Lokales

Schutz vor dem „Sündenfall“

Strukturerhaltender Bebauungsplan für das Klosterviertel angekündigt

Das Klosterviertel erhält einen einheitlichen Bebauungsplan. Damit soll „Sündenfällen“ ­Einhalt geboten werden können, erläuterte Stadtplaner Pohl in Anspielung auf den im Ratsrund kurz zuvor beklagten „Sündenfall im Paradies(le)“. Beiden Quartieren, dem Klosterviertel und dem Paradiesle, ist gemein, dass sie sich über Jahrzehnte hinweg dynamisch entwickelt haben. Bebauungspläne hatten jeweils nur Einzelvorhaben im Blick – leider nicht selten zum Nachteil des typischen Charakters der Areale.

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irene strifler

Kirchheim. „Wir haben schon im Vorfeld Gespräche mit Bürgern geführt“, ging Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker auf die lange Geschichte des neuen Vorhabens ein. Bekanntlich gibt es im Kirchheimer Klosterviertel eine aktive Bürgerschaft. Aus ihrer Mitte kam der Wunsch nach einem einheitlichen Bebauungsplan für ihr Quartier. Im Rahmen eines Stadtteilspaziergangs wurden die Besonderheiten unter die Lupe genommen. Stadtplaner Gernot Pohl erläuterte, dass es auf diese Weise schon gelungen sei, Planungsziele festzulegen. Dass guter Städtebau nur das Resultat einer engagierten Bürgerschaft sein könne, war übrigens schon sein Credo bei seiner Bewerbung für die Stadtplanerstelle in Kirchheim gewesen.

Das Klosterviertel liegt im Osten der Altstadt und erstreckt sich von der Teckstraße bis zum Freibad. Da man zu Fuß in die Stadt gelangen kann, hat sich das Klosterviertel zu einem beliebten Wohnstandort gemausert. Doch die Entwicklung ist von Konflikten geprägt: Erbengemeinschaften wollen teils möglichst hohe Preise für freie Bauflächen erzielen, woge­gen Eigennutzer Interesse an der Beibehaltung des heutigen Zustandes haben. Auslöser für die Konflikte ist der natürliche Generationswechsel. „Das Klosterviertel gerät in einen dynamischen Druck“, fasste Pohl die Entwicklung zusammen.

Der Stadtplaner stellte ein beeindruckendes Nebeneinander verschiedener Bebauungspläne im Klosterviertel vor, die jeweils auf Einzelvorhaben ausgelegt waren. Gemeinsam mit Studenten der Fachhochschule Nürtingen, an der Pohl als Dozent arbeitet, solle nun die Qualität des Quartiers aufgespürt werden. „Wir wollen das Viertel schützen und es entwicklungsfähig machen“, kündigte der Stadtplaner eine „strukturerhaltende Überplanung“ an. Im Rahmen eines Semesterprojekt zum Thema Stadtstrukturen und Innenentwicklung woll das Klosterviertel zum Gegenstand studentischen Interesses werden.

Gernot Pohl betonte, dass gerade Gründerzeitviertel wie eben das Klosterviertel oder auch das Paradiesle bestens geeignet seien, lebendige Stadtteile zu werden beziehungsweise zu bleiben. Speziell das Klosterviertel sei zwar von einer städtischen Struktur geprägt, verfüge doch aber auch über freigehaltene Innenbereiche und ruhige Gartenzonen. Vereinzelt wurde dort schon in der zweiten Reihe gebaut. Der neue Bebauungsplan soll Nachverdichtung ermöglichen, aber Rücksicht auf die städtebaulichen Qualitäten nehmen. Dahinter steckt auch der Wunsch, die Ansprüche an Wirtschaftlichkeit und Ästhetik unter einen Hut zu bekommen.

Im Gremium wurde die Entwicklung für gut befunden. „Es ist quasi fünf vor zwölf“, sagte Hagen Zweifel, Fraktionsvorsitzender der Freien Wähler, und zeigte sich zufrieden, dass wenigstens jetzt noch Anstrengungen angestellt werden, den Charakter des Quartiers dauerhaft zu erhalten. „Jetzt ist die Bevölkerung gefragt, damit sich künftig neue Objekte einfügen ins bisherige Bild“, ergänzte CDU-Mann Dietmar Hoyler, selbst Bewohner des Klosterviertels. „Bisher waren wir weder im Paradiesle noch im Klosterviertel vor Sündenfällen gefeit“, deutete Sabine Bur am Orde-Käß von den Grünen Alternativen so manche bedenkliche Entwicklung an und zeigte sich besonders froh über die eingeplante studentische Arbeit.

Das Schlussplädoyer in der Runde der Rätestatements hielt „Klosterviertel-Urgestein“ Andreas Kenner. Der SPD-Mann offenbarte sofort, seit rund 50 Jahren im Klosterviertel zu leben. Vor diesem Hintergrund erhielt seine Aussage, auch den Wandel zulassen zu wollen, besonderes Gewicht. So machte er klar, dass früher nicht unbedingt alles besser war: „Es gibt im Klosterviertel durchaus schon lange auch große Häuser.“ Konkret verwies er auf Gebäude aus den 20er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Dieselbe Erkenntnis münzte er auch auf die Bewohner des Klosterviertels um. „Auch die neuen Bürger sind ein Gewinn“, betonte er an die Adresse einiger Zugezogener, die im Publikum saßen. Die eher neue Tendenz, alte Strukturen gefühlvoll in neue Pläne integrieren zu wollen, sah er im Wechsel in der Leitung des Stadtplanungsamtes begründet: „Der Blickwinkel ändert sich mit dem Personal: Dr. Oediger kam aus Berlin, Gernot Pohl kommt aus Pfullingen.“ Der neue Stadtplaner konterte schlagfertig: „Und beide haben in Aachen studiert!“

Einstimmig entschieden sich die Räte für die Aufstellung eines Bebauungsplanes „Klosterviertel“.