Lokales

Schwäbisch Sibirien im Blick

„Albgeschichten“ mit Wolfgang Alber und Brigitte und Hermann Bausinger

Kirchheim. Gut besucht war die jüngste Veranstaltung der Reihe literarische Begegnungen der Buchhandlung Zimmermann nicht nur in den Publikumsrängen. Auf der Bühne, auf der Geschäftsführerin Sibylle Mockler üblicherweise einen, in seltenen Ausnahmefällen auch einmal

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WOLF-DIETER TRUPPAT

zwei Autoren begrüßen kann, hatte sich gleich ein sehr belesenes Trio ausgewiesener Kenner der Region versammelt. Ihr Ziel war es, dem Publikum die Schwäbische Alb und vor allem auch ihre gemeinsam herausgegebenen „Albgeschichten“ schmackhaft zu machen.

Mehr als 50 Autoren lassen sie schließlich in ihrem „literarischen Schatzkästlein“ zu Wort kommen und präsentieren auf über 300 Seiten Bekanntes, aber auch viel Unbekanntes, das es zweifellos wert ist, zur Kenntnis genommen zu werden.

Wolfgang Alber eröffnete den in gelungener Dramaturgie gestalteten kurzen, vor allem aber auch sehr kurzweiligen Abend, der schließlich nicht ein Buch vollständig vorstellen, sondern vor allem auf die darin versammelten Texte neugierig machen sollte.

Neben dem Redakteur des „Schwäbischen Tagblatts“, der nach seinem Studium der Soziologie, Empirischen Kulturwissenschaften und Rechtswissenschaft neben seiner journalistischen Tätigkeit auch auf Veröffentlichungen zur Kulturgeschichte und Landeskunde Baden-Württembergs verweisen kann, waren auch Brigitte und Hermann Bausinger nach Kirchheim gekommen, um Interesse für die gemeinsam ausgewählten „Albgeschichten“ zu wecken.

Dr. Brigitte Bausinger, Dramaturgin beim Westdeutschen Rundfunk und Autorin eines Buches über „Literatur in Reutlingen“, präsentierte ihre Fundstücke genauso fesselnd wie ihr Ehemann. Der emeritierte Professor, der an der Universität Tübingen von 1960 bis 1992 das Ludwig-Uhland-Institut für Empirische Kulturwissenschaften leitete und zahlreiche Publikationen zur Alltagskultur, Kulturgeschichte und Landeskunde publiziert hat, ist in Kirchheim von zwei vorangegangenen erfolgreichen „Gastspielen“ bestens bekannt.

Die Ehre, im Kreis verdienter Autoren den Reigen der „Albgeschichten“ zu eröffnen, wurde Peter Härtling gewährt, der mit seinem Gedicht „Die Alb“ die „Annäherung“ an das komplexe Thema Schwäbische Alb einläutete. Auch wenn die drei Herausgeber es sehr spannend fanden, wie sich die Wahrnehmung der Schwäbischen Alb über die Jahre wandelte, präsentieren sie in ihrer abwechslungsreichen Textsammlung keine Chronologie, sondern nähern sich ihrem gemeinsam gewählten Sujet unter thematischen Gesichtspunkten.

Der „Vorzeit“ folgen Texte zum Thema „Wandern“, „Leute“ und „Natur“. „Höhlen“ sowie „Burgen und Berge“ sind weitere Schwerpunkte, bevor „Brüche“ und das Kapitel „Übergang“ endgültig das Finale einleiten. Bei der Lesung wechselten die drei Herausgeber geschickt ihre Rollen. Einer kurzen Vorschau, die die Qualität der folgenden Passagen und die Verdienste der jeweiligen Autoren knapp zusammenfasste, folgten ­appetitanregende Lesepassagen.

Für Friedrich Theodor Vischers „Historische Ballade“ über den Ichthyosaur, der sich „durchs klebrige Urweltgemüs“ zu der Holden gezogen zum zärtlichsten „Ichthyosüß“ wandelt, war genauso Platz wie für Peter Sandmeyers ironietriefenden „Alb Traum“. „Nirgendwo ist Deutschland so verkalkt wie im Südwesten“ stellt er unbarmherzig fest, nachdem er die These formulierte, dass sich die Schwäbische Alb zu den Schweizer Alpen verhält wie Marbach zu Manhattan.

Das berühmte Gestüt im Lautertal ist dann die selbst vorbereitete Steilvorlage für spöttische Erinnerungen an den 1964 erfolgten Deutschlandbesuch der Queen. Die bekennende Pferdefreundin war seinerzeit sicherlich nicht allzu „amused“, statt rassigen weißen Arabern begegnen zu können, im Schiller-Nationalmuseum bleiche Büsten betrachten zu müssen.

Die von Peter Sandmeyer festgehaltene Erkenntnis, dass die Alb „alt und abweisend“ ist und vor allem auch „schlecht in bunte Tourismusprospekte“ passt, wird selbstverständlich relativiert in einem Sammelband, der Erzählungen, Essays und Gedichte aus zwei Jahrhunderten in sich vereint und von Hölderlin bis Hauff, von Uhland bis Mörike, von Johannes R. Becher bis Peter Härtling und von Gerd Gaiser bis Margarete Hannsmann unterschiedlichste Zeitzeugen zu Wort kommen lässt.

Von über 50 Autoren ließ das He­rausgeber-Trio in der Lesung stellvertretend ein gutes Dutzend beredt zu Wort kommen und konnte dem Pub­likum bewusst machen, wie unterschiedlich „Schwäbisch Sibirien“ in der Literatur behandelt wird, wo es „einen Kittel kälter“ ist und die Menschen auf „Teufels Hirnschale“ leben. Facettenreich beleuchtet wird eine „terra incognita im eigenen Land“ und süffisant in Frage gestellt, ob die Menschen tatsächlich „Krombiera“ statt „Kunscht“ brauchen.

Dieser pragmatische Ansatz wird mit dem von Romantikern gezeichneten Gegenbild „Schwäbisch-Arkadien“ konfrontiert, das mit einem „Meer von Landschaften“ aufwartet, das Mörike hinter der „blauen ­Mauer“ des Albtraufs entdeckte.

David Friedrich Weinlands „Rulaman“, der „Harry Potter des 19. Jahrhunderts“, kommt genauso zu Wort wie der Künstler HAP Grieshaber, der im Buch das Schlusswort sprechen darf. Auch wenn die Schwäbische Alb für ihn ein Stück Land ist, „in das man kein Haus hineinbauen möchte und in dem man doch bleiben muss“, ist er überzeugt davon, dass man genau dort weiß, „wo eigentlich Heimat ist“.