Lokales

Schüsse auf Gaststättenfenster

Anklage wegen achtfachen versuchten Mordes

Mit einer Neun-Millimeter-Schnellfeuer-Maschinenpistole soll ein 37-Jähriger in der Nacht zum 14. April 24 Projektile von der Straße aus in die Esslinger Gaststätte „Bräustüble“ abgefeuert und damit das Leben von acht Gästen in Gefahr gebracht und vier Gäste verletzt haben. Er und ein 28-jähriger Freund, der bei der Schießerei dabei war, müssen sich jetzt vor dem Stuttgarter Landgericht wegen achtfachen versuchten Mordes verantworten.

BERND WINCKLER

Stuttgart. Der 37-Jährige, der früher in Wernau lebte, ein Jahr vor dem Geschehen aber zu seinem Freund nach Esslingen zog, entschuldigte sich bereits am gestrigen ersten Prozesstag vor der Schwurgerichtskammer in Stuttgart für die ihm vorgeworfene Tat: „Es tut mir sehr leid, es ist mir selbst unbegreiflich, ich will mich hier aufrichtig entschuldigen . . .“ Gleichzeitig beteuert er auch, dass er keinerlei Absicht gehabt habe, Menschen in Todesgefahr zu bringen oder gar zu töten.

Der Staatsanwalt geht davon aus, dass der Angeklagte mit seinem Freund, der wegen Beihilfe zum Mordversuch beschuldigt wird, am Abend vor der Tat zusammen in der Gaststätte war. Dann habe es Streit mit einem anderen Gast gegeben, mit der Folge, dass der Wirt die beiden Angeklagten hinauskomplimentierte. Daraufhin soll der 37-Jährige Rache geschworen haben. Er sei zusammen mit seinem Freund in deren gemeinsame Esslinger Wohnung gegangen, in der er eine Heckler & Koch-Maschinenpistole, Kaliber neun Millimeter aufbewahrte und ging mit dieser Waffe, versehen mit zwei Magazinen, zum „Bräustüble“ zurück.

Dort gegen zwei Uhr angekommen, soll er dann gezielt durch ein Fenster 24 Schüsse abgegeben haben. Die Projektile sollten jene Gäste treffen, die sich an dem Tisch hinter dem Fenster aufhielten und die für den Hinauswurf des Angeklagten Stunden zuvor verantwortlich seien. Mit den Schüssen habe der Angeklagte bewusst den möglichen Tod der Gäste in Kauf genommen, was als „achtfacher heimtückischer Mordversuch mit gemeingefährlichen Mitteln“ gilt.

„Nur durch eine glückliche Fügung“, so der Staatsanwalt, seien die abgefeuerten Patronen an den Wänden abgelenkt worden. Allerdings erlitt ein Gast einen Steckschuss, drei weitere Gäste wurden durch Holz- und Steinsplitter erheblich verletzt. Während der Schussabgabe soll der mitangeklagte 28-jährige Esslinger mit dabei gewesen sein. Gegen ihn lautet die Anklage auf „Beihilfe zum achtfachen Mordversuch“.

Beide Männer konnten nach der Tat flüchten, wurden aber im Zuge der sofort eingeleiteten Fahndung, bei der neben der Esslinger Mordkommission auch Beamte der Reviere Nürtingen und Kirchheim zur Bildung eines Spezialeinsatz-Kommandos behilflich waren, schnell gefasst.

Der Ankläger geht davon aus, dass der Hauptbeschuldigte sich die Maschinenpistole kurz zuvor speziell für einen solchen Einsatz beschafft habe. Allerdings widerspricht der 37-Jährige dem energisch. Er will die Waffe rein zufällig im Jahre 2006 im Stuttgarter Rotlicht-Milieu von einem Türken für 2 500 Euro erstanden haben. „Diese Geschichte glaubt ihnen niemand“, kontert der Schwurgerichtsvorsitzende diese Aussage und gibt dem Angeklagten Zeit, sich zu überlegen, wann und woher er die Waffe wirklich gekauft habe.

Zur Tat selbst beteuert der 37-Jährige, dass er mit den Schüssen die Leute nur erschrecken, nicht aber gefährden wollte. „Ich hatte nie daran gedacht, einen Menschen damit zu töten.“ Der Staatsanwalt korrigiert ihn: „Sie haben doch genau in das Fenster gezielt.“

Sein Freund neben ihm hingegen bestreitet jegliche Tatbeteiligung oder Beihilfe. Im Gegenteil: er habe in der Tatnacht immer wieder versucht, den Mann zurückzuziehen und ihm gesagt: „Du bist verrückt, mach so etwas nicht.“ Letztlich habe er aber tatenlos mit ansehen müssen, wie die Schüsse fielen.

Mit Waffensachverständigen und psychiatrischen Gutachtern sowie Zeugen wollen die Richter die genauen Hintergründe der Tat aufhellen. Es sind Verhandlungstermine bis Mitte Dezember anberaumt.

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