Lokales

Schwarzkittel ärgern Jäger

Lenningen räumt Jagdpächtern Sonderkündigungsrecht ein

Lenningen schreibt seine neun Jagdbögen turnusgemäß zum 1. April 2009 aus. Die cleveren Wildschweine sorgen dabei für ein Novum: Erstmals gibt es ein Sonderkündigungsrecht für Jäger, wenn drei Jahre in Folge hohe Wildschäden in Feld und Flur zu begleichen sind.

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Iris Häfner

Lenningen. Ehe die Ausschreibungsmodalitäten zur Verpachtung des ge­meinschaftlichen Jagdbezirks Len­ningen für die Dauer von neun Jahren auf der Tagesordnung der jüngsten Gemeinderatssitzung standen, gab es bereits eine nicht öffentliche Diskussion. „Aus demokratischen Gründen haben wir uns bei den intensiven Vorberatungen für eine Ausschreibung entschieden“, erklärte Bürgermeister Michael Schlecht. Am 9. Januar wird die Ausschreibung im Mitteilungsblatt erscheinen, mit einer Frist von drei Wochen.

Bewerben kann sich, wer bereits Pächter ist, seit mindestens fünf Jahren in Lenningen wohnt, arbeitet oder ein Gewerbe betreibt und auch sonst keine ständige Jagdmöglichkeit besitzt. Andere Bewerber kommen nur dann zum Zug, wenn kein Interes­se an einem Jagdbogen besteht. „Uns sind ortsansässige Jäger wichtig“, sagt Hauptamtsleiter Günther Kern. Diese sind beispielsweise bei einem totgefahrenen Reh oder Wildschwein schnell zur Stelle.

Zunehmend haben die Jäger auch auf Lenninger Markung mit Wildschäden zu kämpfen. „Unser Bannwald ist ein hervorragendes Rückzugsquartier für Schwarzwild“, berichtete Michael Schlecht. Zwar kann es seiner Ansicht nach nicht Aufgabe der Gemeinde sein, für Schäden dieser Art aufzukommen, doch zu einem Kompromiss ist der Schultes bereit. Ein Jagdpächter erhält ein Sonderkündigungsrecht, wenn ihm drei Jahre in Folge mehr als 75 Prozent des jährlichen Pachtbetrags Kosten durch Schäden von Schwarzkittel und Co. entstanden sind.

Zahlen muss der Jäger beispielsweise, wenn Wildschweine einen Acker umgepflügt und sich die Feldfrüchte einverleibt haben. Um dies zu vermeiden, werden hauptsächlich Maisäcker mit Elektrozäunen vor den gefräßigen Säuen geschützt. „Die Schäden durch Wildschweine haben dermaßen überhand genommen, dass wir das Sonderkündigungsrecht den Pächtern zubilligen müssen“, sagt Günther Kern und spricht von einem landesweiten Schwarzkittel-Problem. In Lenningen haben sich Vertreter von Verwaltung, Jägern und Landwirten im Vorfeld der Neuverpachtung an einen Tisch gesetzt, wie mit der Sache am besten umgegangen werden soll. Die neun Jagdbögen teilen sich zurzeit 23 Jäger. Schopfloch ist mit über 1 100 Hektar nicht nur mit Abstand das größte, sondern auch das attraktivste Revier; Schlattstall ist das kleinste mit 218 Hektar.

„Wir Jäger haben nie das Schwarzwild herangezüchtet – auch wenn dies oft und gern behauptet wird“, sagt Kreisjägermeister Bernd Budde von der Jägervereinigung Kirchheim. Für die starke Zunahme der Population gäbe es mehrere Faktoren. Zum einen sei das die milde Witterung. Dadurch entfalle die natürliche Sterberate durch kalte und lange Winter nahezu. „Zum anderen haben die Schweine ein großes Nahrungsangebot, insbesondere an Mais. Ist ein Wildschwein erst einmal in einem Maisfeld drin, bleibt es da“, so Bernd Budde. Laut Angaben der Kreisjägervereinigung Leonberg wurden in den Fünfzigerjahren in Deutschland rund 5 000 Wildschweine geschossen, im Spitzenjahr 2003/04 waren es über 500 000, was einer Steigerung um den Faktor 100 entspricht. „Wenn sich die Sauen sehr wohlfühlen bringen sie statt vier oder fünf Frischlingen zehn oder zwölf zur Welt. Zudem erstreckt sich die Rauschzeit auf das ganze Jahr und schon Überläufer mit etwa 33 Kilogramm Gewicht werden trächtig“, beschreibt Bernd Budde die Anpassungsfähigkeit der Schwarzkittel und die daraus resultierende Reproduktion.

Einfach zu jagen sind die schlauen Tiere nicht, zumal sie sich angewöhnt haben, fast ausschließlich nachts unterwegs zu sein. Dabei legen sie nicht selten Strecken zwischen 20 und 25 Kilometer zurück – und in diesem Revier kennen sie mehr oder weniger jeden Hochsitz. Bei entsprechender Windrichtung nehmen sie mit ihren feinen Nasen in vielen Fällen den Jäger auf seinem Ansitz schneller wahr als diesem lieb ist. Zugute kommt den Tieren auch die perfekte Anpassungsfarbe: dunkelgraue Borsten bilden in der Nacht keinen Kontrast zur Umgebung – es sei denn, bei Vollmond liegt Schnee.

Günther Kern setzt daher auf organisierte Drückjagden, um den Bestand in Grenzen zu halten. Bei Bedarf sollen die Jagdpächter dazu notfalls verpflichtet werden. Etwa 30 Prozent der erlegten Wildschweine kommen laut Aussage von Bernd Budde den Jägern bei Treibjagden vor die Flinte, der große Rest bei der Einzeljagd. „Beim großen Bewegungsdrang des Schwarzwilds helfen nur der Zufall und das Glück, um ein Wildschwein erlegen zu können“, so seine Erfahrung.