Lokales

Schloss zum Kauf ausgeschrieben

Schicksal der repräsentativen historischen Neidlinger Immobilie wurde heute vor 200 Jahren besiegelt

Der Anfang vom Ende des Neidlinger Schlosses liegt heute genau 200 Jahre zurück. Am 19. März 1808 setzte ein Dekret des württembergischen Königs Friedrich den Schlusspunkt unter die mehr als 250-jährige Geschichte des herrschaftlichen Gebäudes.

Werner Frasch

Neidlingen. Heute erinnern an das Neidlinger Schloss nur noch historische Abbildungen und detaillierte Planzeichnungen in den Archiven sowie ein Straßenname. Dass in der kleinen Ortschaft an der Lindach dieser repräsentative Herrschaftssitz erbaut wurde, kam nicht von ungefähr. Länger als in anderen Ortschaften hielt sich in Neidlingen der Ortsadel. Das Dorf blieb lange Zeit selbstständig und bildete später eine reichsunmittelbare Herrschaft mit dem Sitz eines Vogtes. Erst im Jahr 1596 gelang es dem württembergischen Herzog Friedrich I., Neidlingen seinem Staatsgebiet einzuverleiben.

Vorher besaßen Angehörige des niederen Adels das Eigentum am Ort unterm Reußenstein, der mit Ochsenwang und den Höfen Krebsstein, Randeck, Heimenstein und Pfundhardt einen eigenen „Stab“ – so die damalige Bezeichnung eines kleinen Verwaltungsbezirks – bildete. Um das Jahr 1523 hatte Wilhelm Fetzer, der aus einem ostschwäbischen Nieder­adelsgeschlecht stammte, das Gebiet von seinem Schwiegervater Dietrich Speth von Zwiefalten erworben. Dieser zählte zu den reichsten Edelmännern am Hof des Herzogs Ulrich. Mit dem württembergischen Herzog Ulrich fühlte er sich zunächst eng verbunden, wandelte sich aber später zu seinem Gegner. Er schlug sich auf die Seite der herzoglichen Gattin Sabina, die ihren Mann 1515 im Streit verlassen hatte. Für diese Untreue musste Dietrich Speth mit der Zerstörung seiner Neidlinger Burg büßen, die der Herzog im April 1517 niederbrennen ließ.

Speths Nachfolger Wilhelm Fetzer stand gleichfalls im Konflikt mit dem 1519 vertriebenen Herzog Ulrich und paktierte mit der österreichischen Besatzungsmacht. Sie belohnte die Kooperation reich. Denn Wilhelm Fetzer wurde 1532 zum Burgvogt auf dem Hohenneuffen, zum Oberamtmann von Neuenstadt am Kocher und zum Obervogt von Weinsberg ernannt.

Diese Machtfülle stärkte ihn in seinen Bemühungen um ein standesgemäßes Schloss in seiner Herrschaft Neidlingen. Er ließ um das Jahr 1530 einen respektablen Wohn- und Amtssitz in der Nähe der alten Wasserburg errichten. Damals entstand ein vierflügliger Bau mit vier Rundtürmen, der von einem Wassergraben, über die eine Zugbrücke führte sowie einem Wall umgeben war. Ergänzt wurde das Anwesen durch Wirtschaftsgebäude wie Schafstall, Scheuer, Bräuhaus und Hundshäusle.

Allerdings hatte der Aufstieg Fetzers nach der Rückkehr von Herzog Ulrich in sein angestammtes Herzogtum im Jahr 1534 ein Ende. Wegen Wilddieberei – einem der schlimmsten Vergehen gegen die Obrigkeit – hatte er sich mit dem Herzog angelegt.

Herrschaft Neidlingen erhielt die hohe Gerichtsbarkeit

Die Spur Fetzers und seines Sohnes verliert sich bis zum Jahr 1551. Damals verkaufte der 18-jährige Fetzer das Schloss Neidlingen mit allem, was dazugehörte und weitere Ländereien in der Umgebung an Eberhard von Freyberg zu Eisenberg und Haldenwang, der als kaiserlicher Rat dem Ritterstand angehörte. Der Herrschaft Neidlingen übertrug der Kaiser die hohe Gerichtsbarkeit und sie erhielt damit die volle Reichsunmittelbarkeit. Die Machtfülle bewahrte die neuen Ortsherren allerdings nicht vor wirtschaftlichen Schwierigkeiten. Denn trotz der Unterstützung durch den Kaiser und umfangreicher Erträge, verschuldete sich die Freyberger Herrschaft beim württembergischen Herzog, sodass dieser zur Abwehr von Schwierigkeiten im Jahr 1587 als Erbe eingesetzt wurde.

Nach dem Tod Leos von Freyberg im Jahr 1594, kam es erwartungsgemäß zu Misshelligkeiten zwischen den beiden Brüdern des Verstorbenen und dem in Stuttgart seit kurzem regierenden Herzog Friedrich I., zumal dieser bestrebt war, das reichsunmittelbare „Einsprengsel“ wie andere Gebiete seiner Herrschaft einzuverleiben. Der Streit zwischen dem Herzog und den Freyberg-Brüdern wurde 1597 schließlich durch die Zahlung einer hohen Abfindung des württembergischen Landesherrn beendet. Dieser konnte nun über seinen neuen Neidlinger Besitz verfügen und dort einen Vogt einsetzen. Gleichzeitig wurde vom Herzog der Auftrag zu einer Bestandsaufnahme dessen erteilt, was in dem abgelegenen Tal im Einzelnen an Württemberg gefallen war. Erfasst wurde alles, was für den Herzog einen Wert besaß. Der mehrfache Besitzerwechsel hatte auf die Neidlinger Bevölkerung offenbar keinen guten Einfluss. Denn der erste württembergische Vogt beklagte, dass mit dem Wechsel der Herrschaft jeweils auch die Religion geändert wurde, was „Manns- und Weibspersonen“ einigermaßen „verwildert und halßstarrig“ gemacht habe.

