Lokales

Schreiben als Ventil und Suche nach Sinnerfüllung

KIRCHHEIM Mit einer Festveranstaltung wurde am Sonntag Herbert Simpfendörfers Zeitzeugenbericht im Festsaal des Kornhauses

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TOBIAS FLEGEL

der Öffentlichkeit vorgestellt. Die Redner lobten das vierbändige Werk als ein wichtiges Dokument der Zeitgeschichte. Für sein Lebenswerk wurde der Autor von der Landsmannschaft der Bessarabiendeutschen mit der silbernen Ehrennadel ausgezeichnet.

Herbert Simpfendörfer hat geschafft, was sich viele Menschen, die auf ein bewegtes Leben zurückblicken können vornehmen, aber nur wenige tatsächlich umsetzten: Mehrere Jahre lang schrieb er auf, was er erlebt hat. "Die Dinge, die ich erfahren habe, wollte ich für meine Familie festhalten", begründet der 77-Jährige die Entstehung seines Lebensberichts. Dieser ist nun im Projekte-Verlag 188 erschienen.

Es sei erstaunlich, wie exakt Simpfendörfer seine Erlebnisse beschreibe, sagte der Ötlinger Gemeindepfarrer Wilhelm Keller in seiner Eröffnungsrede bei der Buchpremiere. "Ich glaube, dass Ihre Lebensge-schichte repräsentativ für das Schicksal vieler ist, die ihre Heimat verloren haben." Darüber hinaus sei das Werk ein Geschichtsdokument des 20. Jahrhunderts. Wie keine Epoche zuvor, sei sie von Veränderungen, aber auch von Irrungen und Wirrungen geprägt gewesen, die die Welt nah an den Abgrund geführt hätten. Dass in Zeiten solch gewaltiger Umbrüche dennoch ein sinnvolles und erfülltes Leben möglich sei, zeige der "Steppensohn" deutlich. "Viel Lebensmut und Lebenshoffnung steckt in Ihren Worten - vielleicht wäre es gut, wenn unsere heutige Jugend in dieser nicht ganz einfachen Zeit eine solche Lebensgeschichte zum Vorbild nähme."

Kirchheims Bürgermeister Günter Riemer machte in seinem Grußwort die Bedeutung des Werks an den Stichpunkten Erinnerung, Zeitzeugen und Europa fest. Der "Steppensohn" zeige, dass Simpfendörfers Generation kein ruhiges, geradliniges Leben wie spätere Generationen erfahren durfte. "Für die Jüngeren ist es wichtig, den Dialog mit Zeitzeugen zu suchen, so lange dies noch möglich ist", betonte er. Die geografische Lage Bessarabiens auf dem Gebiet zwischen dem Schwarzen Meer und den Karpaten führte Riemer schließlich zum Thema der EU-Erweiterung. Das Scheitern des europäischen Gipfels mache deutlich, dass die Frage der EU-Osterweiterung auch in Zukunft aktuell bleiben werde.

"Ein Werk mit 1500 Seiten das hat kein Bessarabiendeutscher vor Herbert Simpfendörfer geschafft", sagte der Bundesvorsitzende der Landsmannschaft der Bessarabiendeutschen, Ingo Rüdiger Isert. Wie die Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek habe auch dieser geschrieben, um Druck abzulassen: "Denn Druck hat er in seinem Leben oft aushalten müssen." Am Ende seines Grußwortes verlieh Isert dem Autor, der auch als Solo-Bariton Erfolge feierte, für sein literarisches und musikalisches Werk die silberne Ehrennadel der Landsmannschaft.

Der Verleger des Projekte-Verlages 188 würdigte die dokumentarische Funktion von Simpfendörfers Werk. "Wirklich Wichtiges geht im Zeitalter der elektronischen Medien schnell verloren", sagte er in seiner Rede. Diesem Trend wirke der Autor mit seinem Zeitzeugenbericht entgegen. Die Bücher gäben der jungen Generation Antworten auf aktuelle geschichtliche Entwicklungen. Gleichwohl habe der Prozess des Schreibens positive Effekte für den Autor selbst gehabt: "Er suchte nach Sinnerfüllung und dies hat er erreicht."

Die Suche nach einem tragenden Lebenssinn stellte auch Laudator Siegmund Ziebart als Motiv hinter Simpfendörfers Schaffen heraus. Sein Schulfreund habe schon immer nach der "Sinnhaftigkeit des eigenen Tuns" gesucht. Aber erst als er vor den kommunistischen Apparatschiks geflohen war, sich in Westdeutschland niedergelassen und hier sein Gesangstalent entdeckt habe, sei dieses Ziel in Erfüllung gegangen. "Herbert Simpfendörfer bewahrt mit seinen Schallplatten einen Teil des bessarabischen Liedguts. Dafür gebührt ihm Dank", sagte Ziegbart. Darüber hinaus lobte er die Ausdauer seines Freundes, die für die Vollendung des "Steppensohnes" notwendig war.

Mit diesem edlen Unter-nehmen habe der Autor seine Würde neu gefunden.

Einblicke in das Werk gab Bernd Löffler, der im Kornhaus einen Auszug aus dem ersten Band vorlas. Anschaulich beschreibt hier der Autor Herbert Simpfendörfer, wie durch den Beginn des Zweiten Weltkriegs die bislang heile Welt seines Heimatdorfes aus den Fugen gerät und er sich mit seiner Familie schließlich zur Umsiedlung nach Deutschland entschließt.

Musikalisch umrahmt wurde die Lesung von Stücken Robert Schumanns und Johann Sebastian Bachs, die Waldemar Skielo auf dem Klavier vortrug.