Lokales

"Schulsystem auf neue Füße stellen"

Die Bildungsgewerkschaft GEW geht nach den neuen Übergangsquoten auf weiterführende Schulen davon aus, dass das gegliederte Schulsystem auf Dauer gesehen keine Zukunft hat, und macht sich für integrative Schulen stark.

KREIS ESSLINGEN "An den Hauptschulen wird engagierte Arbeit geleistet, aber wenn diese Schulart von Arbeitgebern und Eltern nicht mehr akzeptiert wird, müssen wir unser Schulsystem auf neue Füße stellen", sagt Hans Dörr, Kreisvorsitzender der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Die Zahlen des Statistischen Landesamtes sprächen eine deutliche Sprache: 1982 wechselten landesweit nur 26,9 Prozent der Grundschüler zum Gymnasium (1997 schon 32,6 Prozent), 26 Prozent auf Realschulen (1997: 29 Prozent) und 43,6 Prozent auf die Hauptschulen (1997: 35,8 Prozent). Zum Schuljahr 2007/08 wechselten in Baden-Württemberg von 112 700 Grundschülern 39,5 Prozent auf Gymnasien 1,3 Prozent mehr als im Vorjahr. Auf die Realschulen gingen 32,8 Prozent und 26,5 Prozent auf die Hauptschulen. Auch der Landkreis Esslingen liege voll im Trend: Bei den Gymnasien wurde die 40-Prozent-Marke übersprungen (40,8 Prozent), die Realschulen liegen bei 33 Prozent und die Übergangsquote auf die Hauptschulen ist bei 25,5 Prozent angelangt.

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"In 10 Bundesländern wird es demnächst keine Hauptschulen mehr geben. Baden-Württemberg gehört zu den Ländern, die bisher nicht auf die Krise unseres Schulsystems reagieren. Wie weit muss die Übertrittsquote auf die Hauptschule noch sinken, bis die Landesregierung reagiert und die Diskussion über integrative Schulen zulässt?" fragt Dörr. In Bremen, Hamburg, im Saarland, in Schleswig-Holstein und in Rheinland-Pfalz sei Bewegung in die Schulstrukturfrage gekommen. Dort werden zwischen 2009 und 2013 neue Schultypen eingeführt.

Umdenken notwendigGleichzeitig warnt die GEW aber davor, nur über Strukturen zu reden: "Ein bloßer Wechsel des Türschildes reicht nicht aus. Notwendig ist ein Umdenken in den Köpfen. Schulstruktur und Schulkultur hängen eng zusammen. Wir streiten für eine Schule, in der der Umgang mit Vielfalt und Heterogenität eine Selbstverständlichkeit ist und in der niemand mehr sagen darf, dass dieses Kind nicht in diese Schule gehört", so Dörr.

Die Hauptschule ist in der Regel in den 60er-Jahren aus der Volksschule entstanden. In Deutschland gibt es rund 5 000 Hauptschulen (Schuljahr 2004/05). Im Schuljahr 2006/07 sank bundesweit die Zahl der Hauptschüler um 6,9 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die Schülerzahl aller allgemeinbildenden Schulen sank im gleichen Zeitraum um 1,6 Prozent. Das Ende der Hauptschule ist in Bremen, Hamburg, in Rheinland-Pfalz, im Saarland und in Schleswig-Holstein beschlossen, in den fünf neuen Bundesländern gibt es keine Hauptschulen.

Hamburg schafft ab 2009 Stadtteilschulen anstelle von Haupt-, Real- und Gesamtschulen. Die anderen Bundesländer gehen ähnliche Wege, dort heißen die neuen Schultypen Regionalschule, erweiterte Realschule oder Sekundarschule. Mehrere Abschlüsse sollen unter einem Dach möglich sein: Von der Berufsschulreife über die mittlere Reife bis zum Fachabitur. In Rheinland-Pfalz sollen die Schüler bis zur Klasse 6 gemeinsam unterrichtet werden, dann folgen abschlussbezogene Klassen. Schülern, die nach der 9. Klasse noch keine Berufsschulreife haben, wird ein spezielles 10. Schuljahr angeboten.

Die GEW erinnert bei jeder Schulstruktur-Debatte: Von den 30 bei PISA untersuchten OECD-Staaten sortieren nur Deutschland und Österreich die Kinder im Alter von zehn Jahren. In der Mehrheit der Länder (19 Staaten) werden Jugendliche auf verschiedene Schularten verteilt, wenn sie zwischen 14 und 16 Jahre alt sind.

pm