Lokales

Schuften in Mittelamerika statt Ballermann

Schule oder Studium beendet, was dann? Urlaub am Strand oder am Ballermann? Nicht genug für die Schwestern Nicole (24) und Sabrina (19) Kronschnabel. Sie haben einen anderen Weg gewählt. Vier Wochen lang unterstützen sie mit 13 anderen jungen Erwachsenen ein gemeinnütziges Projekt in Mittelamerika und packen beim Bau einer Dorfschule in Guatemala mit an.

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Karin Weidenbacher

Kirchheim. Die Rucksäcke sind gepackt, am 4. August geht es los nach Guatemala, dem Land der Vulkane. In dem kleinen Dorf El Xolbé nahe der Stadt Sololá werden die beiden Schwestern aus Kirchheim die einheimischen Dorfbewohner beim Bau einer Schule für 257 Kinder im Grundschulalter unterstützen. Organisiert wird die Hilfeleistung als Gemeinschaftsprojekt von den gemeinnützigen Organisationen Oyak (Verein zur Förderung der Entwicklung in Mittelamerika) und Esperanza, die sich in Mittelamerika auf aktive Hilfe zur Selbsthilfe konzentrieren. Denn beide Vereine haben ein gemeinsames Ziel: Sie wollen sicher stellen, dass auch in abgelegenen Regionen Mittelamerikas alle Jungen und Mädchen die Chance haben, eine vollständige Grundschulausbildung abzuschließen.

Schon weit mehr als 30 ähnliche Schulbau-Projekte haben beide Organisationen seit Beginn der 1990er-Jahre mit einem einheimischen Bauteam auf Anfrage der Dorfbewohner in abgelegenen Regionen Guatemalas durchgeführt. Das Bauteam und die europäischen Hilfskräfte stehen vor Ort unter der Leitung des Architekten Luis Palacios. Und alle wurden ausschließlich über Spenden ihrer Mitglieder finanziert und mit freiwilligen Helfern aus Europa realisiert.

Auf das Projekt aufmerksam geworden ist die 19-jährige Sabrina, die sich seit Jahren aktiv bei den Wendlinger Pfadfindern engagiert, durch ihre Sippenleiterin Barbara. „Nach meinem Abitur wollte ich mich in einem sozialen Projekt in einem Land engagieren, das meine Hilfe braucht,“ erzählt Sabrina. „Ich will Bauingenieurin werden, und da passt dieses Projekt prima in die Vorbereitung auf mein Studium, das erst im nächsten Frühjahr beginnt.“

Aber alleine und ohne Sprachkenntnisse nach Guatemala zu gehen, war nicht nur für Sabrina eine Horrorvorstellung, sondern auch für ihre Mutter. Es traf sich hervorragend, dass ihre 24-jährige Schwester Nicole gerade ihr Studium als Diplom-Ingenieurin der Fachrichtung Mechatronik abgeschlossen hat. Sie war sofort von der Idee eines sozialen Engagements im Ausland begeistert: „Ich wollte die Sprache lernen, die Menschen und ihre Kultur kennenlernen, Auslandserfahrung sammeln. Sozusagen die letzte Gelegenheit vor dem endgültigen Eintritt ins Berufsleben nutzen, um ein soziales Projekt sinnvoll zu unterstützen. Außerdem wollte ich die Lebens- und Arbeitsweisen in einem Land ohne High-Tech kennen und verstehen lernen. Da hat mich Sabrina nicht lange überreden müssen.“

Unvorbereitet gehen Nicole und Sabrina nicht. Drei Tage lang wurden sie mit 13 anderen Jugendlichen bei zwei Vorbereitungsseminaren in Münster und Bünde von dem Oyak-Organisationsteam auf alle möglichen Problemstellungen intensiv vorbereitet. Auch über die politisch-sozialen Verhältnisse in Guatemala erhielten sie durch die Oyak-Organisatoren Kenntnisse und mussten diese teilweise selbst in Referaten erarbeiten. Ihr Engagement hat zuletzt auch ihre Mutter überzeugt.

Hildegard Kronschnabel sieht das Vorhaben ihrer Töchter heute positiv: „Erst stand ich tagelang unter Schock. Aber die beiden nehmen die Sache wirklich sehr ernst, und damit haben sie letztlich auch mich überzeugt.“ Nicole ergänzt: „Das war nicht einfach, denn unsere Teilnahme am Schulbau-Projekt bedeutet ja auch eine große finanzielle Belastung – allein Flug, Sprachkurs, Verpflegung und Medikamente belaufen sich für jede von uns auf ungefähr 2500 Euro.“

Seit zwei Monaten lernen beide Schwestern eifrig Spanisch. Grundkenntnisse werden von beiden Organisationen verlangt, damit die Teilnehmer im fremden Land nicht permanent auf fremde Unterstützung angewiesen sind. „Wenn wir in Guatemala angekommen sind, gibt es zuerst noch einen zweiwöchigen Intensivkurs, bevor wir für vier Wochen mit in das Bauteam einsteigen“, freut sich Nicole.

Bei den Informationstagen besprochen wurde nicht nur, welche Impfungen nötig sind und was von den Teilnehmern mitgebracht werden muss. „Wir sind auch sehr gut darüber informiert worden, dass wir viele Dinge selbstständig vor Ort alleine organisieren müssen,“ sagt Sabrina. So werden alle Helfer gemeinsam in ihren mitgebrachten Schlafsäcken in einem Privathaus übernachten. Im Dorf El Xolbé wird von Oyak und Esperanza nur das Allernötigste wie Unterkunft, Feldbetten, Kochgeschirr, eine selbst konstruierte Dusche und ein auf das lokale Mobilfunk-Netz ausgelegtes Handy für Notfälle gestellt. Die ausschließliche Verwendung biologisch abbaubarer Duschgels ist ebenso Pflicht wie eine konsequente Müllvermeidung.

Die Teilnehmer werden aber laut Sabrina nicht nur beim Bau der Dorfschule Hand anlegen. „Mit dabei ist auch eine Lehramtsstudentin, die Unterricht abhalten wird. Und eine angehende Filmproduzentin wird als Abschlussarbeit den Fortschritt des Projekts auf Video dokumentieren.“ Um das Land und seine Bewohner noch besser kennenzulernen, sind nach fünf Tagen harter Hilfsarbeit am Bau am Wochenende Ausflüge in die Umgebung und in die Stadt Sololà vorgesehen. Damit der Kontakt zur Familie daheim nicht abreißt, gibt es in Sololá ein Internet-Café. Zudem besteht für jeden Teilnehmer die Pflicht, seine Erlebnisse regelmäßig

in einen Blog der Organisation einzutragen. „Auch die Gefahren sind uns bewusst. Aber wenn wir uns nach den ersten sechs Wochen in Guatemala eingelebt haben, wollen wir auf jeden Fall noch etwa drei Wochen auf eigene Faust durch das Land reisen. Durch den bereits bestehenden Kontakt mit den anderen Teilnehmern war es leicht, noch zwei weitere Mädchen dafür zu begeistern,“ sagt Nicole.

Gänzlich unvorhergesehen gibt es noch eine echte Überraschung für Sabrina: Die vier Wochen werden als Praktikum für ihr Studium angerechnet.

Weitere Infos gibt es unter www.oyak.de und www.esperanza.de.