Lokales

Schmuckstück mit langer Vergangenheit

Historiker sehen das Weilheimer Stadtschloss als architektonisches Juwel im Kreis Esslingen

Nicht viel ist noch übrig – doch die Reste sind kostbar und schön. Die Reste des ehemaligen Weilheimer Schlosses gehören nach Meinung von Historikern zu den „schönsten mittelalterlichen Fachwerkbauten“ im Kreis. Die Ursprünge des Gebäudes reichen ins 15. Jahrhundert zurück. Ein Überblick über die Vergangenheit des Baus.

Rainer Kilian

Weilheim. Kurz und prägnant hat der Historiker Rolf Götz den Südflügel des ehemaligen Stadtschlosses, die sogenannte Löwenscheuer, folgendermaßen beschrieben: „Im Nordosteck der Stadt stand das von den Grafen von Aichelberg erbaute Stadtschloss, in dem im 15. Jahrhundert die Herren von Wernau als Pfandbesitzer von Weilheim wohnten. Später war es Sitz des Amtmannes. 1709 wurde es an einen Weilheimer Bürger verkauft, der hier die Gastwirtschaft zum Löwen einrichtete. Nach dem Abbruch im Jahre 1895 folgte der Neubau der Gastwirtschaft mit Saalbau. Vom Schloss blieb lediglich ein 1469 in mittelalterlich verblattetem Fachwerk errichteter Flügel mit einer Bohlenstube im zweiten Obergeschoss erhalten, der nach 1633/34 als Scheuer diente (sogenannte „Löwenscheuer“). An der Stelle der 1952 erbauten „Schlosslichtspiele“ stand von 1747 bis 1941 das Schulhaus, von dem sich der Name der „Schulstraße“ herleitet und an das sich der Farrenstall anschloss.“

Über das ehemalige Weilheimer Stadtschloss beziehungsweise dessen Reste gibt es zahlreiche Veröffentlichungen. So berichtet die Kirchheimer Oberamtsbeschreibung von 1842 sinngemäß, dass nun im vormaligen Schloss die Wirtschaft „zum Löwen“ eingerichtet sei. Bei der württembergischen Landesteilung im Jahre 1440 wurde neben Teck und Aichelberg auch das Weilheimer Schloss genannt. Im Jahre 1554 diente es als Wohnung des Amtmanns und als Kornkasten. 1604 sollen 26 Tagwerk Wiesen und viele landgarbige Äcker zum Eigentum der jeweiligen Schlossbewohner gehört haben. Der Autor der Oberamtsbeschreibung wies darauf hin, dass 1709 das Schloss in Privatbesitz gekommen sei und es wahrscheinlich einmal den Grafen von Aichelberg als Wohnsitz gedient habe.

Im 1953 erschienenen Heimatbuch des Kreises Nürtingen gibt es einige ergänzende Hinweise. Demnach soll das Schloss vor 1330 von den Grafen von Aichelberg erbaut worden sein. Im Jahre 1330 verkaufte Graf Ulrich III. von Aichelberg die Hälfte seines Besitzes mit der Stadt Weilheim an den Grafen Brun von Kirchberg. Bereits 1334 verkaufte der Kirchberger Graf seinen Erwerb an die Grafen von Württemberg, die wiederum 1430 Weilheim an Peter von Liebenstein und Caspar von Schlat verpfändeten. Nach 1458 fiel Weilheim wieder an Württemberg zurück. Soweit einige Auszüge aus dem Nürtinger Heimatbuch, das noch den Hinweis auf den Abbruch des Gebäudes im Jahre 1895 enthält.

1969 schrieb der bekannte Landeshistoriker Hans-Martin Maurer: „Das 1432 nachweisbare Schloss hat – wie der Stadtgrundriss, Parallelbeispiele und die weitere Stadtgeschichte vermuten lassen – Graf Ulrich gleichzeitig mit der Stadtmauer als gräfliche Residenz errichtet. Die Grafen von Württemberg als Besitznachfolger hatten sicher kein Interesse mehr, hier eine gräfliche Wohnung zu erstellen. Mit dem Mauer- und Schlossbau gab Graf Ulrich von Aichelberg Weilheim auch topografisch und architektonisch das Gepräge einer Stadt.“

In der im Jahre 2007 herausgegebenen neuen Weilheimer Ortsgeschichte haben Rolf Götz und Tilmann Marstaller wichtige ergänzende und weiterführende Einzelheiten erforscht. Marstaller weist darauf hin, dass der 1634 zur Scheune, der sogenannten „Löwenscheuer“, umfunktionierte Überrest des Weilheimer Stadtschlosses als einer der schönsten mittelalterlichen Fachwerkbauten im Kreis Esslingen gilt.

Diese Einschätzung begründet er mit konstruktiven und dimensionalen Merkmalen. Als erster reiner Stockwerksbau in Weilheim mit drei hohen Stockwerken um 1469 erbaut, setzte sich der Schlossflügel wie einst auch der Hauptbau markant von den bürgerlichen Bauten ab. Als einziges Gebäude in Weilheim ragte es mit einem hölzernen Geschoss über die Stadtmauer hi­naus. Ungewöhnlich ist auch die offene, mit einem segmentbogenförmig abgearbeiteten Rähmholz gestaltete Einfahrt an der Westseite des Erdgeschosses. Im ersten Obergeschoss stand einer reichen Befensterung der westlichen Traufseite eine fensterlose Südwand gegenüber, sodass für den ehemaligen südöstlichen Eckraum keine Möglichkeit einer natürlichen Beleuchtung bestand.

Die Forschungen von Rolf Götz führten zu einer Korrektur der bisher bekannten herrschaftlichen Besitzverhältnisse. Wenige Jahre nach der Stadtgründung 1319 kam Weilheim durch Kauf – nicht wie bisher angekommen auf dem Erbwege – an die Grafen von Kirchberg. 1330 verpfändeten die Kirchberger Weilheim wieder an die früheren Besitzer, die Grafen von Aichelberg. 1334 verkaufte Brun von Kirchberg Weilheim und die Burg Aichelberg an die Grafen von Württemberg.

Um 1385 bis 1430 treten die Herren von Lichtenstein als neue Pfandbesitzer auf. Ihnen folgen bis 1432 Peter von Liebenstein und Caspar von Schlat, die die Pfandschaft an die Herren von Wernau weiterverkauften. Im April 1478 wurde Weilheim schließlich von den Grafen von Württemberg mit 7 657 Gulden ausgelöst (nicht wie bisher angenommen 1458) und stand fortan uneingeschränkt im Besitz der Württemberger.

Rund hundert Jahre war somit die Stadt im Pfandbesitz der Adelsfamilien der Lichtensteiner und Wernauer. Aber nicht nur das: immerhin lassen sich jetzt die Besitzverhältnisse des ehemaligen Stadtschlosses vom ersten Viertel des 14. Jahrhunderts bis heute nachweisen.

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