Lokales

Sensibler Umgang mit brutalem Ritual

Regina Fährmann aus Neidlingen startet neunmonatige Reise nach Westafrika – Schattentheater gegen Beschneidung

Neidlingen. Sie hat Aids den Kampf angesagt und nutzt ihr Instrument des Schattentheaters auch, um gegen die Beschneidung von Mädchen anzugehen: Ende Oktober will

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Anke Kirsammer

Regina Fährmann aus Neidlingen für ein Dreivierteljahr nach Afrika reisen. Erst im Mai kam die 68-Jährige von einer viermonatigen Reise aus Burkina Faso zurück. Weil sie gesehen hat, wie wirksam das Schattentheater ist, hat Regina Fährmann beschlossen, weitere Gruppen zu schulen, die ihrerseits durch die dünn besiedelten Landschaften ziehen, um Frauen und Männer aufzuklären. „Ich möchte, dass das ein Selbstläufer wird“, sagt die zierliche Frau, für die die Reisen aus gesundheitlichen Gründen immer beschwerlicher werden.

Noch hat Regina Fährmann bis zu ihrer Abreise alle Hände voll zu tun: Das Haus in Neidlingen, in dem sie in Miete wohnt, muss noch ausgeräumt werden. Zudem drückt sie die Sorge, wie sie das Geld für das neuerliche Projekt aufbringen soll, denn der „Förderkreis Aids-Aufklärung in Afrika“, unter dessen Dach sie mit der „Initiative Regenbogen“ ihre Stücke aufführt, finanziert sich ausschließlich über Mitgliedsbeiträge beziehungsweise über Spenden.

Seit mehr als 25 Jahren spielt Regina Fährmann Schattentheater. Begonnen hatte die Liebe zu der Kunstform auf einem Festival in Magdeburg, als sie afrikanische Puppenspieler kennenlernte. Im Jahr 2001 reiste die Neidlingerin zum ersten Mal auf den schwarzen Kontinent. Wollte sie eigentlich von den dortigen Puppentheatern lernen, so drehten die Einheimischen den Spieß um, und baten Regina Fährmann darum, mit ihrem Schauspiel zur Aids-Aufklärung beizutragen. Mit einfachsten Mitteln – einem Leintuch, Figuren aus Karton oder Schlauchreifen und Taschenlampen zur Beleuchtung – tourte sie seitdem mehrfach per Fahrrad, auf Pritschenwagen oder Eselskarren durch Westafrika. „Was unser Spiel so wirksam macht, ist, dass wir es immer in die jeweilige Tradition einbetten“, so die Überzeugung von Regina Fährmann. Bevor sie ihre Stücke ausarbeitet, setzt sie sich deshalb intensiv mit den Bräuchen in den einzelnen Landstrichen auseinander.

Auf ihrer letzten Reise besuchte sie auch ein abseits gelegenes Dorf der Peul, einer Ethnie, die stark an Traditionen festhält und besonders häufig heimliche Beschneidung praktiziert. „Sie hatten offenbar noch nie einen weißen Menschen zu Besuch gehabt“, so deutet Regina Fährmann das ängstliche Verhalten von Erwachsenen und Kindern. Bei ihrer Ankunft seien sie erst einmal in ihren Zelten verschwunden. Auf den Rat eines Einheimischen hängte sie eine neue Szene an: Nachdem die Beschneiderin ihr Messer weggeworfen hat, und die Frauen singend und tanzend die Szene verlassen, erscheint der König und hört sich die gegensätzlichen Meinungen verschiedener Männer zu dem Ritual an, ehe er den Brauch endgültig im Dorf verbietet. „Beschneidung ist zwar eigentlich Frauensache, aber man muss auch die Männer überzeugen“, so die Erfahrung Regina Fährmanns.

Bereits auf ihrer ersten Tournee zur Aids-Aufklärung mit dem Schattentheater „Glück im Unglück“ vor sieben Jahren wurde sie gefragt, ob sie nicht auch ein Stück gegen die Beschneidung machen könnte. „Das habe ich mir damals nicht zugetraut“, bekennt die sensible und doch resolut auftretende Frau. Als sie jedoch sah, wie respektlos bis dahin Aufklärung betrieben wurde, setzte in ihr ein Umdenken ein. „Die Leute aus der Stadt brechen das Tabu so brutal und von oben herab“, sagt Regina Fährmann kopfschüttelnd. Man müsse sich immer vor Augen halten, dass eine Tradition in Frage gestellt werde, die seit Hunderten von Jahren Bestand hat.

Eines ihrer Stücke greift die auf die Genitalverstümmelung zurückzuführende Thematik der vielen Totgeburten auf. In einem Land, in dem Frauen ihre Kinder in einfach ausgestatteten Krankenstationen zur Welt bringen müssen, verhindern von der Beschneidung herrührende Narben und Wucherungen oft, dass eine Geburt natürlich ablaufen kann. Häufig überleben Frauen und Kinder die Entbindung nicht. Besonders eindrücklich wirkt bei dem Schattentheater die Szene, in der die junge Frau ihrem Mann, von Tränen geschüttelt, erzählt, dass ihr Kind gestorben sei, „weil es nicht rechtzeitig kommen konnte“. Gemeinsam mit einer Gruppe von Bäuerinnen hat Regina Fährmann das Stück entwickelt. Ein Videofilm demons­triert, wie sehr sie offenbar den Nerv der Schwarzen trifft. Wenn die hochschwangere Frau von ihrem Mann mit dem Fahrrad zur Entbindung in die Krankenstation gefahren wird, johlen die Zuschauer vor Begeisterung. „Sie finden es komisch, ihre eigene Realität zu erkennen“, erklärt Regina Fährmann. Weil sie ihre Lebensweise erkennen, sind die Einheimischen offen für die Botschaft.

Mit ihrer „Initiative Regenbogen“ tritt Regina Fährmann auf Anfrage auch in der Region auf. Im Jahr 2006 gehörte sie zu den Preisträgern des von Teckboten und der Stiftung der Kreissparkasse Esslingen-Nürtingen ausgelobten Ehrenamtspreises.

Nähere Informationen über die Arbeit von Regina Fährmann finden sich im Internet unter der Adresse www.feuervogel.org. Für Spenden hat der Verein „Förderkreis Aids-Aufklärung in Afrika“ bei der Raiffeisenbank Teck, Bankleitzahl 612 612 13, unter der Nummer 42 015 006 ein Konto eingerichtet.