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"Schwampel" wäre die "sinnvollste Lösung"

Zwiespältige Gefühle bei Michael Hennrich: Bei den Erststimmen hat er gegenüber 2002 zwar um 2,2 Prozent zugelegt, aber dennoch war für ihn die Enttäuschung über den Wahlausgang größer als die Freude über den persönlichen Erfolg. "Ich hätte lieber selbst ein bisschen weniger gehabt und dafür auf Bundesebene mehr", gestand er gestern Abend in Wolfschlugen.

ANDREAS VOLZ

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WOLFSCHLUGEN "Das Erststimmenergebnis tröstet mich nicht darüber hinweg, dass wir unser Wahlziel nicht erreicht haben", analysierte Michael Hennrich gestern den Wahlausgang rund drei Stunden nachdem die ersten Hochrechnungen auf den Bildschirmen erschienen waren. Die 47,9 Prozent der Erststimmen, die der Kirchheimer CDU-Abgeordnete im Wahlkreis 263 erhalten hat, seien für ihn ein Ansporn, so weiterzumachen, wie er in den letzten drei Jahren Politik betrieben habe. "Aber auch wenn ich persönlich zugelegt habe, hilft uns das bei der Regierungsbildung nicht weiter."

Eine Koalition der Union mit der FDP und den Grünen bezeichnet Michael Hennrich als die "sinnvollste Lösung", weil es in diesem Fall bei den zentralen Arbeitsfeldern am ehesten zur Übereinstimmung kommen könnte. Der Begriff "Schwampel" für die "schwarze Ampelkoalition" ist dem Kirchheimer Unionspolitiker übrigens bei weitem lieber als die Bezeichnung, die sich aus den Flaggenfarben eines Karibikstaats ergibt, "denn ,Jamaika-Koalition' wird den Problemen unseres Landes nicht gerecht". Dass es überhaupt eine Verbindung von Schwarz, Gelb und Grün geben könnte, hält Hennrich vor allem deshalb für möglich, weil sich die Grünen im Vorfeld der Wahlen nicht so eindeutig festgelegt hätten wie die FDP.

Genau aus diesem Grund kann es Michael Hennrich zufolge keine "klassische Ampelkoalition" geben. Das würde er als "Betrug am Wähler" sehen. Das starke Ergebnis der Liberalen führt der CDU-Abgeordnete hauptsächlich auf die Zweitstimmenkampagne der FDP zurück. Das hieße, dass Unionswähler ihre Zweitstimme nur deshalb der FDP gegeben hätten, um damit eine schwarz-gelbe Regierung herbeizuführen. Sollte die FDP nun einer Regierungskoalition ohne CDU/CSU beitreten, rechnet Hennrich mit schwerwiegenden Folgen im Südwesten: "Die Konsequenz müsste dann ein Koalitionsbruch in Baden-Württemberg sein." Das ist einer der Gründe, wa-rum der wiedergewählte Direktkandidat im Wahlkreis Nürtingen-Kirchheim sich nicht vorstellen kann, "dass die FDP zur SPD geht".

Wenn weder die rote noch die schwarze Version der "Ampel" zum Zuge kommt, bleibt nur noch die Große Koalition zwischen CDU und SPD, weil die Sozialdemokraten eine Regierungszusammenarbeit mit der Linkspartei auch unmittelbar nach der Wahl strikt ablehnten. "Die Große Koalition halte ich momentan für das Wahrscheinlichste", prognostizierte Michael Hennrich ernüchtert, nachdem er die Tatsache verdaut hatte, dass das Wahlziel einer schwarz-gelben Regierungsmehrheit nicht erreicht worden war.

"Persönlich halte ich nichts von einer Großen Koalition", hielt Michael Hennrich mit seiner Meinung nicht hinterm Berg. Die Unterschiede seien zu groß, beispielsweise in der Arbeitsmarktpolitik: Die Union fordere mehr Flexibiltät, die SPD bestehe auf dem Kündigungsschutz. "Ich weiß nicht, ob da alle Beteiligten über ihren Schatten springen könnten", sagte der Kirchheimer Abgeordnete gestern bei der Wahlparty seiner Partei in den "Hexenbanner-Stuben" in Wolfschlugen, um dann noch einmal seine ablehnende Haltung gegenüber Schwarz-Rot zu bekräftigen: "Ich glaube nicht, dass eine Große Koalition unser Land wesentlich nach vorne bringt."

Michael Hennrich, der den Wahlsonntag mit seinem jüngeren Sohn Emil in einem Freizeitpark verbracht hatte, sah sich auch nach 18 Uhr noch mit der einen oder anderen Achterbahnfahrt konfrontiert, etwa als er die Wahlkampfstrategie seiner Partei nachträglich durchleuchtete: "Sagt man, was man künftig machen will, oder macht man nur die Regierung schlecht? Wir haben Ersteres gemacht, und das bittere Fazit lautet: Es hat sich nicht bezahlt gemacht." Hennrich fürchtet deshalb um die "politische Kultur" in Deutschland: "Was das für künftige Wahlkämpfe bedeutet, lässt sich denken." In Zukunft dürften Steuererhöhungen und andere unangenehme Wahrheiten also auch bei der CDU erst wieder nach der Wahl zur Diskussion stehen.