Lokales

Selten schöne Baustelle dank Ausblick

Fertigstellung der Plochinger Steige verzögert sich – Geologie sorgt für Probleme

Obwohl nur 1,5 Kilometer lang, hat es die Baustelle der Landesstraße 1207 zwischen Kirchheim und Wernau in sich. Um den rutschgefährdeten Hang zu stabilisieren, sind viele Sondermaßnahmen nötig.

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Iris Häfner

Kirchheim. Es gibt so etwas wie einen roten Faden, der sich bezüglich der Plochinger Steige seit ihrem Bau vor über 155 Jahren hindurchzieht: Dank der instabilen Bodenverhältnisse ist sie eine Herausforderung für Bauingenieure und Arbeiter. Heute wie damals geht es darum, die Rutschungen des Hangs in den Griff zu bekommen – und wie einst wird die Maßnahme wegen unvorhergesehener Schwierigkeiten teurer als geplant. Trotzdem schwärmt Bauleiter Klaus Mierke: „Ich habe selten so eine schöne Baustelle gehabt, was die Aussicht anbelangt.“

Was die Altvorderen mit Hilfe der Weinberg-Bautechniken und Sandsteinen in den Griff bekamen, übernimmt nun größtenteils nüchterner, gelb eingefärbter Beton. Damit wollen die Straßenbauer die Aktivitäten des Berges in den Griff bekommen, denn der exponierte Südhang ist ständig in Bewegung. Zwar sind spektakuläre Erdrutsche wie anno 1965, als große Risse die Fahrbahn unpassierbar machten, die Ausnahme, doch ständige Ausbesserungen und ein unebener Straßenbelag kennzeichneten die Straße in der Vergangenheit.

Im Großen und Ganzen bleibt die Streckenführung gleich, ebenso das Niveau. War die Fahrbahn einst zwischen 5,5 und 6 Meter breit, wird sie in Zukunft durchgängig 6,5 Meter breit sein. „Die Steigung bleibt mit 5,5 Prozent gleich“, sagt Straßenbauingenieur Klaus Mierke. Zwei Bereiche der Straße werden jedoch entschärft. Zum Einen die enge Kurve im oberen Bereich der Steige. Zwei große Lkws kamen dort auf der alten Straße nicht aneinander vorbei. Das wird in Zukunft problemlos möglich sein. Im mittleren Teil der Steige wird die große Kurve nicht ganz so schwungvoll weitergeführt. Die einstige Trasse bleibt jedoch insofern erhalten, als dass hier die Sandsteinmauern erhalten bleiben und auf dem frei gewordenen Teil ein Parkplatz für etwa zehn Autos entsteht. Dort kann die Aussicht auf Kirchheim bewundert werden und liegen gebliebenen Fahrzeugen steht eine Ausweichbucht zur Verfügung.

Die Geologie der Steige, die den Straßenbauern Kopfzerbrechen bereitet, ist ein Dorado für Geologen. Unterschiedliche Schichten kamen hinter den Sandsteinmauern zutage. Der Lias ist hier in sämtlichen Schichten wie in einem Schaufenster zu bewundern. „Der Alpha findet sich in Ötlingen in der Lauter“, weiß der Kirchheimer Geologe Dr. Matthias Mader, der auch schon Führungen an der Plochinger Steige angeboten hat. Lias Gamma ist am Fuß der Steige zu sehen, dann folgt beispielsweise Lias Delta mit einer 35 Meter hohen Schicht aus Tonen und Kalkbänken. „Wenn der aufweicht, zerfällt er“, beschreibt der Geologe die chemische Reaktion. Das Ergebnis hat jeder schon in den Händen gehalten: Ton. An der oberen Kurve findet sich Lias Epsilon mit einer dünnen Schicht mit Ammoniten, ebenso Lias Zeta. In dieser „Ebene“ wurde in Eislingen beim Bau der B 10 der Saurierfriedhof entdeckt.

Dass in Kirchheim diese Schicht an derart exponierter Lage zu finden ist, ist nach Ansicht von Matthias Mader einem großen Erdbeben zu verdanken, in dessen Folge das „Kirchheimer Loch“ entstand. Verwerfungen waren die Folge und deshalb ist der Hang der Plochinger Steige „übersteilt“. Diese geologische Besonderheit ist für die Ingenieure eine Herausforderung und für die Arbeiter nicht ungefährlich. Aus diesem Grund wurde hangseits der Steilabfall mit Stahlnetzen gesichert. Immer wieder brachen mehrere Tonnen Lehm-Stein-Gemisch ab. Daraufhin wurde auf der Bergseite fischtreppenartig ein breites Fundament für die Betonmauern geschaffen. Das Gewicht der „Auffüllmasse“ soll die Fundamente stabilisieren und dem Hang Halt geben. Auf der Talseite kommt an verschiedenen Stellen das Prinzip „bewehrte Erde“ zum Einsatz. Dazu werden zahlreiche, acht Meter lange Stahlanker in den Hang getrieben, an denen Kunststoffnetze angebracht und im Boden verlegt werden. Diese Bewehrungsbänder sollen die Zugkräfte aufnehmen und über Reibung in den Boden abtragen. Mit diesem Verfahren hofft Klaus Mierke, den Hang stabilisieren zu können. „Wir können uns eines nicht leisten: Dass wir nächstes Jahr wieder bauen müssen“, ist sich der Bauleiter bewusst.

Diese Zuversicht teilt Matthias Mader nicht in letzter Konsequenz. Für ihn liegt der Hund in der Entwässerung begraben. „Die Altvorderen lösten diese Problematik über Trockenmauern. Dadurch konnte viel Wasser verdunsten. Das sorgte für ein gutes Bodenklima, was wiederum günstig für den Weinbau war“, erklärt der Geologe. Bevor die Reblaus dem Weinbau auch in der Teckstadt ein Ende setzte, prägten Rebstöcke die Hänge der Plochinger Steige. Jenes Kleinklima hinter den Trockenmauern hat nach Ansicht von Matthias Mader wesentlich zur Stabilisierung der Straße beigetragen. An der neuen Steige soll dagegen das Oberflächenwasser der Straße in Leitungen der Lauter zugeführt werden.

Die Überbleibsel der Weinberge sorgten bei den Bauarbeiten neben der Geologie immer wieder für Überraschungen. „Durch die vielen Sondermaßnahmen sind wir etwa drei Wochen im Verzug“, sagt Klaus Mierke. Er rechnet damit, die Straße Ende November für den Verkehr freigeben zu können. Außerdem wird die Sanierung um zehn Prozent teurer. Statt 2,6 Millionen muss das Land nun 2,9 Millionen Euro ausgeben.