Lokales

Schulen – Anker der Partnerschaft

Kreisdelegation mit einem Jubiläumspokal und vielen neuen Eindrücken zurück aus Israel

Im 26. Jahr der Partnerschaft sind die Beziehungen zwischen dem Landkreis Esslingen und der israelischen Stadt Givatayim sehr intensiv und stabil. Dieses Fazit hat Landrat Heinz Eininger am Ende einer eindrucksvollen einwöchigen Israelreise der Kreistagsdelegation gezogen. Der Schüleraustausch soll weiterentwickelt und die Beziehung zu der arabischen Stadt Rama auf sichere Beine gestellt werden.

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richard umstadt

Kreis Esslingen. Mit vielen neuen und interessanten Eindrücken kamen am vergangenen Samstag die 20-köpfige Kreisdelegation und die sieben Austauschschüler der Kirchheimer Jakob-Friedrich-Schöllkopf-Schule aus Israel zurück. Ihr Resümee: „Wir können jetzt die Reaktionen und Ängste der Israelis besser verstehen, ohne die Sorgen der arabischen Bevölkerung aus dem Blick zu verlieren.“ Denn der Landkreis hat nicht nur eine sehr lange und intensive Partnerschaft mit Givatayim, sondern seit einigen Jahren durch die Philipp-Matthäus-Hahn-Schule in Nürtingen auch eine Beziehung zur arabischen Stadt Rama in Obergaliläa.

Den Besuch der Kreisdelegation anlässlich der 25-jährigen Partnerschaft prägten in der vergangenen Woche vor allem zwei Ereignisse in Israel: die Feiertage Jom haZikaron – der Gedenktag für die Gefallenen und Opfer der Kriege und des Terrors in Israel, und Jom haAtzmaut – der israelische Unabhängigkeitstag. Givatayims Oberbürgermeister Reuven Ben-Shachar, 52, hatte die Delegation und die Austauschschüler der Jakob-Friedrich-Schöllkopf-Schule sowie der Philipp-Matthäus-Hahn-Schule dazu eingeladen, an beiden Tagen die Festlichkeiten mit den Freunden und Bürgern von Givatayim zu feiern. In den sieben Kriegen seit Staatsgründung 1948 verloren 472 Männer und Frauen aus der israelischen Partnerstadt ihr Leben, darunter 56 ehemalige Schüler des ORT-Technikums und sieben Schüler der Thelma Yellin Highschool.

„Wir konnten erkennen, wie angespannt die Lage in Israel ist und mit wie viel Patriotismus die Menschen hier bereit sind, sich für ihr Land zu engagieren“, sagte Landrat Eininger, nach dessen Worten die Partnerschaft mit Givatayim nach der Wiederwahl von Oberbürgermeister Ben-Shachar auf einem stabilen Fundament steht. Dazu gehört auch die Freundschaft des Landrats zu Ben-Shachars Vorgänger Effi Stenzler, der nun Weltpräsident des Keren Kayemeth Leisrael/Jewish National Fund KKL-JNF ist und der die Baumpflanzaktion im Wald der Deutschen Länder in der Negev-Wüste initiierte.

Ein inhaltlicher Wandel im Schulaustausch zwischen der Philipp-Matthäus-Hahn-Schule und dem ORT-Technikum Givatayim bereitet Heinz Eininger kein Kopfzerbrechen. „Unsere Schulen müssen sich nicht verstecken.“ Zufrieden äußerte sich Landrat Eininger auch über das zweite Standbein des Schulaustausches, das zwischen der Jakob-Friedrich-Schöllkopf-Schule und der Thelma Yellin Highschool of Arts in Givatayim seit 2008 am Werden ist.

Wie sich die Neuorientierung des ORT-Technikums auf die Dreiecksbeziehung zwischen der Philipp-Matthäus-Hahn-Schule, dem ORT-Technikum und der Agricultural High­school in Rama auswirkt, muss sich erst noch weisen. „Aufgrund der un­terschiedlichen Erwartungen werden sich im nächsten Jahr die Lehrer zusammensetzen, um sich darüber klar zu werden, was die jeweilige Schule leisten kann“, meinte der Landrat. Der Landkreis Esslingen will jedenfalls die Agricultural School mit einigen Maschinen aus den Werkstätten der Philipp-Matthäus-Hahn-Schule unterstützen. Im Übrigen zeigte sich Heinz Eininger erfreut über das Engagement Köngens in Rama. Noch im Sommer wird Bürgermeister Hans Weil in der arabischen Stadt erwartet, um über eine offizielle Partnerschaft zu sprechen. Auch die katholische Kir­che in Köngen will sich in die Beziehung einbringen, da es in Rama eine katholische Schule gibt – die Latin Patriarchate School.

