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Scientology verstärkt in Kirchheim aktiv

Verfassungsschutz warnt: Scientologen sind im Raum Kirchheim wieder verstärkt aktiv

Verstärkt sind in den letzten Monaten Werbungsflyer und Infostände der Scientology-Sekte im Raum Kirchheim aufgetaucht. Diese Organisation wird seit 16 Jahren vom Verfassungsschutz beobachtet. Der Sektenbeauftragte der Landesregierung warnt vor ihr.

Flyer wie dieser landen immer wieder in Kirchheims Briefkästen. Absender: Kecht¿&¿Partner GbR in Jesingen.  Foto: Jean-Luc Jacqu

Flyer wie dieser landen immer wieder in Kirchheims Briefkästen. Absender: Kecht & Partner GbR in Jesingen. Foto: Jean-Luc Jacques

Kirchheim. „Wie oft haben Sie sich gefragt, was nach dem Tod passiert? Ist die Frage nach Himmel und Hölle nur ein Machtinstrument? Wie steht es um die Engel, die einen ins Licht führen und überhaupt: wohin führt dieses Licht?“ Ein Flyer mit diesen Fragen und der Ankündigung, die Antworten in einem spannenden Vortrag zu enthüllen, tauchte vor Wochen in Jesinger Briefkästen auf, unterzeichnet mit Kecht & Partner, Brunnenstraße 29, 73230 Kirchheim unter Teck (Ortsteil Jesingen). Wer dann als interessierter Sterbeforscher auf die Homepage von Kecht & Partner geht, reibt sich verwundert die Augen, denn dort taucht plötzlich der Blog „Teck Mission“ auf.

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Diese „Teck Mission“ ist auch dem Verfassungsschutz Baden-Württemberg bekannt. Sie gehört laut Auskunft der Stuttgarter Behörde zu den besonders aktiven „Missionen“ der Scientology-Organisation in Deutschland, was die Kirchheimer immer wieder unschwer an den Inhalten ihrer Briefkästen erkennen konnten. „Ihr gehören rund 80 Mitglieder an. Personen aus diesem Milieu treten an ihren Infoständen mitunter nicht direkt unter der Bezeichnung „Scientology“ auf, sondern verwenden die Namen vorgetäuschter Sozialprogramme, so zum Beispiel „Sag NEIN zu Drogen, sag JA zum Leben“, so das Amt für Verfassungsschutz.

Im selben Gebäude wie die „Teck Mission“ befinde sich außerdem eine sogenannte Feldauditorengruppe, die unter ihrem eigenen Namen für Seminare und Veranstaltungen wirbt, lautet die Erkenntnis der Verfassungsschützer, deren Bericht 2011 über die Scientology-Organisation unter www.verfassungsschutz-bw.de/publikationen nachzulesen ist.

Das Programm der SO bewerten die Wächter der bundesdeutschen Verfassung, die die Organisation seit 1997 beobachten, als mit der Werteordnung des Grundgesetzes unvereinbar. Zitat aus dem Bericht: „Die „Scientology-Organisation“ (SO) strebt unter dem Begriff „neue Zivilisation“ eine gesellschaftlich-politische Ordnung an, die auf der Lehre L. Ron Hubbards beruht und die ein totalitäres System wäre. Darin wären elementare Grundrechte wie die Menschenwürde, die Meinungs-, Informations- und Pressefreiheit sowie das Demokratie- und das Rechtsstaatsprinzip massiv eingeschränkt oder außer Kraft gesetzt“.

Laut Amt für Verfassungsschutz Baden-Württemberg verschleiere die SO ihre antidemokratischen Ziele nach außen und trete teilweise verdeckt mit scheinbar unabhängigen Hilfsorganisationen auf, etwa „Sag‘ NEIN zu Drogen – sag‘ JA zum Leben“, „Jugend für Menschenrechte“ in Kirchheim, Büros der „Kommission für Verstöße der Psychiatrie gegen Menschenrechte“ (KVPM) in Stuttgart und Karlsruhe und eine „Applied-Scholastics“-Einrichtung (ApS) in Stuttgart bietet als „Professionelles Lerncenter“ Schülernachhilfe an. Dazu gehört auch der SO-Wirtschaftsverband „World Institute of Scientology Enterprises“ (WISE), dem laut Verfassungsschutz in Baden-Württemberg rund 40 bis 60 Mitglieder angehören.

Es ist beinahe anrührend, zu lesen, wie sich die Kirchheimer Scientologen auf ihrer Homepage der „Teck Mission“ beschreiben – sozusagen als Bürger wie Du und ich. Zitat: „Wir sind Nachbarn. Wir sind Familienmenschen. Wir kaufen beim Lidl ein, aber auch beim Kauftreff ums Eck. Wir mögen den Metzger am Eck“ (. . .) „Wenn der Parkplatz – meistens am Wochenende – voller Autos ist, dann liegt es daran, dass viele Leute uns aufsuchen, um zu lernen und ihr Leben zu verbessern“. Das soll wohl Erfolg suggerieren. Es wird aber nicht gesagt, dass die Kursteilnehmer aus ganz Baden-Württemberg kommen, wie sich an den Autokennzeichen unschwer ablesen lässt.

Die Mitgliederwerbung habe nur geringen Erfolg, schätzen die Verfassungsschützer. „Die SO kann nur wenige neue Mitglieder dauerhaft an sich binden und ihre Stagnation nicht überwinden.“ Es sei aber beachtenswert, mit welcher Hartnäckigkeit das SO-Management die anvisierten politischen Ziele verfolge. „Daher kann keine Entwarnung gegeben werden“, so das Amt für Verfassungsschutz Baden-Württemberg.

Das sieht auch der Sektenbeauftragte der Landesregierung nicht anders. „Aktive Scientologen befinden sich in einem Netzwerk, das ganz klar vom SO Management der Organisation gesteuert wird. Das Office of Special Affairs (OSA) passt dabei mit Zukkerbrot und Peitsche auf, dass niemand aus der Reihe tanzt.“ Das OSA ist laut Wikipedia ein mit rechtlichen und nachrichtendienstlichen Aufgaben betrautes Netzwerk innerhalb der Scientology-Organisation, das seit 1983 arbeitet. Zuvor habe der SO-Dienst, der auch Kritiker bespitzelt und kritische Organisationen infiltriert, Guardian Office geheißen.