Offenbar war der neue Neidlinger Besitz dem Herzog so bedeutsam, dass er ihn zu einem eigenständigen Verwaltungsbezirk machte. Am 6. Februar 1605 verfügte Friedrich I. von Württemberg, dass aus „sonderbaren bewegenden Ursachen“ sich die Amtleute zu Kirchheim nicht des „Flecken Neidlingen“ annehmen sollten. Vielmehr blieb dem dortigen Vogt wie „anderen separirten Ämpter im Herzogtum“ die gesamte Verwaltung überlassen. Ab dem Jahr 1675 hatte das Amt Neidlingen sogar das Recht, einen eigenen Abgeordneten in die Landtage nach Stuttgart zu entsenden.

Renovierung lag in Händen des Landbaumeisters

Mit dem Neidlinger Wasserschloss, das sich in einem schlechten baulichen Zustand befand, ging es nach der Übernahme durch Württemberg wieder aufwärts. Der herzogliche Landbaumeister Heinrich Schickhardt kümmerte sich um die Renovierung, sodass der Renaissancebau ein standesgemäßes Domizil für den staatlichen Beamten darstellte. Zudem war der Herzog bestrebt, sich eine einträgliche Geldquelle in dem Gemäuer zu erschließen. Der Alchemist Hans Heinrich von Mühlenfels gaukelte dem gutgläubigen und geldgierigen Herzog vor, Gold machen zu können. Dem Quacksalber wurde für dieses Versprechen neben dem Kirchheimer Freihof auch Dorf und Schloss Neidlingen als Lehen zugewiesen, um dort seine geheimnisvollen Experimente durchführen zu können. Die Betrügereien flogen schließlich auf und Mühlenfels wurde im Jahr 1606 in Stuttgart am Galgen hingerichtet.

Später waren die Bewohner des Neidlinger Schlosses weit seriöser. Zu den bekanntesten und bedeutsamsten gehörte Konrad Widerholt. Für seine Verdienste um Württemberg während des 30-jährigen Krieges belehnte ihn der württembergische Herzog mit der Herrschaft Neidlingen einschließlich Ochsenwang und ­Randeck.

Mit dem Ende der Vogtei Neidlingen 1807 als Folge der Erhebung des Landes zum Königreich und der Neustrukturierung der Verwaltung wurde auch das Schloss in der 800 Einwohner zählenden Herrschaft als Amtssitz nicht mehr benötigt. Die lange Zeit selbstständige Vogtei wurde organisatorisch zunächst dem neu gebildeten Oberamt Wiesensteig und später dem Oberamt Kirchheim zugeschlagen. In einem Dekret vom 30. Januar 1808 wurde daher festgestellt, dass das Schloss zu Neidlingen „für den Gebrauch seiner Königlichen Majestät überflüssig seye“. Am 19. März 1808 wurde der Verkauf öffentlich bekannt gemacht. Damit suchte eine repräsentative Immobilie einen zahlungskräftigen Käufer. Das Gebäude war massiv aus Tuff- und Feldsteinen gebaut. In das Innere gelangte man durch zwei Vorhöfe, von denen der eine von zwei Schafställen eingerahmt und der andere einen acht­eckigen Brunnen mit vier Röhren aufwies. Der Wohntrakt enthielt etwa 45 Räume, einer davon war die repräsentative Dürnitz für festliche Anlässe. Auch Keller, Pferdeställe, Vorratsräume, ein Gefängnisturm und Gebäude für Hunde und die Bierbrauerei fehlten nicht. Rings um das Schloss lagen ein Garten von zwölf Tagwerk sowie ein Weiher, Lust- und Gartenhäuschen.

Alle Verkaufsversuche blieben zunächst aber ohne Erfolg. 1820 wurde das Schloss erneut angeboten. Der Zustand des Gebäudes hatte sich aber so verschlechtert, dass es zum Abbruch verkauft werden sollte. Den Zuschlag erhielt im März 1821 Johannes Rau aus Steinbach für 2000 Gulden.

Ein gutes Jahr später war bereits vom „herrschaftlichen abgebrochenen Schloss“ die Rede. Die Abbrucharbeiten waren abgeschlossen und das Gelände eingeebnet worden, das einst dominierende Gebäude für immer aus dem Ortsbild verschwunden. Die Überreste des Schlosses dienten so weit als möglich als Baumaterial für neue Gebäude. Lange Zeit war an einem Haus an der Schlier­bacher Straße in Kirchheim ein Wappenstein der Herren von Freyberg aus dem Jahr 1561 eingemauert. Auch er stammte wahrscheinlich von der Außenfassade des Schlosses. Dieser letzte bekannte Überrest des Sitzes der Neidlinger Vögte könnte, nachdem das Haus abgebrochen worden ist, einem neuen Verwendungszweck, als Erinnerungsstück an eine lange, bauhistorische Vergangenheit, zugeführt werden.

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