Lokales

Schulen kämpfen gegen den Gruppenzwang

Das Rauchen aufzuhören, gehört zu den beliebtesten Vorsätzen für das neue Jahr. Vielfach bleibt es aber beim Vorsatz. Anders sieht es derzeit in der Landespolitik aus: Nahezu alle Parteien zeigen sich entschlossen, das Rauchen an den Schulen zu verbieten oder zumindest stark einzuschränken.

ANDREAS VOLZ

Anzeige

KIRCHHEIM Die Diskussion um ein generelles Rauchverbot an allen Schulen geht zunächst einmal am Thema vorbei, denn im Prinzip existiert dieses Verbot schon längst: An jeder Schule im Land, so erklärten es Schulleiter und Abgeordnete auf telefonische Nachfrage übereinstimmend, sei das Rauchen eigentlich grundsätzlich verboten zumindest den Schülern. Einzige Ausnahme: Schülern der gymnasialen Oberstufe oder vergleichbaren Altersklassen an beruflichen Schulen kann es gestattet werden, auf dem Schulgelände zu rauchen. Allerdings müssen Gremien wie Gesamtlehrer- und Schulkonferenz in jedem Schuljahr neu bestimmen, ob die Raucherecken ein weiteres Jahr lang toleriert werden oder nicht.

Eberhard Schweizer, geschäftsführender Schulleiter in Kirchheim, spricht über die Situation an der Freihof-Realschule: "Auf dem Schulgelände ist das Rauchen kein Thema. Wer da erwischt wird, muss mit Sanktionen rechnen. Und wer das Schulgelände verlässt, verstößt auch gegen die Schulordnung. Deshalb müssen wir den genauso bestrafen." Auch das Personal rauche nicht innerhalb des Schulgeländes, wobei die diesbezügliche Vorbildfunktion bei manchen nur eingeschränkt gilt: Es gebe Kollegen, die das Gelände zum Rauchen verlassen, gibt Schweizer zu. Dass das gesetzliche Rauchverbot eingeführt wird, glaubt er allerdings nicht. Er plädiert eher dafür, die bisherige Handhabung beizubehalten und Rauchen oder Nichtrauchen weiterhin vor Ort zu regeln.

Das wäre auch ganz im Sinne von Siegfried Hepe, dem stellvertretenden Schulleiter des Schlossgymnasiums. In der Jesinger Halde war die Raucherecke nämlich schon einmal abgeschafft. Der Versuch war aber kläglich gescheitert: "Die Oberstufenschüler standen einen Meter außerhalb des Schulgeländes, haben geraucht und ein schlechtes Vorbild abgegeben für alle Jüngeren." Aus diesem Grund gebe es jetzt eine Raucherecke, die etwas abseits liegt. Wenn ein Verbot wirksam werden sollte, müsste es über das Schulgelände hinaus ausgedehnt werden: Siegfried Hepe spricht von mindestens 200 Metern.

Für eine solche Schutzzone spricht sich auch Norbert Häuser, Rektor der Jakob-Friedrich-Schöllkopf-Schule, aus. Sonst gebe es nur Ärger, vor allem mit der Nachbarschaft, die plötzlich sehr viel mehr Zigarettenkippen in ihren Vorgärten finde. An seiner Schule wird seit Schuljahresbeginn nicht mehr geraucht. Der Beschluss war mit großer Übereinstimmung gefasst worden, selbst die SMV hat mit deutlicher Mehrheit für ein "freiwilliges" Rauchverbot gestimmt. Inzwischen klappe es mit der Umsetzung recht gut was vor allem im Lehrerkollegium die Bereitschaft voraussetzt, mitzumachen, sich verstärkt für Aufsichtsdienste einteilen zu lassen und eben nicht mehr wegzuschauen, wenn jemand raucht.

In den ersten Wochen waren es 80 bis 100 Schüler, die "erwischt" wurden. Norbert Häuser hat mit allen ein Gespräch geführt und sie auf die Gefahren des Rauchens hingewiesen. Er setzt auf Einsicht, die mehr Erfolg verspreche als ein Verbot. Die Schüler nennen in den Gesprächen auch den Grund, warum sie rauchen. Nach Norbert Häusers Interpretation gibt es aber nur zwei Gründe: "Gruppenzwang und mangelndes Selbstbewusstsein." Deshalb freut sich der Schulleiter ganz besonders, dass das Rauchen an der Schöllkopf-Schule schon jetzt "nicht mehr so in" sei wie noch im vergangenen Jahr. Dadurch entfallen zunehmend die beiden wichtigsten Gründe, überhaupt erst mit dem Rauchen anzufangen.

