Lokales

Seelilien-Kolonie und Fischsaurier-Friedhof

HOLZMADEN Angesichts eines Zeitraums von 180 Millionen Jahren darf es auf ein paar Tage hin oder

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IRENE STRIFLER

her nicht ankommen. Entsprechend gelassen sitzt Klaus Nilkens im Präparationssaal des Urwelt-Museums Hauff in Holzmaden und beugt sich über die "Seelilienkolonie". Rund zwei Jahre wurde eifrig an dem Prunkstück aus dem Jurameer gearbeitet. Mit einem selbst gefertigten Stichel mit fein geschliffener Hartmetallspitze macht sich der Präparator hier und da noch zu schaffen. "Keine Sorge, ein paar Tage Arbeit, dann ist alles fertig", lautet seine beruhigende Antwort auf Nachfragen. Lediglich ein paar Feinarbeiten, vom Retuschieren bis zum Konservieren, stehen noch an. Dann geht die Seelilien-Kolonie auf Reisen: Ab 2. September sorgt sie als "Eye-Catcher" für Aufsehen auf der großen Ausstellung in der Eislinger Stadthalle "In einem Meer vor unserer Zeit das Jurameer vor 181 Millionen Jahren".

Noch harrt das Exponat in aller Stille seines ersten öffentlichen Auftritts. Behutsam streicht Museums-Leiter Rolf Hauff über die glatte Fläche und schwärmt von der "brillanten Präparation". Möglich wurde sie durch eine besondere Strahltechnik, die seit etwa einem Jahrzehnt im Museum Hauff angewendet wird.

Die größte Seelilienkolonie, die jemals gefunden und präpariert wurde, ist im Urwelt-Museum Hauff längst ausgestellt. Aber auch die "kleinere Schwester", die schon seit vielen Jahren auf Freilegung gewartet hat, überzeugt in Schönheit und Größe: Drei mal zweieinhalb Meter misst das Exponat, das bald die Blicke fachkundiger Bewunderer aus aller Welt auf sich ziehen wird. Denn es schmückt neben einem knappen Dutzend weiterer Highlights aus dem Hause Hauff eine der außergewöhnlichsten Ausstellungen in der Region. Ihr Kern ist die Präsentation des Eislinger Fischsaurierfriedhofs, der 2002 entdeckt wurde. Als Ursache für sein Entstehen vermuten Fachleute eine Art Ökokatastrophe.

Was auch Laien bei der Ausstellung wahrnehmen können, sind die Unterschiede der Exponate aus dem Eislinger und dem Holzmadener Raum. "Die Eislinger Fundschicht ist eine Million Jahre jünger als die in Holzmaden", betont der Göppinger Kreisarchäologe Dr. Reinhard Rademacher. Daraus ergeben sich gänzlich andere Bedingungen. "Die Erhaltung im Bereich der bekannten Fossil-Fundstätte Holzmaden ist außergewöhnlich gut", erläutert Rolf Hauff, dessen Großvater schon mit seinen ersten Funden den Grundstein für das Museum legte. Unter anderem fehlender Sauerstoff ist Ursache dafür, dass die Fossilien nicht verwirbelt wurden. Außer den Seelilien kann in Eislingen auch ein Ichthyosaurier-Muttertier aus Holzmaden samt Embryonen wie auch ein Ichthyosaurier mit Körperumriss in aller Schönheit bestaunt werden.

In der jüngeren Fundschicht von Eislingen dominieren durcheinandergewirbelte Skelette, deren Knochen etwa beim Fischsaurier-Friedhof dreidimensional erhalten blieben. "Wir haben dort keine ganzen Objekte, deshalb ergänzen die Fundstücke aus dem Holzmadener Posidonienschiefer unsere Ausstellung vortrefflich", freut sich Organisator Rademacher, ein nahezu vollständiges Bild des Jurameer-Ökosystems abbilden zu können. Weitere bislang unbekannte Fundstücke stammen von der Universität Tübingen und der Bayerischen Staatssammlung für Geologie und Paläontologie.

"Die ganze Region hier ist ein El Dorado für Paläontologie", schwärmt der Ausstellungsleiter und ist begeistert über die Zusammenarbeit mit dem Hause Hauff. Rademachers Traum ist ein zusätzliches Museum in Eislingen. Vor seinem geistigen Auge sieht er die Paläontologen zwischen Eislingen und Holzmaden hin und herpendeln: "Auf diese Weise würden tolle Tagesausflüge möglich für alle Menschen, die in Sachen Fossilien auf Achse sind."

Was auch immer von diesen Träumen Realität wird, auf jeden Fall sind derlei Ausflüge schon mal im Herbst möglich. Nicht nur eingefleischte Fans, sondern auch Laien dürfte der Anblick der schmucken Seelilien entzücken. Dabei handelt es sich übrigens nicht um Pflanzen, sondern um Tiere, die heute noch im Südpazifik anzutreffen sind. Gemeinsam mit Muscheln lebten sie an Treibhölzern angeheftet in Kolonien im warmen Jurameer auf dem Gebiet des heutigen Europas.

Auch nach der jüngsten Ausstellung wird es in Holzmaden immer wieder Überraschungen für Fossilienliebhaber geben. "Wir haben noch die eine oder andere schöne Versteinerung im Keller", verrät Hauff schmunzelnd.

INFODie Ausstellung "In einem Meer vor unserer Zeit" findet von 2. September bis 29. Oktober mit einem umfangreichen Rahmenprogramm in der Eislinger Stadthalle statt. Informationen gibt es im Internet unter www.jurameer-eislingen.de.