Lokales

Schulen so lange wie möglich erhalten

Gemeinderat entscheidet über Hauptschulstandorte „im Geist der Schulentwicklungsplanung“

Die Entscheidung ist gefallen, und gemessen am vielen Wind im Vorfeld fiel sie überraschend klar und unspektakulär aus: An den vier Kirchheimer Hauptschulen bleibt vorläufig alles, wie es war. Einzig die Alleen- und die Raunerschule werden sich künftig mit dem umstrittenen Titel einer Werkrealschule neuen Zuschnitts schmücken.

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Andreas Volz

Kirchheim. Die Kirchheimer Stadtverwaltung hatte im Juli zu einer Schulentwicklungs-Konferenz eingeladen. Thema war die Zukunft der Hauptschulstandorte vor dem Hintergrund des neuen Werkrealschulmodells der Landesregierung. Alle Beteiligten – Gemeinderatsmitglieder, Schul- und Elternvertreter – waren sich darin einig, dass ein bestimmtes Modell zu favorisieren sei (wir berichteten). Vorgesehen war ein Werkrealschulstandort Ost, an dem die Raunerschule sowie die Grund- und Hauptschule Jesingen kooperieren sollten. Die Raunerschule wäre demnach Stammschule einer Werkrealschule neuen Typs geworden. Als deren Außenstelle hätte die Jesinger Schule ihre Werkrealschule alter Prägung drei Jahre lang aufrechterhalten können, wenn sie jeweils für die zehnte Klasse mindestens 16 Schüler gehabt hätte.

Für den Westen der Stadt war ein ähnlicher Zusammenschluss angedacht. Kooperiert hätten hier die Alleenschule und die Eduard-Mörike-Schule in Ötlingen. Eine Entscheidung über Stammschule und Außenstelle hätte der Kirchheimer Gemeinderat diese Woche treffen sollen. Argumente gab es für und gegen beide Standorte als Stammschule. Was aber letztlich wohl den Ausschlag zugunsten der Alleenschule gegeben hätte, das ist ein „Alt-Erlass“ aus dem Jahr 1994, demzufolge der Alleenschule dauerhaft höhere Lehrerzuweisungen für die Ganztagsbetreuung zustehen. Dies würde nicht mehr gelten, wenn die Alleenschule nur noch Außenstelle der Eduard-Mörike-Schule wäre. Der Erlass ist auch nicht auf eine andere Schule übertragbar.

Nun ging es in der Gemeinderatssitzung aber gar nicht mehr um die Frage nach Stammschulen und Außenstellen. Denn nachdem die Sitzungsvorlage bereits erstellt war, hat die Stadtverwaltung vom Ministerium erfahren, dass die Planungen nur noch Makulatur sind – einen Tag vor den Vorberatungen im Finanz- und Verwaltungsausschuss. Demnach, so schilderte es Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker jetzt im Gemeinderat, werden Außenstellen nur dann genehmigt, wenn es der Stammschule an Räumen fehlt, um alle Schüler unterzubringen.

In Kirchheim sieht es aber so aus, dass die Raunerschule alle Haupt- beziehungsweise Werkrealschüler beherbergen könnte, die zu einer Werkrealschule Ost gehören würden. Folglich ließe sich die „Ost-Schule“ leicht im Rauner einrichten. Aber Jesingen hätte dann plötzlich gar keine Hauptschüler und somit auch keine Hauptschule mehr. Gleiches würde am Standort West gelten: An der Alleenschule gibt es Platz für alle Schüler. Die Werkrealschule West würde also das Ende der Eduard-Mörike-Schule als Hauptschule bedeuten.

Deshalb hat die Stadtverwaltung das Ergebnis der Schulentwicklungsplanung vom Juli überarbeitet und nun vorgeschlagen, sowohl an der Raunerschule als auch an der Alleenschule eine Werkrealschule neuen Typs einzurichten. An beiden Schulen gehen die Prognosen längerfristig von zweizügigen Jahrgängen aus – eine politisch gewollte zwingende Voraussetzung für die neue Werkrealschule. In Jesingen und Ötlingen dagegen sieht es nur nach Einzügigkeit aus. In Jesingen ist selbst diese Einzügigkeit aufgrund der rückläufigen Schülerzahlen nicht gesichert.

