Text ausführlich mit den Untertanen und dem Schloss, wobei es für das 17. und 18. Jahrhundert heißt: "An den Hofaufträgen verdienten einige wenige Bürger. Der größte Teil der Bevölkerung dagegen litt erheblich unter den Lasten der Frondienste, die die fürstlichen Schlossbewohner beanspruchten."

Wesentlich besser haben es da jedenfalls alle, die sich anhand der Broschüre Orientierung in Schloss und Stadt verschaffen und sich dabei auch mit dem Abschlusskapitel "Kirchheim heute" befassen. Die einstige Nutzung des Schlosses als Museum wird ebenso erwähnt wie die derzeitige als Sitz des Pädagogischen Fachseminars. Weitere Texte informieren über das Stadtarchiv, die Sehenswürdigkeiten in Kirchheim und Umgebung sowie über Gedenkstätten für Franziska und Henriette, die außerhalb Kirchheims liegen. Ein Lageplan des Schlosses und der Kirchheimer Innenstadt beschließen das informative Magazin.

INFODas 84 Seiten starke Magazin "Schloss Kirchheim unter Teck" ist zu beziehen über die Telefonnummer 07 11/6 66 01-44, die Faxnummer 07 11/6 66 01-34 oder über die Internetadresse www.shop-staatsanzeiger.de. Außer im Schloss und im Kornhaus soll es auch im Buchhandel erhältlich sein.