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Schon der Dichter neckte mit dem "Guckigauch"

Einem der größten Dichter, Eduard Mörike, hat das 750-Seelen-Dorf Hepsisau nicht nur seinen Spitznamen "Kuckuck", sondern auch die Verewigung im deutschen Literaturgut zu verdanken.

ANJA WEISSINGER

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In diesem Jahr wurde der 200. Geburtstag des schwäbischen Dichters mit zahlreichen Ausstellungen, Vorträgen, Lesungen und Konzerten gefeiert. Zu Ehren des Ludwigsburger Literaten schuf der ehemalige Kirchheimer Timo Brunke in Zusammenarbeit mit Dieter Zimmermann den Film "Ja, du bist's". Zwölf Mörike-Gedichte werden darin in je einer Episode bebildert, "um Mörike auch für heutige Augen und Ohren spannend darzustellen". Deshalb sind die Bilder, mit denen Brunke und Zimmermann die Gedichte untermalen auch sehr vertraut: Gedreht wurde unter anderem im Krankenhaus und am Fließband einer Fabrik. "Die Schauplätze kommen in der Realität der Leute vor!"

Sieben Jahre lang war der Dichter und Akteur Timo Brunke Leiter des Hepsisauer Männerchores, und auch sonst fühlt er sich der kleinen Dorfgemeinschaft sehr verbunden. Nicht nur deshalb ist eine der Episoden Hepsisau gewidmet: In Mörikes Biografie gibt es auf Grund seiner Vikariatszeit in Ochsenwang, Owen und Weilheim einige Berührungspunkte mit dem kleinen Ort. In der "flaumenleichten Zeit der dunklen Früh", wie der Dichter den Morgen beschreibt, gibt der Hepsisauer Männerchor Mörikes "Septembermorgen" zum Besten:Im Nebel ruhet noch die Welt,Noch träumen Wald und Wiesen:Bald siehst du, wenn der Schleier fällt,Den blauen Himmel unverstellt,Herbstkräftig die gedämpfte WeltIn warmem Golde fließen.Obwohl Brunke bekennender Mörike-Fan ist, sollte die Filmszene auch eine kleine "Hommage an den Männerchor" sein. In Hepsisau wird das Werk Anfang des nächsten Jahres gezeigt.

Auch der Streitfrage nach dem "echten" Mörikefelsen geht Brunke in einem Gespräch mit einem Chormitglied auf den Grund. Von den "ganz unbeschreiblichen Schönheiten der Gegend" schwärmt Mörike in einem Brief an seine Verlobte. Der "spitzige Fels" sei ihm ganz besonders ans Herz gewachsen. Auf diesem hatte Mörike "wie in einem Lehnstuhl, mit Moose gepolstert" so manche Stunde verbracht, und die emsigen Feldarbeiter beobachtet. Ganz gleich, welcher der Felsen rings um den Breitenstein nun der wahre Mörike-Felsen ist die Landschaft rund um die Teck hatte es dem Dichter angetan. Das beweisen die ersten Zeilen seines Gedichtes "Auf der Teck": "Hier ist Freude, hier ist Lust, wie ich nie empfunden! Hier muss eine Menschenbrust ganz und gar gesunden..."

Auch eine Übernachtung im "Hirsch", dem ältesten, inzwischen neu gebauten Gasthof in Hepsisau schildert Mörike in einem Brief. Im Jahre 1832 erhielt er Besuch von einem Freund namens Baur. Er begleitete Baur zu dessen Herberge in Hepsisau, wo "man sich verweilte" und schließlich "unter hölzernem Himmel, durchaus im gotischen Geschmack" die Nacht verbrachte. Wie Mörike berichtet habe er, "ein Chaos von Schönem und Widrigem geträumt" jedoch erwachte er am Morgen "auf 's heiterste". Das Bettgestell, in dem der große Dichter genächtigt hatte, wurde nach dem Krieg mangels Brennholz durch den Schornstein gepustet. Sogar im "Stuttgarter Hutzelmännlein", einem Märchen Mörikes, ist Hepsisau erwähnt. Der Schustergeselle Sepp behauptet darin, "die Hepsisauer haben ihre Kirchweih um einen Guckigauch (Kuckuck) verkauft." Zum einen hat Mörike Hepsisau damit für immer im deutschen Literaturgut verewigt, zum anderen verdankt das kleine Dorf ihm damit seinen Spitznamen "Kuckuck". Früher als "Schimpfname" verschrien, ziert er sogar die Vereinsfahne des Männerchors.