Erich Zeh, Rektor der nebenan gelegenen Max-Eyth-Schule, hat festgestellt, dass Raucher außerordentlich findig sind, wenn es darum geht, Möglichkeiten aufzuspüren, wie sie ihrem Laster nachgehen können. So habe sich die Zahl der Raucher an seiner Schule in jüngster Zeit nahezu verdoppelt, im Gegensatz zur Schülerzahl. Zeh würde ein generelles Rauchverbot begrüßen. Dann könnte er auch gegenüber Erwachsenen, die an seiner Schule eine Ausbildung machen, ganz klar begründen, wa-rum sie nicht rauchen dürfen. Einen passenden Vergleich hat er ohnehin parat, warum es möglich sein müsste, einen Schultag ohne Tabak zu überstehen: "Bei einem Transatlantikflug ist es doch auch so, dass man zwölf Stunden ohne Zigarette auskommen muss."

Auch der Rektor des Ludwig-Uhland-Gymnasiums, Andreas Jetter, hält ein gesetzliches Rauchverbot für eine gute Sache: "Der Konsum geht dadurch zurück." Allerdings sieht auch er Schwierigkeiten bei der Umsetzung. Mit der Raucherecke lasse sich das Problem besser überschauen. Auf dem Milcherberg würde die Nachbarschaft ebenfalls sehr darunter leiden, wenn die Raucher vom Schulgelände verbannt wären. Das Rauchen zu verbieten sei einfach. Für Jetter gibt es jedoch eine wichtigere Frage: "Gelingt es uns, dass die Zahl der Raucher zurückgeht?" Der Erfolg von Präventions- und Aufklärungsarbeit wäre sicher nachhaltiger, wenn die Oberstufenschüler weiterhin das Recht zu rauchen hätten, aber kaum mehr jemand davon Gebrauch machen würde.

Eine vergleichsweise radikale Lösung hat die Eduard-Mörike-Schule in Ötlingen gefunden. Ötlingen nimmt ja in Sachen Nichtrauchen ohnehin eine besondere Vorreiterrolle ein (siehe Artikel unten). An der Eduard-Mörike-Schule jedenfalls soll künftig gar nicht mehr geraucht werden von niemandem mehr. Nicht nur die Lehrer sollen ihrer Vorbildfunktion gerecht werden, sondern auch die Eltern. Wer seine Kinder von der Schule abholt, wird dazu aufgefordert, nicht mehr auf dem Schulgelände zu rauchen. Erstaunlich findet es Schulleiter Friedemann Korn, wie viele Eltern der Sucht ihrer Kinder "hilflos bis tolerant gegenüberstehen". Ihm geht es darum, "die Nichtraucher zu stärken". Deshalb sind an der Ötlinger Schule auch Aktionen vorgesehen, um Nichtraucher zu belohnen. Listen der Nichtraucher werden ausgehängt, und die soziale Kontrolle dürfte dafür sorgen, dass sich kein "heimlicher" Raucher allzu lange auf der Liste hält.

Der Kirchheimer CDU-Landtagsabgeordnete Karl Zimmermann hat nach vielen Gesprächen mit Schulleitern seine ursprüngliche Meinung geändert. Als "enttäuschter Vater, der es nicht fertig gebracht hat, seinem Sohn das Rauchen abzugewöhnen", hatte er sich zunächst für ein striktes Rauchverbot stark gemacht, weil das bestehende Verbot gerade wegen der Raucherecken unzureichend sei. Inzwischen ist er aber zu der Einsicht gelangt, dass die Situation vor Ort stärker zu berücksichtigen sei und eine Schule gegebenenfalls auch weiterhin Raucherecken einrichten können müsse. Bei einem totalen Rauchverbot müsse dessen Geltungsbereich ausgedehnt werden, bis hin zum Schulparkplatz.

Die SPD-Landtagsabgeordnete Carla Bregenzer setzt ganz auf die Vorbildfunktion Erwachsener und beklagt in diesem Zusammenhang, dass es im Landtag noch kein Rauchverbot gebe. Auch ältere Schüler sieht sie bei einem Rauchverbot an Schulen nicht mehr als "die coolen Vorbilder für die Kleinen". Ein Verbot allein bringe aber nichts: "Es braucht auch die Diskussion an der Schule, um den Einstieg in die Sucht zu verhindern. Das Rauchen muss ein anderes Image kriegen." Im EU-Ausland laufe das gerade sehr erfolgreich, und auch hier gebe es bereits viele Jugendliche, die begriffen hätten, wie schädlich das Rauchen ist: "Die Diskussion soll dazu beitragen, dass es noch mehr begreifen."