Nicht nur der Jubiläumspokal im Reisegepäck des Landrats passierte die strengen Sicherheitsüberprüfungen im Ben Gurion Flughafen von Tel Aviv. Heinz Eininger nahm in seiner Tasche auch Wünsche nach weiteren Partnerschaften mit zurück nach Esslingen. Zum einen sucht ein Stadtrat aus Givatayim im Bereich Biotechnologie einen Partner und zum anderen würde die Leiterin des Konservatori­ums in Givatayim gerne Kontakte zu Musikschulen im Landkreis knüpfen. Außerdem sind auch die Givatayimer Boy Scouts, die Pfadfinder, an einem Austausch mit deutschen Pfadfindern interessiert.

Marianne Erdrich-Sommer, die in ihrer Doppelfunktion als Fraktionsvorsitzende der Grünen im Kreistag und Schulleiterin der Jakob-Friedrich-Schöllkopf-Schule an der Delegation teilnahm, sah am Ende der Reise ein Ziel schon mal erreicht: „Die Schüler sollen die Nachrichten aus Israel besser einschätzen können. Meine jetzigen Austauschschüler können das.“ Ein anderes Ziel, das aber nicht die Schöllkopf-Schule betrifft, liegt noch in weiter Ferne und ist offensichtlich nur in kleinen Schritten zu erreichen, oder, wie es Erdrich-Sommer ausdrückte: „Der Trialog zwischen Juden, Arabern und Deutschen hat eine andere Qualität, weil er den Finger in die Wunde legt.“

Nicht nur auf der Ebene des Lehrer- und Schüleraustausches wollten Wolfgang Nau, FDP, und Ulrich Bar tels, SPD, die Beziehung zu Givatayim pflegen. „Wir sollten auch ganz normalen Bürgern die Gelegenheit geben, um den Dialog voranzubringen.“ Außerdem hätte es Ulrich Bartels gerne gesehen, wenn auch andere Kreistagsfraktionen mit dem jeweiligen Gegenpart in Givatayim anbandeln würden. Hingegen fanden Martin Fritz, CDU, und Alfred Bachofer, Freie Wähler, den Austausch bei der Jugend richtig angesiedelt. „Der Anker dieser Partnerschaft müssen die Schulen bleiben.“ Einig waren sich aber alle Delegationsmitglieder darüber, dass sich der Aufwand lohnt.

Außerordentlich beeindruckt von der wirtschaftlichen, städtebaulichen und infrastrukturellen Aufbauleistung Israels zeigte sich Alfred Bach­ofer. „Ich hatte ein völlig anderes Bild von diesem Land.“ Freilich blieb für ihn die Frage offen, inwieweit es dem Staat gelingt, die vielen Tausend neuen Einwanderer aus Russland und anderen Ländern zu integrieren. „Hier treffen unterschiedliche Kulturen in kürzester Zeit aufeinander“, verglich er die Schwierigkeiten mit denen in Deutschland.

Wie geht es nun mit der Partnerschaft weiter? Im Herbst wird eine Jazz-Formation, alles Schüler der Thelma Yellin Highschool of Arts, zum Gegenbesuch nach Kirchheim kommen, um im Landkreis aufzutreten. Der geplante Kontakt zwischen Köngen und Rama findet im Juli statt. 2010 werden sich die Lehrer der jeweiligen Schulen in Nürtingen, Givatayim und Rama zusammensetzen und sich über die weitere Entwicklung des Trialogs unterhalten. Auf politischer Ebene ist Landrat Eininger zu Folge in diesem und dem nächsten Jahr kein Besuch geplant. In der Regel reist eine Delegation des Kreisparlaments einmal in einer Legislaturperiode nach Givatayim beziehungsweise empfängt der Landkreis seine Freunde und Partner aus der israelischen Stadt.