Lokales

Schröder verteidigt Arbeitsmarktreform

In seiner Wahlkampfrede auf dem Esslinger Marktplatz hat Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) gestern neben Union und FDP vor allem die Linkspartei angegriffen. Er bezeichnete sie als außenpolitisch verhängnisvoll und innenpolitisch illusionär.

STEPHANIE DANNER/KORNELIUS FRITZ

Anzeige

ESSLINGEN

O:5080515.JP_Vor etwa 10 000 Zuhörern verteidigte der Kanzler vor allem die Arbeitsmarktreformen seiner rot-grünen Regierung. Besonders die große Anzahl jugendlicher Sozialhilfeempfänger sei eine Verschwendung von Leistungsfähigkeit und Kreativität, sagte Schröder. Er streifte in seiner 30-minütigen Rede die wichtigsten Punkte im Wahlprogramm der SPD. Besonders die Reformen für Gesundheit und Rente hob er hervor. Union und FDP hätten es in den 90er Jahren verschlafen, die notwendigen Schritte einzuläuten. "Glaubt denn ernsthaft jemand, dass die Verpennten von gestern den Aufbruch von morgen organisieren können", rief er den Zuhörern zu.

Als Herausforderungen bezeichnete der Kanzler die Globalisierung und die demographische Entwicklung. Nur durch Forschung und Investitionen könne das Land wieder an die Weltspitze vorrücken. "Wir können es uns nicht leisten, Begabte nicht zu fördern", erteilte der Kanzler dem Ruf nach Studiengebühren eine Absage. Der Mangel an Hochqualifizierten müsse auch entschärft werden, indem für Frauen Familie und Beruf vereinbar seien. "Alles andere ist eine verrückte Strategie", sagte Schröder. Zuvor hatte Schröder im Interview mit der Esslinger Zeitung betont: "Wir sind mit unseren Reformen auf dem richtigen Weg." Erste Erfolge auf dem Arbeitsmarkt seien erkennbar. Die Pläne des ehemaligen Verfassungsrichters Paul Kirchhof für einen einheitlichen Steuersatz von 25 Prozent bezeichnete Schröder als sozial zutiefst ungerecht. Das Modell des Unions-Finanzexperten Kirchhof führe zu gigantischen Steuerausfällen von 40 Milliarden Euro. "Herr Kirchhof und Frau Merkel werden sagen müssen, wie sie diese Ausfälle finanzieren wollen." Als verheerend für die Binnenkonjunktur bezeichnete Schröder die Unionspläne für eine Erhöhung der Mehrwertsteuer.

Nach Angaben der Polizei kam es zu keinen größeren Zwischenfällen. Bis auf kleinere Störungen bei der An- und Abreise der Besucher sei es ruhig geblieben.

Der Kanzler kam nach Esslingen, allerdings nicht wie auf den Plakaten angekündigt um 19 Uhr, sondern erst um Punkt 20.07 Uhr betrat er, umgeben von einer Meute bulliger Bodyguards, den Marktplatz und sprang mit zwei sportlichen Sprüngen auf die Bühne. Bevor er seine Rede hielt, mussten sich die Besucher allerdings noch bis 20.35 Uhr gedulden, davor kamen nämlich noch der SPD-Fraktionsvorsitzende im Landtag, Wolfgang Drexler, die SPD-Landesvorsitzende Ute Vogt und als Anheizer mit hochrotem Kopf der Porsche-Betriebsratsvorsitzende Uwe Hück zu Wort.

Ohne roten Bändel ging gar nichts: Wer dem Kanzler gestern näher kommen wollte, der brauchte das begehrte Kunststoffband am Arm, das den Zugang zum Innenbereich ermöglichte. Doch von denen gab es nur rund 1 000 Stück, die Nachfrage war bedeutend größer. Bereits um zehn nach sechs waren alle vergriffen. Diejenigen, die leer ausgingen, ließen ihre Wut teilweise an den Mitarbeitern am SPD-Infostand aus. Eigentlich sollte die Kundgebung des Kanzlers in Stuttgart stattfinden, viele Stuttgarter waren aber auch unter dem Esslinger Publikum zu finden. So wie der 29-jährige Rudolf Naumann. "Wer weiß, wie lange Schröder noch Kanzler ist, so habe ich ihn wenigstens einmal in dieser Funktion gesehen", meinte Naumann. Dass er und sein Freund Artur Sosnik mit einem Platz relativ weit hinten vorlieb nehmen mussten, störte ihn nicht: "Das ist ja kein Rockkonzert."

Eine Wahlkampfveranstaltung ist kein Gourmetfest, deswegen beschränkte sich das kulinarische Angebot auf Saitenwürstchen im Brötchen. Und die wurden Margarethe Bihl und Beate Schweinsberg-Klenk vom Plochinger SPD-Ortsverband förmlich aus der Hand gerissen. Trotzdem verlief alles gesittet: "Die Leute sind sehr geduldig, auch wenn's mal länger dauert", berichtete Bihl.

Den Kanzler und seine Gefolgschaft hat nach der Veranstaltung Salvatore Marrazzo, Wirt des Ristorante Reichsstadt, mit hausgemachten breiten Bandnudeln und Rinderfilet mit Balsamico-Essigsauce und Rosmarin-Kartoffeln verwöhnt.