Lokales

Schotter statt Platten, Blumen statt Rasen?

IRENE STRIFLER

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KIRCHHEIM Die Stadt Kirchheim leistet sich sechs Friedhöfe: den Alten Friedhof und den Waldfriedhof in der Stadt, dazu je einen Friedhof pro Teilort. Der größte Friedhof ist der Waldfriedhof: 2622 Gräber befinden sich derzeit dort. Der kleinste ist der Lindorfer Friedhof mit 182 Gräbern. Die Zahl der Bestattungen im Jahr 2006 war auf dem Alten Friedhof mit 136 am größten. In Lindorf wurden vier Bürger zu Grabe getragen.

Grünflächenamtsleiter Jürgen Völker stellte im Gemeinderat Entwicklungstendenzen im Friedhofssektor dar: So lässt der demografische Wandel derzeit die Sterberate leicht zurückgehen. Durch die Zunahme an Feuerbestattungen sinkt der Flächenbedarf ebenso wie die Gesamteinnahmen pro Bestattung. Machten die Feuerbestattungen in Kirchheim 1990 nur etwas mehr als ein Drittel aus, so lag ihr Anteil im Jahr 2005 bei 56 Prozent. Immer mehr Generationengräber werden aufgegeben. Nicht zuletzt ist verstärkt zu beobachten, dass kirchliche Riten auf dem letzten Weg als entbehrlich empfunden werden. Generell steigt die Nachfrage nach kostengünstigen Bestattungsformen.

Einerseits will die Verwaltung den Wünschen der Bürger gerecht werden, andererseits aber den Kostendeckungsgrad von derzeit 65 Prozent erhöhen. Dazu präsentierte Jürgen Völker eine Reihe von Vorschlägen. Zunächst machte er deutlich, dass Friedhöfe als Kultstätten und Zeitzeugen der jeweiligen Epoche erhalten werden sollten und nicht zu reinen Bestattungsplätzen werden dürften. Aber das Friedhofswesen muss an die neuen Anforderungen angepasst werden. So seien alternative Bestattungsformen wie Baumgräber oder Urnengemeinschaftsgräber mit Grabpflege zu untersuchen. Gleiches gilt für die Möglichkeit, die Grabpflege gleich einzubeziehen. Reduziert werden könnten die Standards für Plattenwege zwischen den Gräbern. Weiter schlug die Verwaltung vor, aus Gründen der Kirchheimer Friedhofskultur und wegen hoher Investitionskosten auf die Einrichtung von Urnenwänden und Urnenstelengräbern zu verzichten. Abweichend dazu hatten sich die Räte in der Vorberatung jedoch dafür ausgesprochen, diese Möglichkeit zumindest an einem Friedhof zu untersuchen. Klar war daher, dass speziell dieser Punkt Zündstoff für die Gemeinderatssitzung bot.

"Uneingeschränkte Zustimmung" zu den Vorschlägen der Verwaltung signalisierte zunächst Ulrich Kübler von den Freien Wählern. Sein Fraktionskollege Ralf Gerber ergänzte, dass Urnenwände schon deshalb nicht nötig seien, weil es in Kirchheim auch ohnedies Angebote für günstigere Bestattungsformen gebe. Im Hinblick auf das Ziel, den Deckungsgrad zu senken, seien Urnenwände wegen ihrer hohen Investitionen geradezu kontraproduktiv.

Ohne Urnenwände glaubt auch die Frauenliste weiterhin auszukommen. Die Idee der Baumgräber weiterzubetreiben, bezeichnete Dr. Silvia Oberhauser schon allein aufgrund des geringen Aufwands für sinnvoll. "Stelen passen nicht in unsere Bestattungskultur", lautete die Meinung von Albert Kahle (FDP/Kibü). Aufgrund ihrer Bedeutung als Treffpunkte schlug er vor, Friedhöfe mehr als Parks einzustufen. Bereits jetzt werden sie zum Teil als öffentliches Grün betrachtet.

Dass Friedhöfe eine wichtige Funktion als Erholungs- und Grünflächen erfüllen, führte auch Sabine Bur am Orde-Käß von der Grünen Alternative aus. Auf einen etwas geringeren Standard freute sie sich: Schotterwege statt Platten und Blumen statt englischem Rasen machten Friedhöfe attraktiver. Auf ein Angebot an Urnenwänden oder -stelen könne allerdings heutzutage nicht verzichtet werden. "Wir müssen diese Möglichkeit, die in ganz Deutschland gepflegt wird, auch hier anbieten", ergänzte Andreas Kenner von der SPD und betonte: "Alternative, kostengünstige und doch menschenwürdige Beerdigungen müssen auch in Kirchheim möglich sein."

Wahlfreiheit war Wolfgang Schuler (CIK) ein Anliegen. Er forderte gleiche Gebühren für Erd- und Urnengräber. "Man sollte den Bürger nicht gängeln", meinte auch Ötlingens Ortsvorsteher Hermann Kik. Um Alternativen zu schaffen, hatte sich der Ortschaftsrat dafür ausgesprochen, die Kosten für Urnenwände auf einem zentralen Kirchheimer Friedhof zu berechnen.

Auch Walter Aeugle, Fraktionsvorsitzender der SPD, schloss sich dem an und warb für eine Kostenuntersuchung. "Bei Stelen ist ein sukzessiver Aufbau möglich, so

dass die Vorleistung der Stadt gering ist", ergänzte Helmut Kapp, CDU-Fraktionsvorsitzender.

Schließlich wurde die Verwaltung beauftragt, alternative Bestattungsformen mit ihren Auswirkungen auf die Gebührenstruktur zu untersuchen. Weiter sollen die Möglichkeiten für das Einbeziehen von Grabpflegeleistungen dargestellt werden. Die Standards für Grabgrößen, Pflasterwege und Plattenwege werden reduziert. Gemäß dem Leitantrag der vorberatenden Ausschüsse soll die Einrichtung von Urnenwänden untersucht werden.

INFODie teuerste Bestattungsform in Kirchheim ist eine Erdbestattung im Wahlgrab außer der Reihe mit einer Nutzungszeit von 30 Jahren und zwei Bestattungen für 4000 Euro. Die günstigste Variante, eine Urnenbestattung im anonymen Grabfeld, beläuft sich auf 200 Euro. Hinzukommen jeweils die individuellen Beisetzungsgebühren.