Lokales

Schwere Vorwürfe gegen Polizisten

Kirchheimer Beamte sollen einen 19-Jährigen beleidigt und ins Gesicht getreten haben

Ein junger Mann aus Jesingen hat gegenüber dem Teckboten zwei Polizeibeamte aus Kirchheim schwer beschuldigt. Die beiden Männer sollen ihn auf dem Polizeirevier mit rassistischen Parolen beleidigt, ins Gesicht geschlagen und getreten haben. Die Kirchheimer Polizei weist die Vorwürfe zurück.

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Antje Dörr

Kirchheim. Am 25. Dezember letzten Jahres um fünf Uhr morgens fuhr der 19-jährige Mehmet K. (Name der Redaktion bekannt) wenige hundert Meter vor seiner Haustür in Jesingen in ein Verkehrsschild. Der Schüler türkischer Abstammung, der in Nürtingen das ernährungswissenschaftliche Gymnasium besucht, war ohne Führerschein unterwegs. Außerdem hatte er Alkohol getrunken.

Daraufhin sei er zu seinem Elternhaus gegangen und habe zwei Freunde geholt, die sich dort aufhielten, erzählt der 19-Jährige. Als sie zum Auto zurückkehrten, hätten dort bereits zwei Polizeibeamte gewartet, die von Nachbarn verständigt worden waren. Sie nahmen Mehmet K. mit ins Polizeirevier, um ihm für den Alkoholtest Blut abnehmen zu lassen.

Darüber, was dort in den frühen Morgenstunden des 25. Dezember geschah, gibt es unterschiedliche Aussagen. Fest steht: Als Mehmet K. an diesem Morgen in den Streifenwagen stieg, war er unverletzt. Das bestätigten seine beiden Freunde und die Tante, die er zu Hause antraf. Fest steht außerdem: Als ein Anwalt ihn um die Mittagszeit desselben Tages aus der Zelle holte, war der junge Mann laut Anwalt in einem „schlechten Zustand“: „Seine Unterlippe war aufgeplatzt, das Gesicht geschwollen. Er hatte ein blaues Auge und die Kleidung war voller Blut.“ Das Protokoll einer Ärztin, die ihn in der Unfallchirurgie der Klinik Kirchheim am 25. Dezember untersuchte, bestätigt die Verletzungen.

Dass Mehmet K. sich auf dem Polizeirevier Verletzungen zuzog, steht auch in der Strafanzeige, die die Polizeibeamten gegen den junge Mann erstattet haben. Laut dem Dienststellenleiter der Kirchheimer Polizei, Thomas Pitzinger, hatte der junge Mehmet K. sich geweigert, mit auf das Revier zu gehen und hatte die Beamten „auf der Fahrt und der Dienststelle verbal beleidigt“.

Dazu, wie er sich die Verletzungen zugezogen hat, steht in der Anzeige folgendes: Die Beamten hätten den jungen Mann „im Hofraum des Polizeireviers . . . aufgrund seines aggressiven und widerstrebenden Verhaltens mit einfacher körperlicher Gewalt zu Boden verbracht und mittels Handschließe an den Händen verschlossen“. Dabei habe Mehmet K. sich das Nasenbluten zugezogen. Die geplatzte Unterlippe, die Hämatome und das blaue Auge werden in der Anzeige nicht erwähnt.

Aus dem Mund des 19-jährigen Gymnasiasten klingt die Geschichte anders. Als der Streifenwagen im schon erwähnten „Hofraum“ anhielt, habe er die Beamten gefragt, ob er noch schnell eine Zigarette rauchen dürfe, bevor sie ins Revier hineingingen. Darauf habe einer der Beamten, der bis zu diesem Zeitpunkt keineswegs unfreundlich gewesen sei, erwidert: „Nein, und wenn du das tust, schlag‘ ich sie dir aus der Fresse.“

Als er aus dem Wagen aussteigen wollte, habe der Beamte ihn mit der Faust ins Gesicht geschlagen, sodass er den Boden unter den Füßen verloren habe. Der zweite Polizeibeamte habe sich auf seinen Rücken gesetzt und ihm Handschellen angelegt. Der 19-Jährige kann sich diese Reaktion bis heute nicht erklären, da er, im Gegensatz zu dem, was die Beamten behaupten, keinen Widerstand geleistet habe. Wie er in den Verhörraum gelangt sei, wisse er nicht, da der Schlag ihm „ziemlich zugesetzt“ habe.

Als er wieder zu sich gekommen sei, habe er, immer noch mit Handschellen gefesselt, auf einem Stuhl gesessen. Er habe die Beamten darauf hingewiesen, dass er deutscher Staatsbürger sei, seine Rechte kenne und von seinem Recht auf zwei Telefonate Gebrauch machen wolle. Dies hätten die Beamten zunächst ignoriert. Als er weiterhin darauf bestanden habe, seine Eltern und seinen Anwalt anzurufen, sei ihm das mit den Worten: „Jetzt bist du erstmal hier und hast gar keine Rechte, du Scheißtürke“ verwehrt worden.

Die Polizei sagt: Mehmet K. hat die Beamten beleidigt und bedroht

Als er ihnen daraufhin vorgeworfen habe, „Faschisten“ zu sein, habe der erste Beamte ihm wieder ins Gesicht geschlagen, sodass er vom Stuhl auf den Boden gefallen sei. Der andere habe ihn auf die Seite gedreht, woraufhin der erste Beamte ihm mehrmals mit dem Stiefel ins Gesicht getreten habe. Er habe sich nicht wehren können, da er Handschellen getragen habe. Anschließend hätten ihn die Polizeibeamten auf dem Boden in eine sitzende Position aufgerichtet. So habe man gewartet, bis der Arzt kam.

Gegenüber unserer Zeitung wies der Dienststellenleiter der Kirchheimer Polizei, Thomas Pitzinger, die Vorwürfe zurück. Auf die Frage, ob die Beamten Mehmet K. geschlagen und ins Gesicht getreten hätten, sagte er: „Es gibt derzeit keinen Hinweis, dass das Verhalten der damals eingesetzten Beamten zu beanstanden wäre.“

Dass er nach den Tritten ins Gesicht „laut geworden“ sei, die Beamten beleidigt und auf den Boden gespuckt habe, gibt der junge Mann zu. Mehmet K. sagt, er habe weiterhin darauf bestanden, zu telefonieren und habe den Beamten vorgeworfen, ihre Macht zu missbrauchen. Die hätten darauf nur erwidert, dass er Glück hätte, dass sie keine Polizisten in der Türkei seien. Sonst würde es viel schlimmer für ihn ausgehen. Als der Arzt eintraf, habe dieser lediglich Blut abgenommen und seine Nase abgetastet. Weder habe er die aufgeplatzte Lippe versorgt noch ihn gefragt, warum seine Nase so stark blute.

Mehmet K. sagt: Die Beamten haben ihre Macht missbraucht

Mehmet K.‘s Aufforderung, die Verletzungen ins Protokoll aufzunehmen, habe der Arzt ignoriert. Mehmet K. hatte 1,7 Promille Alkohol im Blut. Die Beamten hätten ihn indes aufgefordert, dass er nicht so stark bluten solle und ihn darauf hingewiesen, dass er die Kosten für die Reinigung bezahlen müsse. Die Rechnung, die der Strafanzeige gegen Mehmet K. beigefügt war, liegt dem Teckboten vor.

Der Anwalt des jungen Mannes bereitet eine Strafanzeige gegen die Kirchheimer Polizeibeamten vor.