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"Schonung ist Vorbereitung zum Sterben"

"Sport nach Krebs ist kein Widerspruch, sondern eine Chance". Frauenarzt Hanns-Joachim Schmidt sprach in Kirchheim über die Chancen durch Sport nach Krebs.

TANJA LIEBMANN

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KIRCHHEIM Unter der Überschrift "Sport nach Krebs Gemeinsam mehr bewegen" ist am Dienstagabend ein Vortrag bei der AOK in Kirchheim gestanden. Der Referent des Abends war der Weilheimer Frauenarzt Dr. Hanns-Joachim Schmidt.

Auf kurzweilige und kompetente Art und Weise machte er klar, dass Sport nach Krebs kein Widerspruch, sondern eine Chance ist. Im Rahmen der Veranstaltung stellten sich dem Publikum außerdem die Übungsleiterinnen der regionalen Sportgruppen aus Kirchheim, Lenningen, Nürtingen und Unterboihingen vor.

Hanns-Joachim Schmidt setzte an den Anfang seines Vortrages eine gute und Mut machende Nachricht: Krebst ist kein Todesurteil, Genesung und Weiterleben ist möglich. Der Frauenarzt aus Weilheim untermauerte diese Nachricht mit Ergebnissen von Studien. Diese belegten eindeutig, dass Brustkrebspatientinnen heutzutage immer länger leben und dabei auch leistungsfähig bleiben könnten.

Zehn Jahre nach einer Brustkrebsoperation im frühen Stadium seien beispielsweise noch 80 bis 90 Prozent der Frauen am Leben. Laut der Statistik haben selbst Patientinnen mit nachgewiesenen Metastasen oder einem Lokalrezidiv also einer erneuten bösartigen Geschwulst an derselben Stelle gute Chancen: 20 bis 30 Prozent von ihnen seien nach zehn Jahren noch unter ihren Verwandten, im Kreis der Lebenden. "Sport nach Krebst ist kein Widerspruch, sondern eine Chance", sagte Schmidt und bezog sich dabei auf eine Arbeit von Ulrike Wilde-Gröber an der Universität Tübingen, derzufolge es wichtig ist, nicht aufzugeben, sondern sich weiterhin Ziele zu setzen, um sie zu verwirklichen. Der Mediziner stellte sich auf die Seite der Wissenschaftlerin: Es gelte Schluss zu machen mit der alten These, dass für die Genesung an Krebs erkrankter Menschen körperliche Schonung angezeigt sei. Das Gegenteil sei der Fall. "Körperliche Schonung nach Krebs heißt, sich vorzubereiten aufs Sterben", so Schmidt, der für die Zeit nach Krebs empfiehlt, sich gesund zu ernähren, auch bei schlechtem Wetter an die frische Luft zu gehen, weiter zu arbeiten und sich zu bewegen. Wer so handle, lebe länger und falle seiner Familie nicht zur Last.

Der Frauenarzt wörtlich: "Wer nach dem Brustkrebs sich ausruht, nicht mehr arbeitet und bequem aufs Sofa liegt, wird auf dem Sofa sterben." Gerade weil Brustkrebspatientinnen heutzutage immer bessere Überlebenschancen hätten, sei es wichtig, sich in Richtung Zukunft zu orientieren. Das Ziel müsse es sein, auch in den nächsten Jahren gesund und leistungsfähig zu bleiben. Körperbewegung und Sport spielten bei dieser Zielsetzung eine überragende Rolle. Nachgewiesen sei unter anderem, dass Sportler weniger Herz-Kreislauf-Probleme, weniger Krebserkrankungen und weniger Infekte hätten.

"Sport hat sowohl vorbeugende als auch direkte medizinische Wirkungen", sagte Schmidt und zählte beispielsweise die Psyche und das Immunsystem als Wirkfelder auf. Sport könne insbesondere beim Abbau von Ängsten und Depressionen helfen. Bewegung stärke das soziale und körperliche Wohlbefinden, das Selbstbild und das Selbstwertgefühl. Als gesichert gelte darüber hinaus, dass körperliche Aktivität Beschwerden wie Lymphödeme oder die Einschränkung der Schulterbeweglichkeit lindern könne.

