Lokales

Schulverweigerern eine zweite Chance geben

"Schulverweigerung Die zweite Chance": Der Titel des jetzt im Landkreis Esslingen gestarteten Projekts ist Programm. Kinder und Jugendliche, die wiederholt oder dauerhaft in der Schule fehlen, sollen durch eine enge Begleitung die Möglichkeit bekommen, wieder im Schulsystem Fuß zu fassen.

KREIS ESSLINGEN Die Jugendhilfe-Einrichtungen Wächterheim und Paulinenpflege in Kirchheim und das von der Stiftung Jugendhilfe aktiv getragene Theodor-Rothschild-Haus in Esslingen haben sich für das Projekt im Landkreis Esslingen zu einem Trägerverbund zusammengeschlossen und zwei Koordinierungsstellen für die Bereiche Esslingen sowie Kirchheim und Nürtingen eingerichtet. Esslingen ist damit einer von fünf Landkreisen in Baden-Württemberg, in denen das Modellprogramm mit 23 Betroffenen durchgeführt wird.

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Gefördert vom Europäischen Sozialfonds sollen im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend dadurch bundesweit knapp 1 500 Schülerinnen und Schüler ab der fünften Klasse eine zweite Chance zum Erreichen eines Schulabschlusses bekommen.

Die Gründe, warum Kinder und Jugendliche den Schulbesuch verweigern, sind vielfältig. Schulangst oder Protest, Probleme mit Lehrern oder Mitschülern sind mögliche Ursachen. "Es können familiäre, soziale aber auch psychische Gründe sein. Deshalb muss auch die Unterstützung maßgeschneidert sein", erklärt Peter Dannenhauer, der Leiter des Wächterheims. "Oft ist Schulverweigerung ein Symptom für tieferliegende Probleme", ergänzt Manfred Sigel, der die Paulinenpflege leitet. Deshalb werden die beiden Projektmitarbeiterinnen Natalie Jandl und Marijela Ferrante nicht nur einen individuellen Förderplan für jeden Einzelnen ausarbeiten, sondern auch möglichst viele Partner ins Boot holen. "Wir wollen außer mit den Schülern mit Schulen, Eltern, Beratungsstellen, sozialen Diensten und der Polizei zusammenarbeiten", erklärt Natalie Jandl. Mit diesen Einrichtungen knüpfen die Projektmitarbeiterinnen in der Startphase Kontakte, um ein Netzwerk aufzubauen. Es gehe darum, das Umfeld für das Thema Schulverweigerung zu sensibilisieren. "Wir wollen möglichst frühzeitig reagieren", weist Peter Dannenhauer auch auf den präventiven Charakter des Projekts hin. "Bisher sind wir als Jugendhilfe-Einrichtungen oft erst spät eingeschaltet worden." Er sieht deshalb in dem Projekt auch die Chance, dass Schulen und Jugendhilfeeinrichtungen sich enger verzahnen.

In den Kontaktstellen in Esslingen und Kirchheim können sich Betroffene aus dem ganzen Landkreis, deren Eltern oder Lehrer, aber auch all diejenigen melden, die Fragen zum Thema Schulverweigerung haben. Wer ins Projekt aufgenommen wird, entscheiden die Projektmitarbeiterinnen.

"Am Anfang geht es uns darum, die Gründe für die Schulverweigerung zu verstehen, dann können wir die geeignete Unterstützung geben und zusätzliche Hilfen organisieren", erläutert Natalie Jandl. Das kann Nachhilfe ebenso sein wie die Stärkung von sozialen Kompetenzen oder auch Elterntraining. Als "eine Art Super-Nanny mit Fokus auf die Schulverweigerung" beschreibt Manfred Sigel die Rolle der Projektmitarbeiterinnen. Wichtig ist Natalie Jandl dabei der enge Kontakt mit der Schule, aber auch mit der Familie des Betroffenen, damit alle an einem Strang ziehen. Gestärkt werden soll auch das Selbstwertgefühl der Schulverweigerer: "Wir wollen den Schülern die Zuversicht geben, dass man Dinge ändern kann", betont Projektleiterin Bettina Zagel.

Wie viele Schulverweigerer es im Landkreis Esslingen gibt, mag sie nicht schätzen. 23 von ihnen aber bekommen jetzt eine neue Chance. Maximal ein Jahr lang werden die Teilnehmer intensiv begleitet. Doch es gebe eine Option auf Verlängerung des Projekts, weiß Bettina Zagel. Und Peter Dannenhauer und Manfred Sigel wünschen sich langfristig eine Dauereinrichtung, die Schulverweigerern zu einer zweiten Chance verhilft.

pm

INFOKontaktadresse: Natalie Jandl, Wächterheim, Schlierbacher Straße 43, 73230 Kirchheim, Telefon 0 70 21/97 36 23, E-Mail 2.Chance@waechterheim.de