Lokales

"Seht ihr unsern Stern dort stehen . . ."

"Seht ihr unsern Stern dort stehen, helles Licht in dunkler Nacht . . ." So schallt es dieser Tage durch viele Hauseingänge. Die Sternsinger sind wieder unterwegs. Landauf, landab tragen sie die christliche Botschaft von der Geburt des Herrn in die Häuser, schreiben den Segen an die Türrahmen und sammeln beachtliche Mengen an Süßigkeiten und Geldspenden.

IRENE STRIFLER

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KIRCHHEIM Auf den Tischen des Gemeindezentrums Peter und Paul in Ötlingen liegen schillerndeStoffberge und goldene Pappkronen, in der Ecke stehen etliche überdimensionale Sterne an langen Holzstecken. Dazwischen wuseln mehrere Dutzend Kinder herum, immer auf der Suche nach dem passenden Kleidungsstück und dem richtigen Accessoire. Doch schon in wenigen Minuten wird sich das scheinbare Chaos wie von Geisterhand auflösen: In elf Kleingrüppchen, jeweils drei bis vier Kinder und ein Erwachsener, schwärmen die Sternsinger vom Gemeindezentrum in die umliegenden Straßen aus oder steuern mit Hilfe von Motorkraft entferntere Gebiete an.

Die Kinder von Peter und Paul gehören wie zahlreiche andere Jungen und Mädchen aus Kirchheim, Weilheim, Lenningen und Umgebung zu einer halben Million Sternsinger, die derzeit in ganz Deutschland unterwegs sind. Allein in Baden-Württemberg beteiligen sich an der Aktion mehr als 50 000 Kinder und Jugendliche.

Nadine möchte unbedingt den prunkvollen roten Königsumhang mit den goldenen Sternchen tragen, und das, obwohl sie den Mohren darstellt, der eigentlich eine Art Kutte trägt. Doch in Peter und Paul wird kräftig improvisiert. Was die Ausstattung anbelangt, kann man hier aus dem Vollen schöpfen. Liebevoll hat Barbara Schneider gemeinsam mit anderen Frauen komplette Ausstattungen für zahllose Könige, Mohren und Sternträger genäht. Über die Jahre hinweg hat sich so manches angesammelt. Ein Schreiner sägte emsig die Sterne zurecht. Köpfchen steckt nicht nur unter den Kronen, sondern auch hinter deren Aufbau: Dank Klettverschlüssen passen sie sich je nach Witterung notfalls auch Stirnbändern und dicken Pudelmützen an.

Es dauert nicht allzu lang, bis die einzelnen Gruppen perfekt ausstaffiert sind. Hier und da teilt Annemarie Kinbacher, die die Organisation in Peter und Paul unter ihren Fittichen hat, noch ein paar Gruppen neu ein. Es gibt krankheitsbedingte Ausfälle, außerdem ist nicht jeder jeden Tag verfügbar.

Die meisten unter den Heiligen drei Königen sind "alte Hasen". So sind die 13-jährige Miriam und die gleichaltrige Nina schon zum dritten Mal mit von der Partie und nehmen nun die achtjährige Marlene als Neuling in die Mitte. Die beiden Großen wissen längst, dass nicht nur prunkvolle Kopfbedeckungen und warme Socken sowie Handschuhe zur unabdingbaren Grundausstattung gehören, sondern auch überdimensionale Taschen. Stolz schwenkt Nina einen Leinenbeutel: "Der ist heut' Abend voll", meint sie siegesgewiss. In den meisten Haushalten gibt's nämlich nicht nur etwas ins Kässchen, sondern auch Süßigkeiten für die emsigen Sternsinger.

Von 15 Uhr bis in die Abendstunden sind die Kinder dieser Tage unterwegs. Manchmal kann's ganz schön zäh sein. Dann nämlich, wenn auch im vierten oder fünften Haus niemand öffnet und das Klingeln ungehört verhallt. Umso größer ist die Freude bei Patrick, Sarah und Nadine, als sich endlich eine Tür auftut und ihnen auch noch ein "Das ist aber schön, dass ihr kommt" entgegenschallt. Die Könige werden in die Wohnung vor den Christbaum gebeten. "Aus fernen Ländern wir gekommen, zu künden die Geburt des Herrn . . .", legt Patrick alias Kaspar los. "Dass Gottes Segen euch begleite, das wünschen wir euch allezeit. Im neuen Jahr sein Geist euch leite, dass Frieden werde hier und heut." schließt Sarah, die Sternträgerin. Gemeinsam singen die drei noch ein Lied, ehe es Dankesworte, gute Wünsche, Schokolade und eine Geldspende gibt. Gewissenhaft bringt Patrick mit seinen zwölf Jahren der Größte in dieser Runde den Segen am oberen Türrahmen auf den neuesten Stand, und weiter geht's.

"Wir klingeln überall", sagt Gerhard Heckel, der als erwachsener Betreuer dabei ist und selbst schon von Kindesbeinen an als einer der heiligen Könige auf Achse war. Der Besuch der Sternsinger ist also heutzutage längst nicht mehr den katholischen Mitbürgern vorbehalten. Hatten es die Organisatoren zeitweise mit Besuchen auf Bestellung probiert, was sich als ungeeignet erwies, so arbeiten sie sich heute straßenweise voran. Auch unter den Kindern sind längst jede Menge evangelische Christen. In der Gruppe mit Patrick, Sarah und Nadine beispielsweise ist der Betreuer der einzelne Katholik. "Das ist schon lange eine recht ökumenische Angelegenheit", bestätigen die emsigen erwachsenen Helfer. Schließlich wird es in Anbetracht des Geburtenrückgangs von Jahr zu Jahr schwieriger, genügend Kinder zu finden, die bereit sind, ganze Nachmittage lang in den Ferien bei Wind und Wetter durch die Straßen zu ziehen.

Diejenigen, die sich dazu melden, genießen die gute Stimmung. In Peter und Paul gibt's zum abendlichen Abschluss was Warmes in den Magen. Die Süßigkeiten teilen die Könige nach ihren "Beutezügen" untereinander auf. Stolz sind sie aber auch auf die prall gefüllten Kässchen, die sie allabendlich abliefern. Die Sternsingeraktion ist längst ein Wirtschaftsfaktor. Im vergangenen Jahr kam die bundesweite Rekordsumme von sage und schreibe 47,45 Millionen Euro zusammen. Heuer steht die Aktion unter dem Motto "Kinder schaffen was! Los ninos lo pueden lograr!" Der Blick soll auf das Schicksal von 352 Millionen Kindern und Jugendlichen gelenkt werden, die weltweit zur Arbeit gezwungen werden. Mit dem gesammelten Geld werden verschiedene Initiativen unterstützt, die betroffene Kinder aus solchen Zwangslagen befreien.

Patrick, Sarah und Nadine sind stolz darauf, Gutes zu tun. Ganz schön müde und abgekämpft, dafür aber mit prall gefüllten Taschen kommen sie nach mehreren Stunden wieder am Gemeindezentrum Peter und Paul an und treffen auf die anderen Sternsinger. Die meisten von ihnen freuen sich jetzt auf Ruhe und auf die nächste Sternsingeraktion im kommenden Jahr.