Lokales

Sehnsucht nach den Lieben

WENDLINGEN Im Spätsommer, wenn der Mond besonders hell und rund am Himmel steht, wird in China das Mondfest gefeiert. Es ist ein Fest, bei dem die Familie zusammenkommt und die, die nicht dabei sein können, mit Liebe und Heimweh an zu Hause denken. Das Mondfest, in diesem Jahr am 28. September, hat Shu-Lin Chen-Habermann als Motto üüber ihren Zyklus chinesischer Lieder gestellt. Als chinesische Christin mit einer westlich-klassischen Musikausbildung ist sie eine Grenzgäängerin zwischen Ost und West. Sie ist nicht die Erste. Chinesische Komponisten, die sich im Westen ausbilden ließßen, gossen die alte Lyrik chinesischer Dichter in die Formen von Klavierpartituren. Aus diesem Fundus schöpfte Shu-Lin Chen-Habermann die Stüücke füür ihre musikalische Reise durch die Jahreszeiten unter dem Motto "Am Mondfest weinen die Platanen".

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Am Flüügel wurde die Sopranistin kongenial von ihrem Neffen Wei-En Hsu begleitet. Der 24-Jäährige spielt seit seinem vierten Lebensjahr Klavier und gab bereits im Alter von zehn Jahren ein Solo-Konzert in den USA, wo er auch ein Stipendium an der renommierten New Yorker Juilliard-Schule hatte. Zurzeit studiert er an der Royal Academy of Music in London. Unterstüützt wurden die beiden von Mechthild Hipp, die an der Musikschule Köngen/Wendlingen lehrt, an der Blockflöte, wobei sie mit einem Solo zu Beginn die zahlreich erschienenen Zuschauer einstimmte. Walter Schimpf, der Kantor der Eusebiuskirche, zeigte sich hoch erfreut, solche außßergewöhnlichen Gääste im evangelischen Gemeindehaus in der Bismarckstraßße begrüßüßen zu können. Musik ist die Sprache, die direkt von Mensch zu Mensch geht, so Schimpf.

Shu-Lin Chen-Habermann singt auf taiwanesisch, aber ihre Stimme füügt die fremden Worte in vertraute Harmonien ein. Neben den vertonten uralten Gedichten stehen auch zeitgenössische Stüücke und Werke europääischer Komponisten wie Franz Liszt auf dem Programm. Ihr Bindeglied ist die Stimmung der Jahreszeiten, ihr gemeinsamer Unterton ist die Sehnsucht nach alten Freunden oder alten Zeiten. Der zarte Schleier der Melancholie wehte durch den Raum.

Ihre Anregungen holten sich die chinesischen Komponisten sowohl bei Ravel oder Tschaikowski als auch bei der traditionellen chinesischen Musik. Die Partituren sind füür Flüügel, Flöte und Sopran. In ihnen findet sich zartes Früühlingserwachen, die Leidenschaft des Sommers, die Melancholie des Herbstes und die Ruhe des Winters wieder.

Nach der Pause zwischen Sommer und Herbst füührte abermals ein Instrumentalstüück die Zuschauer in die Musik zurüück. Als Auftakt und Fanfare leiteten Flüügel und Flöte den Herbst ein. Besonderen Applaus erhielt Wei-En Hsu füür sein "Sonetto" von Franz Liszt. Eine solch hochkaräätige Interpretation ist nicht alle Tage in Wendlingen zu hören. Mit tosendem Applaus wurden die Küünstler gefeiert. Shu-Lin Chen-Habermann und Wei-En Hsu sangen noch eine Zugabe, deren Titel üübersetzt lautet "Du schönste Blume, wo blüühst du denn nur im Herzen, in der Heimat".

nz