Lokales

"Schrittmacherfunktion" über Landkreis hinaus

So lange wie möglich in den eigenen vier Wänden bleiben das ist der Wunsch vieler älterer Menschen. Die demografische Entwicklung macht das mehr und mehr schlichtweg auch zur Notwendigkeit. Im Landkreis Esslingen fasst die Idee des "Betreuten Wohnens zu Hause" in immer mehr Gemeinden Fuß.

ANKE KIRSAMMER

Anzeige

KREIS ESSLINGEN Zehn Projekte laufen im Landkreis bereits oder stehen in den Startlöchern. Sie alle haben zum Ziel, dass Menschen möglichst lange der Umzug in ein Pflegeheim erspart bleibt. "Wir haben hier eine Schrittmacherfunktion weit über den Landkreis hinaus", betonte Landrat Heinz Eininger in der gestrigen Sitzung des Sozialausschusses des Esslinger Kreistags. Wenn die Pflegeversicherung immer weniger abdecke, sei es nötig, häusliche Wohnformen zu stärken. Dazu leistet auch die derzeit kreisweit laufende Reihe "für Kinder ab 40" einen Beitrag. Unter dem Titel "Hilfe! Meine Eltern brauchen Hilfe" finden noch bis April in zahlreichen Kommunen insgesamt 50 Veranstaltungen statt, in denen pflegende Angehörige beispielsweise Tipps bekommen. Ausführlich wird auch über örtliche Hilfenetze informiert. Zum Abschluss ist eine große Forumsveranstaltung am Samstag, 21. April, von 10 bis 14.30 Uhr im Sozialdezernat des Esslinger Landratsamtes geplant.

Die demografische Entwicklung mit immer mehr älteren Menschen macht auch vor dem Landkreis nicht Halt. Lebten hier im Jahr 2001 rund 115 000 Menschen, die älter waren als 60 Jahre, so waren es fünf Jahre später bereits 123 000 rund ein Viertel aller Einwohner. Davon waren 38 500 über 75 Jahre alt. Hinzu kommt: Verwandtschaftsnetze älterer Menschen schrumpfen. "Nachbarschaftshilfe, Besuchsdienste was vor 15 Jahren durch die Pflegeversicherung kaputtgemacht wurde, müssen wir wiederbeleben", so Ei-ninger. Mit den kommunalen Netzen, die derzeit wie Pilze aus dem Boden schießen, sehen der Verwaltungschef und die Ausschussmitglieder den Landkreis "am Puls der Zeit".

Ziel der Altenhilfeplanung ist es, Bedarfslücken aufzuspüren und neue Lösungen voranzubringen. Für zukunftsweisend wurde im Kreis Esslingen bereits im Jahr 2002 das selbstständige Wohnen im bisherigen Umfeld gesehen. Dabei kommt es auf maßgeschneiderte Hilfeleistungen und die Einbeziehung aller vorhandenen Netzwerke an. Als Zielgruppe gelten Hochbetagte, die schon einmal hilfsbedürftig waren und Menschen, deren Kinder weit weg wohnen oder die keine Kinder haben. Wichtige Impulse bekam die Altenhilfeplanung unter anderem durch das in Bayern bereits praktizierte Modell des "Betreuten Wohnens zu Hause".

Hauptamtliche in der Koordination, Volunteers im Besuchsdienst auf diese beiden Säulen stützt sich das Konzept. Die Vorreiterrolle im Kreis Esslingen hat die Gemeinde Lenningen übernommen. Im Mai 2005 wurde der Trägerverein mit zwölf Institutionen gegründet. Wie Gabriele Riecker, Koordinationskraft im "Lenninger Netz", berichtete, kümmert sie sich als Hauptamtliche in allen Bedarfslagen und Krisensituationen um Lösungen für Menschen, die zu Hause allein nicht mehr zurechtkommen. Daneben übernehmen geschulte Ehrenamtliche mindestens einmal wöchentlich rund eine Stunde einen Besuchsdienst. Diese "Gesellschafter" geben den Besuchten das Gefühl von Sicherheit und gehen auf individuelle Bedürfnisse ein. Sie dokumentieren ihre Besuche und melden Veränderungen beziehungsweise Hilfebedarf an die Koordinationsstelle weiter. Gesellige Treffen sowie meist ein 24-Stunden-Hausnotruf runden das Modell ab. Um im Bedarfsfall einen Vollvertrag abschließen zu können, ist ein Optionsvertrag wie eine Art Versicherung vorgeschaltet. Derzeit bestehen in Lenningen acht Betreuungsverträge mit zehn Personen und sieben Anwartschaften. "Ich bin von dem Konzept überzeugt, weil ich erlebe

, dass es funktioniert", so Gabriele Riecker. Neben dem Kernstück des Besuchsdiensts können die älteren Menschen beispielsweise auch Fahrdienste, Hilfe für die Gartenarbeit oder ambulante Dienste über die zentrale Anlaufstelle anfordern. "Auch wenn es sich noch klein anhört, das Lenninger Modell zieht bereits mächtig Kreise", machte die Altenhilfefachberaterin des Landkreises Esslingen, Inge Hafner, klar. Außerdem helfe es Geld zu sparen: Könnten 20 Menschen den Umzug in ein Pflegeheim um ein Jahr hinauszögern, würden 270 000 Euro an Sozialhilfe eingespart. Als "phänomenal" bezeichnete sie überdies das ehrenamtliche Engagement in Lenningen. Allein der Geschäftsführer arbeitet wöchentlich 25 Stunden unentgeltlich. Geplant ist, den Besuchsdienst in Kursen künftig auch im präventiven Bereich wie der Sturzprophylaxe zu schulen.

Erfolgsgaranten sind für Inge Hafner neben dem Besuchsdienst die sorgfältige Vorbereitung mit allen Einrichtungen, die vor Ort Altenhilfe leisten, ein neutrales "Dach", die frühe Einbeziehung der Bevölkerung durch Umfragen oder Infoveranstaltungen, eine sozial kompetente Koordinierungsperson und eine umfassende Öffentlichkeitsarbeit. Nach Lenningen sind im Kreis unter anderem Nürtingen und Kirchheim (siehe dazu obigen Bericht) bereits auf den Zug aufgesprungen. Im Mai wird das "Soziale Netz Raum Weilheim" gegründet.

"Das Betreute Wohnen zu Hause bildet hervorragend ab, was Fachkreise als Ziel kommunaler Altenhilfe fordern: das Zusammenwirken von Betroffenen, ihren Angehörigen, bürgerschaftlich Engagierten, professionellen Kräften, Verwaltung und Politik", erklärte Inge Hafner. Neue Leitbilder für das Leben im Alter seien nicht passive Fürsorge-Erwartung, sondern Mitverantwortung, Generationensolidarität in beide Richtungen, lebenslanges Lernen und Prävention.

Wie groß das Interesse an dem Thema ist, zeigt die Resonanz vor Ort: Insgesamt kamen bei Infoveranstaltungen zum "Betreuten Wohnen" im Landkreis bereits 2000 Besucher zusammen. Für Inge Hafner Ausdruck einer "Sehnsucht nach Sicherheit und Geborgenheit".