Lokales

Schwäbische Wohnmobile direkt aus dem Paradies

KIRCHHEIM/ERBSTETTEN Erbstetten ist ein malerisch gelegener Ort mit 212 Einwohnern im Alb-Donau-Kreis. In dieser Idylle lebt und arbeitet ein Ehepaar, das vor Kurzem

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FRANZISKA PÖSCHL

eine Schäferwagenwerkstatt eröffnet hat. Bei einem Besuch bei Andrea und Ekkehard Bader führt der erste Weg in die Wekstatt, einen umgebauten Pferdestall, wo der frisch gebackene Unternehmer stolz seinen Schäferwagen-Prototyp präsentiert.

Mit den Schäferkarren von einst haben deren Nachfolger nicht mehr viel gemeinsam. Die primitiven Karren, die früher Wanderschäfern als Schlafplatz dienten, haben sich zu gemütlichen Behausungen gemausert, die an vielen Orten eingesetzt werden können. Gartenfreunde können sich genehmigungsfrei einen Wagen in ihren Schrebergarten stellen, Oldtimertraktorenfans übernachten stilgerecht darin, Marktbeschicker können damit authentisch ihre Ware anbieten. Sogar einige Hotels und Gaststätten bieten ihren Gästen inzwischen Urlaub im Schäferwagen an.

"Die Wagen werden in Fachwerkbauweise erstellt, hauptsächlich verwende ich Fichte, da das Holz der Douglasie zu teuer ist", erzählt Ekkehard Bader, "der Boden wird mit Schafwolle oder Hanf gedämmt. Wer seinen Wagen besonders komfortabel ausgestattet haben will, lässt damit auch noch Wände und Decke auskleiden. Das Dach ist hinterlüftet, wie es im Fachjargon heißt, um Hitze abzuhalten, und erhält eine Schieferbitumenabdeckung gegen Witterungseinflüsse."

Auch ein kleiner, gusseiserner Ofen kann auf Wunsch eingebaut werden. Sogar die Fenster stellt der Tüftler in mühevoller Kleinarbeit selbst her. Eine ausgeklügelte Konstruktion aus Tisch und Bänken, eine breite Schlafstatt für die Nacht. Seine Frau Andrea, die sich selbst als "Mädchen für alles" bezeichnet, kümmert sich um die Innenausstattung der Wagen. Vorhänge oder Schlafpolster werden von ihr designt und selbst gefertigt.

Den Wagen sieht man die liebevolle Beschäftigung mit dem Naturstoff Holz und das handwerkliche Geschick an, das sich in Details zeigt.

Bader baut alles, was der Kunde wünscht. "Heute kann ich einen Wagen innerhalb eines Monats fertig stellen, da ich Schablonen, die ich zuerst mühsam fertigen musste, immer wieder verwenden kann. Außerdem kommen mir meine langjährigen Erfahrungen zugute" so der Schäferwagenbauer.

Andrea Bader hat inzwischen im gemütlichen Wohnzimmer Kaffee und Kuchen aufgetischt. Hündin Mila umkreist in der Küche eine große Holzkiste, in der sie vor drei Wochen sechs niedliche Welpen geworfen hat. Beim Kaffee erzählt der gebürtige Ötlinger, wie es zur Gründung der Schäferwagenwerkstatt kam. "Ich bin gelernter Elektromechaniker, arbeite aber schon mit Holz, seit ich mit acht Jahren meine erste Werkzeugkiste bekommen habe. Ich habe auch viele meiner Möbel selbst hergestellt. Den ersten Schäferwagen habe ich zusammen mit Freunden aus allem möglichen Material schon 1976 gebaut, dieser Wagen existiert heute noch. Den haben wir damals als Treffpunkt genutzt."

Sein zweiter Wagen wurde dann 1984 auf einer Reise an den Bodensee, von einem Traktor gezogen, als Wohnmobil genutzt. Die Fahrt dauerte drei Wochen. 1991 entstand ein Zirkuswagen, der sehr komfortabel ausgestattet und heute noch auf dem Anwesen zu besichtigen ist. "Weil ich arbeitslos wurde", erzählt Bader weiter, "kam ich auf die Idee, Schäferwagen professionell zu bauen. Innerhalb kürzester Zeit habe ich einen Businessplan erstellt. Für die Handwerkskammer musste ich einen Nachweis erbringen, dass ich schreinerische Tätigkeiten ausführen darf. Kurzerhand habe ich einen meiner Wagen zu einem Schreinermeister gezogen und dort begutachten lassen. Der Meister war anscheinend von meinen handwerklichen Fähigkeiten überzeugt."

Jetzt hofft er natürlich auf Aufträge, denn er hat sich vorgenommen, dass die Firma bis Ende des Jahres auf eigenen Füßen stehen kann. 1956 hat der letzte Schäferwagenhersteller seinen Betrieb eingestellt. Es gab dafür keinen Bedarf mehr, da die Schäfer im Zeitalter von Elekrozäunen zu Hause schlafen. In Deutschland gibt es außer Baders Werkstatt nur noch einen anderen Schäferwagenbauer.

Ekkehard Baders Begeisterung für Schäferwagen hängt wohl auch mit seiner Liebe zu Natur und Tieren zusammen. Früher bevölkerten Ziegen, Esel, Pferde und sogar ein Leguan das Badersche Grundstück. Bis das 2,5 Hektar große Anwesen versorgt ist, zu dem neben dem großen Haus noch mehrere Scheunen, die Werkstatt, ein Blockhaus, Wald und Wiesen gehören, wird es oft spät. Zeit für andere Hobbys bleibt Andrea und Ekkehard Bader da kaum. Früher boten sie stressgeplagten Großstädtern Übernachtungen in ihrem Blockhaus an, diese Idee konnte sich dann aber leider auf Dauer nicht durchsetzen. Die Baders bewohnen und bewirtschaften ihr Anwesen seit neun Jahren.

Ekkehard Bader zitiert den Tierarzt, der bei früheren Besuchen immer sagte: "Jetzt bin ich wieder im Paradies." Die sieben Kinder der "Patchwork-Familie" Bader sind alle schon aus dem Haus. "Denen ist es hier zu langweilig, es fehlen die Discotheken. Die Ruhe lernt man erst mit zunehmender Lebenserfahrung schätzen." In der Tat fällt es schwer, diesen friedlichen, ruhigen Ort wieder zu verlassen, wo die Zeit doch noch etwas langsamer zu vergehen scheint.

Bader hängt an allen seinen fertiggestellten Wagen und genießt es, sein eigener Herr zu sein und gleichzeitig sein Hobby zum Beruf machen zu können.