Lokales

Schweiz ist plötzlich nicht mehr im Netz

Fernsehzuschauer im Großraum Stuttgart und den Landkreisen Ludwigsburg, Rems Murr, Göppingen und Esslingen rieben sich die Augen: Die Schweiz ist weg. Ihren Kabelkanal belegt "R.TV" mit regionalen Beiträgen, aber auch stundenlangen Verkaufssendungen.

KREIS ESSLINGEN Das Versprechen von vor eineinhalb Jahren gilt nicht mehr: Damals hatte die baden-württembergische Kabelgesellschaft durch ihren Pressesprecher versichert, das Schweizer Fernsehen nicht einem weiteren Verkaufssender zu opfern.

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Jetzt sieht alles ganz anders aus, denn ins enge analoge Kabelnetz drängen immer mehr Neue. Folge: Die Schweiz ist bereits rausgeflogen. Statt ihrer wird seit dem 1. Januar "R.TV" eingespeist, ein Sender, der zwar den Anspruch erhebt, in den Abendstunden ein regionales Nachrichtenmagazin halbstündlich zu wiederholen. Doch während den anderen Zeiten, insbesondere tagsüber, werden Waren und Reisen angepriesen. Damit sind auf den 34 analog empfangbaren Kanälen bereits vier von Werbe- und Verkaufssendern belegt. Mit "R.TV" geht eine Gruppe um Medienunternehmer Fred Dohmen an den Start, die bereits seit Jahren in Böblingen und in Karlsruhe lokales und regionales Fernsehen macht.

Dass sich der Kunde, der für einen Kabelanschluss monatlich 14,50 Euro bezahlen muss, diese mediale Bevormundung nicht gefallen lassen könnte und sich stattdessen künftig mit Satelliten-Schüsseln behilft, befürchtet der neue Pressesprecher Axel Dürr (Heidelberg) nicht. Im Gegenteil: Seit das Netz modernisiert werde, stelle man eine steigende Nachfrage fest. Im Übrigen, so betonte er, sei der private Netzbetreiber weitestgehend an die Vorgaben der Landesmedienanstalt gebunden. Diese habe die Einspeisung von "R.TV" ebenso angeordnet wie vor geraumer Zeit bereits des Verkaufssenders "Sonnenklar", weil damit in der Region Arbeitsplätze geschaffen worden seien. Andererseits dürfe aber auch die Kabelgesellschaft für ein bestimmtes Kontingent eigene Verträge abschließen und dies sei mit zwei anderen Verkaufssendern der Fall. Weil es dabei um lange Laufzeiten gehe, könne nicht auf aktuelle Änderungen reagiert werden.

Dürr verteidigt das neue Programmangebot. Gerade regionale Fernsehsender stießen auf großes Publikumsinteresse, sagt er und gibt zu bedenken, dass der Kanal lediglich tagsüber mit Einverständnis der Landesmedienanstalt an Werbeveranstalter untervermietet werde.

Dass die Schweiz geopfert wurde, hat seinen Grund: Mit ihr besteht kein Vertrag. Eingespeist werden durfte der Sender trotzdem, weil er in verschiedenen Gegenden der betroffenen Region auch mit einer normalen Hausantenne (zumindest in höheren Lagen) zu empfangen ist. In grenznahen Bereichen dürfen in solchen Fällen urheberrechtliche Bestimmungen (bei der Übertragung von Spielfilmen oder Sportveranstaltungen) außer Acht gelassen werden. Mit dem Schweizer Fernsehen verschwindet nun ein weiterer beliebter Sender aus dem Netz. Vor geraumer Zeit bereits wurde ORF 1 geopfert, Federn lassen musste auch der NDR und der MDR.

Die Kabelbetreiber freilich glauben, mit der Modernisierung ihres Netzes (künftig auch für Internet und Telefonieren) die Kundschaft bei Laune zu halten. Schon jetzt sei die Übertragungstechnik digitalisiert, mit der die Kapazität um ein Vielfaches zu erweitern sei, betont Pressesprecher Dürr. Zum Empfang digitaler Programme sei aber eine zusätzliche Kabelbox notwendig.

nwz/pm