Lokales

„Schulräume hat man nie genug“

Aus der Arbeit der Frauengeschichtswerkstatt: Martha Siegl – Stadträtin von 1956 bis 1962

Kirchheim. Zur Gemeinderatswahl am 11. November 1956 kandidierte nur eine Frau, Hauptlehrerin Martha Siegl (44 Jahre) Sie war Kandidatin der Unabhängigen Wählerliste

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birgit müller

von CDU/FDP. Martha Siegl gehörte keiner Partei an, rechnete sich jedoch laut Bericht des Teckboten vom 12. November 1956 der CDU zu. Im beratenden Sozialausschuss war sie Mitglied, ebenso wurde sie in den Ortsschulrat der Frauenarbeits- und Hauswirtschaftlichen Berufsschule gewählt.

Zum Zeitpunkt ihrer Kandidatur lebte sie bereits seit zehn Jahren in Kirchheim. Als Vertriebene aus ihrer Heimat Böhmen kam sie im März 1946 nach Kirchheim. Sie stammte aus Sangerberg bei Marienbad (Bezirk Eger), wo sie am 7. Juni 1912 geboren wurde.

In Kirchheim unterrichtete sie zunächst an der Volksschule Alleenschule. Von 1960 bis zu ihrer Pensionierung im Jahr 1972 wirkte sie an der Raunerschule und brachte dort den Grundschülerinnen und –schülern das Rechnen, Schreiben und Lesen bei.

Zeitzeugen beschreiben sie als sehr engagiert in ihrem Beruf als Lehrerin, auch ist überliefert, dass sie eine sehr resolute Frau war. Die Schülerinnen und Schüler hatten ihr zu gehorchen. Über ihre Tätigkeit in der Schule hinaus gab sie auch nachmittags privaten Nachhilfeunterricht. So ist es nicht weiter verwunderlich, dass ihr als Stadträtin die Themen Bildung und Jugend sehr am Herzen lagen. Beispielsweise befürwortete sie die Abschaffung der Ausleih- und Aufnahmegebühren für Kinder und Jugendliche in der städtischen Bibliothek und in den Schulbibliotheken.

Besondere Weitsicht auf pädagogischem Gebiet lässt ihr Einsatz für die Einrichtung eines Schulkindergartens in der Teckstadt erkennen. Als dieses Thema im Mai 1958 im Gemeinderat behandelt wurde, argumentierte sie aus ihrer Sachkenntnis heraus für diese Einrichtung. Sie machte klar, dass es ungeheuer wichtig sei, schulpflichtige aber noch nicht schulreife Kinder in ihrer Entwicklung speziell zu fördern. Mit ihrer Meinung stand sie im Gremium jedoch alleine da, denn diese pädagogische Notwendigkeit passte nicht ins Weltbild der 1950er-Jahre. Ein Stadtratskollege meinte während der Diskussion, „Kinder sollten in der Familie erzogen werden“. Auch Oberbürgermeister Kröning sprach von einem heiklen Thema, mit dem sich der Landtag bereits befasst habe. Dort sei man der Meinung, dass die Gemeinden keine Schulpolitik betreiben sollten. So endete damals das Thema Schulkindergarten ohne Beschluss, nur mit Kenntnisnahme durch das Gremium. Es sollte noch bis 1981 dauern, bis in Kirchheim an der Freihof-Grundschule durch eine Elterninitiative ein allgemeiner Schulkindergarten (heute Grundschulförderklasse) eingerichtet wurde.

Mit den Verhältnissen im Gebiet „Rauner“ bestens vertraut, da sie dort ab 1956 in der Eichendorffstraße wohnte, plädierte sie für die Anlegung eines Kinderspielplatzes im dortigen Wohngebiet. Der OB argumentierte gegen ihr Anliegen, denn „Kleinkinder sollten möglichst unter den Augen der Mutter in den einzelnen Höfen ihre Spielkästen bekommen“. Leider folgte das Gremium ihren Argumenten für diese pädagogisch sinnvolle Maßnahme nicht und lehnte einen öffentlichen Kinderspielplatz ab.

Da sie selbst als Lehrerin an der Alleenschule tätig war, war ihr die drangvolle Enge dieses Schulgebäudes sehr vertraut. So setzte sie sich in ihren Wortbeiträgen dafür ein, dass 1958 zügig ein weiterer Klassenraum und ein Ausweichraum für Handarbeit im Max-Eyth-Haus für die Alleenschule hergerichtet werden. Ebenso war es ihr ein Anliegen, die in der Alleenschule untergebrachte Hilfsschule in ein anderes Gebäude zu verlegen.

Als der Gemeinderat im Juli 1962 tagte, besichtigte er vor der Sitzung die Baustelle der Turnhalle Mittelschule (heute Freihof-Realschule) und machte anschließend einen Rundgang durch den Nord-Ost-Flügel des Schulareals. Darauf entspann sich während der anschließenden Sitzung eine lebhafte Diskussion über den Neubau dieses alten Bauteils. Verschiedene Redner stellten Überlegungen an, ob auch in einem zweigeschossigen neuen Gebäude die erforderliche Anzahl an Klassenräumen geschaffen werden könne. Die Stellungnahme von Martha Siegl zu diesem Thema bestätigt aus heutiger Sicht großen Weitblick, indem sie sich unbedingt für einen dreistöckigen Neubau aussprach. Ihre Aussage in diesem Zusammenhang „Schulräume habe man nie genug“ hat bis in die heutige Zeit hinein nichts an Aktualität eingebüßt.

Die Angelegenheiten von Schulen und Sozialem waren ihr zwar ein wichtiges Anliegen. Das hielt sie jedoch nicht davon ab, bei allen Themen „ihren Standpunkt tatkräftig zu vertreten“, wie der Teckbote am 12.12.1962 über die ausscheidenden Stadträte berichtete.

Gelegenheit dazu gab es genug während ihrer sechsjährigen Zugehörigkeit im Gemeinderat. So brachte sie ihre Ansichten mit ein zur Planung des neuen Stadtteils Süd, zu den Haushaltsplänen, zur Parkierung in Wohngebieten, zur Finanzierung des städtischen Wohnbaus, zum Kinderfest, zum Neubau des Hallenbades, zur Vergabepraxis von städtischen Wohnungen und anderen Themen mehr.

Anlässlich ihrer Verabschiedung im Dezember 1962 würdigte Oberbürgermeister Kröning die Verdienste von Stadträtin Martha Siegl mit den Worten: Ungern verliere die Verwaltung eine Frau im Gemeinderat und es sei zu bedauern, dass keine Frau in den neuen Gemeinderat nachrücke – eine Frau die gleich tatkräftig wie Frau Siegl ihren Standpunkt vertrete und herzhaft die Probleme anpacke, die sich stellten. Ihren Lebensabend verbrachte Martha Siegl im Henriettenstift, wo sie am 23. November 1987 starb.