Die Stadtverwaltung zieht aus dieser Situation den Schluss, dass die Jesinger Schule als Werkrealschule alten Typs so lange wie möglich erhalten bleiben soll. Werkrealschulen aus dem Bestand können nämlich auch weiterhin einzügig betrieben werden. Die Eduard-Mörike-Schule kann mit ihrer Einzügigkeit jedoch keine Werkrealschule werden und soll deshalb eine Hauptschule bleiben.

Die Oberbürgermeisterin sieht in dieser Lösung den „Geist der Schulentwicklungsplanung“ vom Juli umgesetzt: „Die Schulstandorte bleiben so lange wie möglich erhalten, um auf Veränderungen reagieren zu können.“ Die Hauptschulbezirke sollen bis 2016 ebenfalls erhalten bleiben. Anders als bei Realschülern oder Gymnasiasten können Eltern und Schüler bis dahin nicht frei wählen, auf welche Hauptschule ein Kind gehen soll. Entscheidend ist der Wohnbezirk. Angelika Matt-Heidecker begründete das Festhalten am Schulbezirk folgendermaßen: „Es soll kein gegenseitiges Abwerben von Schülern geben, und nur so können die kleinen Klassengrößen an den Schulen erhalten bleiben.“

Andernfalls könnte beispielsweise die Jesinger Schule Schüler von der Raunerschule abwerben, um somit die eigene Einzügigkeit zu sichern. Dadurch wiederum könnten der Raunerschule gerade die Schüler verloren gehen, die entscheidend sind für den Erhalt der Zweizügigkeit. Im Extremfall würde es an der Raunerschule nur noch eine Klasse pro Klassenstufe geben – mit 30 Schülern.

Den Argumenten der Verwaltung folgten nahezu alle Redner in der Gemeinderatssitzung. Vor allem aber betonten sie die gute Zusammenarbeit von Gemeinderat und Stadtverwaltung. So sagte Ralf Gerber (Freie Wähler): „Das hebt sich wohltuend von der Informationspolitik des Kultusministeriums ab.“ Was den Vorwurf des Gesamtelternbeirats-Vorsitzenden betrifft, die Eltern seien nicht beteiligt gewesen, so meinte Klaus Buck (CDU): „Die starke Dynamik der Entwicklung deckt die Trägheit der Schulentwicklungsplanung als gewisse Schwäche auf.“ Das soll heißen, dass es eben nicht möglich gewesen sei, alle Beteiligten vor der Entscheidung noch einmal zu einem gemeinsamen Gespräch zu bitten.

Eine Wahrheit, die manche nicht gerne hören, sprach auch Bernhard Most, der Vorsitzende der Fraktion FDP/KiBü aus: „Die Zahlen zeigen, dass es langfristig keine Werkrealschule mehr in Jesingen geben wird.“ Hans Kiefer (CIK) betonte, dass die Elternvertreter der Alleen- und der Mörikeschule an der Entscheidung beteiligt waren. Die Chance für die Mörikeschule sieht er gerade dadurch gegeben, dass sie eine Hauptschule bleibt. Deren Abgänger hätten nach der 9. Klasse dieselben Chancen auf einen Werkrealschulabschluss wie die Schüler einer Werkrealschule.

Dr. Silvia Oberhauser, Fraktionsvorsitzende der Frauenliste, erinnerte in diesem Zusammenhang daran, dass die Werkrealschule ohnehin vielfach kritisch als „Mogelpackung“ gesehen werde. Der Grünen-Fraktionsvorsitzende Andreas Schwarz wertete es als positiv, dass die Schulen zunächst erhalten bleiben, weil er für 2011 eine grundlegende Debatte über das baden-württembergische Schulsystem erwartet: „Da ist es wichtig, die jetzigen Schulstrukturen in Kirchheim zu erhalten.“ Walter Aeugle, Chef der SPD-Fraktion, sprach sich wie seine Vorredner dafür aus, die Entscheidung nicht weiter zu vertagen, denn: „Schuld an der Konfusion ist allein die Landesregierung.“

Letztlich scheiterte sowohl der Antrag des Ötlinger Ortschaftsrats auf Vertagung als auch der des Jesinger Ortschaftsrats auf eine Aufhebung der Schulbezirke: Gegen die Einrichtung der zwei neuen Werkrealschulen und die Beibehaltung des bisherigen Status in Jesingen und Ötlingen stimmten nur zwei Gemeinderatsmitglieder. Bei der zweifachen Abstimmung über die Schulbezirke gab es jeweils nur fünf Stadträte, die nicht für deren Beibehaltung stimmten.