Auch während einer Chemotherapie sei mit Linderung durch Sport zu rechnen: weniger Übelkeit, weniger Erschöpfungsanzeichen. Schmidt sagte, wenn es darum gehe, Lebensqualität zu erhalten, dann müsse die sportliche Aktivität als ein fester Bestandteil in den Alltag integriert werden. So könne Lebensfreude vermittelt und die Krankheitsbewältigung unterstützt werden. Empfehlenswert sei es zudem, wohnortnah und in der Gemeinschaft Sport zu treiben. "Eine halbe Stunde täglich ist optimal", so der Gynäkologe, der davor warnte, es zu übertreiben: "Sport muss Spaß machen und darf nicht als Strafe empfunden werden." Der 59-Jährige riet den Gästen, sich vor ausgedehnter sportlicher Belastung beim Hausarzt untersuchen zu lassen. Der Sport sollte nicht in Höchstleistungssport ausarten, sondern ein moderater Ausdauersport sein und die besonderen Interessen jedes Einzelnen berücksichtigen. Schmidt: "Für die eine Patientin kann Tennisspielen wichtig sein, für die andere Schwimmen oder Fahrradfahren oder Tanzen. Oder, oder, oder."

Nach den Worten des dreifachen Familienvaters hat jede Phase nach Krebs ihre Besonderheiten. In der Akutphase stünden die Linderung der Beschwerden und die Weichenstellung im Vordergrund. In der Rehabilitationsphase gehe es dann darum, die körperliche und psychische Leistungsfähigkeit wiederherzustellen. Anschließend richte sich in der Nachsorge das Augenmerk auf "die Erhaltung der Leistungsfähigkeit und die Stärkung der Gesundheit".

Wo sich der Sport am besten treiben lässt, ist laut Schmidt jedem selbst überlassen. Zu empfehlen seien Vereine, Nachsorgegruppen und Selbsthilfegruppen. Gerade die AOK Kirchheim-Nürtingen setze sich in diesem Bereich besonders stark ein. Zahlreiche regionale Sportvereine würden von ihr unterstützt. "Die AOK macht mehr als der Gesetzgeber verlangt", lobte der Vorsitzende der Ärzteschaft Nürtingen und hob die Sportpädagogen der Krankenkasse hervor: Sie seien die Nahtstellen zu den Vereinen.

Passend zum Thema "Sport nach Krebs" bot sich nach dem kurzweiligen und kompetent präsentierten Experten-Vortrag dem Publikum die Gelegenheit, die Übungsleiterinnen der regionalen Sportgruppen in Kirchheim, Lenningen, Nürtingen und Unterboihingen kennenzulernen. Elsbeth Bauhof, die in Nürtingen die Gruppe "Sport nach Krebs" leitet, gab einen kleinen Einblick in die Übungsstunde und warb für die Teilnahme. Das Ziel des Trainings sei vor allem die Förderung der Beweglichkeit und Kräftigung der Schultern, so Bauhof. Trainiert würden aber auch die Bauchmuskeln, der Rücken und die Beine. Koordinationsübungen gehörten ebenfalls mit zum Programm. Elsbeth Bauhof betonte: "Bei uns gibt es keinen Zwang. Jeder macht so viel wie er kann."

Markus Traub vom Sozialen Dienst der AOK Nürtingen-Kirchheim sagte, in einem Zeitraum von 18 Monaten übernehme die AOK die Kosten für 50 Übungseinheiten, wenn die Teilnahme ärztlich verordnet werde. Die Möglichkeiten zur Teilnahme bestünden bereits seit Jahren in Kirchheim, Lenningen und in Nürtingen. In Kirchheim seien die Übungsleiterinnen Doris Brandes (Telefon 0 70 21/5 62 46) und Marcella Häfele. Sie trainieren mittwochs von 9 bis 10 Uhr im Gymnastikraum des Stadions Kirchheim. In Lenningen leite Daniela Häusel (Telefon 0 70 21/86 43 44) die Gruppe, die sich freitags von 17.30 bis 18.30 Uhr in den Vereinsräumen Brucken (Lenningen) treffe. In Nürtingen finde das Training mittwochs von 13.50 bis 15 Uhr in der Friedrich-Glück-Halle in Oberensingen statt. Übungsleiterin dort ist Elsbeth Bauhof. Sie ist telefonisch unter der Telefonnummer 0 70 22/5 11 68 erreichbar. Im Januar kommenden Jahres soll es darüber hinaus auch in Unterboihingen und für den Raum Wendlingen das Angebot "Sport nach Krebs" geben. Ein Informationsblatt ist bereits in Vorbereitung und die Übungsleiterin Sibylle Laubscher engagiert bei der Sache: Die 47-Jährige leitet seit eineinhalb Jahren eine "Sport nach Krebs"-Gruppe in Esslingen. Wer sich mit ihr in Verbindung setzen möchte, kann sie unter der Telefonnummer 0 70 24/75 38 erreichen.

Informationen gibt es außerdem bei der AOK-Brustkrebsberatin Susanne Heck unter Telefon 0 70 22/92 53-523, E-Mail: Susanne.Heck@bw.aok.de.